Melos auf Eis – warum Trump Grönland bekommen wird
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Chris BeckerDie US-Operation „Unbedingte Entschlossenheit“ gegen Venezuelas Ex-Machthaber Maduro bringt die geopolitischen Ambitionen der Vereinigten Staaten und ihres Präsidenten zurück in die Schlagzeilen. Für die Europäer steht dabei das verbale Tauziehen um die gewaltige Arktisinsel Grönland im Fokus, Medienspektakel inklusive.
Was will Trump mit Grönland, und worauf müssen wir uns als Nächstes einstellen?
Eisige Vorgeschichte: Aus einer Insel wird ein Knotenpunkt
Die strategische Bedeutung Grönlands und die historischen, geopolitischen Details würden ein Buch füllen, daher gestatten wir uns lediglich eine kurze Auffrischung der bedeutsamsten Grundlagen. Weil der Globus gar nicht flach und rechteckig ist, sondern ausschaut wie eine durch das Weltall rotierende Kartoffel, liegen Kanada, die USA und Russland sowie die skandinavischen Nationen alle recht nah beieinander. Blickt man „von oben“ auf die Erde, dann sind sie alle kreisförmig um den Nordpol gruppiert.

Donald Trump Jr. besucht am Dienstag, 7. Januar 2025, Nuuk in Grönland. Der Sohn des US-Präsidenten hält sich zu einem privaten Besuch in Grönland auf.
Die zum dänischen Reichsverband gehörende größte Insel der Welt, Grönland, liegt ziemlich nahe im Zentrum des Geschehens und nahe an bestehenden und zukünftigen Handelsrouten. Weil der Weg einer Kugel um ihre Mitte herum sehr viel weiter ist als um den Pol, ist die Reisezeit von Schiffen hier prinzipiell kürzer, und das gilt besonders für die Flugdauer von Frachtflugzeugen oder Lenkflugkörpern („Raketen“) – in beide Richtungen. Strategisch ist die Eisinsel deshalb spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg von Bedeutung, denn sie ermöglichte für die Luftwaffe überlebenswichtige Wettervorhersagen und einen halbwegs tauglichen Stützpunkt für im Nordatlantik operierende Schiffe. Ein Kaufangebot der USA lehnte Dänemark 1946 ab, jedoch handelten die Amerikaner weitreichende Stützpunktrechte aus; vor allem die dort betriebenen Radaranlagen waren Teil eines Frühwarnsystems gegenüber der Sowjetunion.
Nach einer vom Fischfang geprägten Kolonialgeschichte gilt die Insel heute als sehr rohstoffreich, wobei die Ausbeutung dieser Rohstoffe zunehmend technologisch machbar und wirtschaftlich rentabel wird. Durch schmelzendes Eis werden Meeresteile ganzjährig schiffbar und Bodenschätze zugänglich. Schon in der Vergangenheit war die Insel Zankapfel der im Nordmeer operierenden europäischen Nationen wie Großbritannien oder Dänemark; Norwegen verzichtete erst 1933 nach einer Militärkampagne auf seinen Anspruch auf die Insel.

Die Maschine, in der Donald Trump Jr. reiste
Für arktische Verhältnisse ist Grönland geradezu eine Metropole, denn das Leben in der Kälte ist hart und erfordert eine ständige logistische Versorgung von Außen. Gemessen daran hat sich in der Hauptstadt Nuuk das blühende Leben entwickelt. Dennoch: Alle Einwohner würden bequem in die Münchener Allianz-Arena passen, und dann wäre noch immer genug Platz für die knapp 14.000 Soldaten der gesamten Dänischen Streitkräfte.
Eine unverhohlene Forderung
Nun beansprucht also US-Präsident Donald Trump die Insel – so, wie er es bereits in der Vergangenheit immer wieder bekräftigte. Aus der Eröffnung eines US-Konsulates in der Hauptstadt Nuuk 2020 und einigen ungebetenen Besuchen ist inzwischen eine unverhohlene und offene Forderung nach der Übernahme der Insel durch die USA geworden. Geändert hat sich gegenüber dem Frühjahr 2025 im Grunde nichts. Und doch: Die Hubschrauber, mit denen Nicolás Maduro außer Landes gebracht wurde, sind noch nicht einmal kalt, als im Weißen Haus zum ersten Mal das Wort „Grönland“ fällt. Das macht die Europäer nervös.
Klar ist: Käme es zum Schwur, Dänemark könnte Grönland nicht gegenüber einer Großmacht verteidigen, weder wirtschaftlich noch militärisch. Auch das stellt die militärische Drohkulisse aus Washington unter Beweis. Unabhängig von der Legitimität der US-Forderungen stimmt auch die grundlegende Analyse der Trump-Administration: Ja, Grönland ist wichtig für die arktische Sicherheit. Ja, China und Russland machen sich dort, in der westlichen Hemisphäre, breit. Nein, die EU und Dänemark unternehmen nichts bis wenig dagegen.
Militäroperation ohne militärische Ziele?
Droht nun eine „Militäroperation“ zur Sicherung der Insel für die USA? Lautes Nachdenken über einen möglichen US-Militäreinsatz bestimmt die Debatte. Doch was wäre denn das Ziel einer solchen Operation, das sich mit militärischen Mitteln am besten oder überhaupt erreichen lässt?
Ein Luftschlag gegen Anlagen wie im Iran kommt nicht in Frage. Die wenige Infrastruktur möchte man schließlich ausbauen, nicht zerstören. Militärische Ziele gibt es keine, und die USA verfügen bereits über eine legale Militärpräsenz auf der Insel. Verhaftungen einzelner Politiker wären völlig sinnlos, ebenso gibt es keine Aufständischen oder Terrorgruppen, die bekämpft werden können. Das Ergebnis eines Scharmützels mit der lokalen Polizei könnte lediglich das Hissen einer US-Flagge sein. Von der offiziellen Annexion hätten die USA keinen unmittelbaren Vorteil, doch auch ihr müsste kein Militäreinsatz vorausgehen. Show of force? Schon jetzt haben die Amerikaner das Recht, auf Grönland munter durch die Gegend zu fliegen, wenn sie das möchten. Zu guter Letzt ist die Erweiterung der Steuerbasis um sechzigtausend Daunenjackenträger auch nicht gerade ein berauschendes Argument. Immerhin ist die lokale Wirtschaft ohne Milliardensubventionen aus Kopenhagen derzeit gar nicht überlebensfähig.

Grönland: eisig, aber wunderschön
Die Haltelinie einer Grönland-Annexion verläuft derzeit auch eher durch die Flure des Senats und weniger durch den Nordatlantik. Der Kongress mag sich über expansionistische Politik uneins sein, bei der Kontrolle der Exekutive ist man sich jedoch schon eher grün. Die eigentliche Schlagzeile lautet jedoch: Sollten sich die Amerikaner zu irgendetwas irgendwo auf der Welt entscheiden, werden sie die Europäer nicht stoppen können. Die Empörung über die Amerikaner kann diesen Umstand nur vordergründig vernebeln.
Das berühmte Zitat von Thukydides lautet: „Die Starken tun, was sie wollen, und die Schwachen leiden, was sie müssen“. Er beschreibt damit die Übernahme der Insel Melos durch die Athener. Melos ist ein Vasall der Spartaner und möchte am liebsten neutral bleiben, argumentiert mit Recht und Vernunft gegen eine freiwillige Unterwerfung unter die attische Hegemonie. Natürlich verlieren sie den Konflikt.
Moral-Rhetorik zur Grönland-Frage
Ja, die Europäer sind militärisch schwach. Doch tatsächlich liegt in der gegenwärtigen EU- und dänischen Moral-Rhetorik zur Grönland-Frage auch eine innere Spannung, die sich bei konsequenter Anwendung gegen sie selbst richtet. Sie ist das Resultat eines normativen Überhangs. Schließlich ist jeder Verweis auf die Selbstbestimmung Grönlands letztlich unvereinbar mit dem dänischen Anspruch auf das Eiland. Argumentiert man jedoch historisch-kulturell, landet man womöglich rhetorisch näher am Kreml, als einem lieb ist.
Auch eine andere Frage geht völlig unter in der Debatte. Was ist eigentlich das Interesse Dänemarks, Deutschlands, der Europäer in Grönland und der Arktis? Und welche die Mittel, um diese Interessen zu erreichen? Qualitativ sind die skandinavischen NATO-Mitglieder exzellente Winterkrieger, ihre Ausbildung und Ausrüstung den USA sogar überlegen. Doch können sie derzeit nicht auf die richtige Größe skaliert werden. Auch fehlt es an technischer Unterstützung, Logistik und einer großen Flotte. Noch im Oktober verkündete die dänische Regierung den Kauf weiterer US-Kampfjets vom Typ F-35, das deutsch-französische Flugzeugprojekt ist nach langem Hin und Her geplatzt. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Rhetorik und Fähigkeiten wächst in Brüssel also jeden Tag.
Und was wollen die Grönländer?
Die derzeitige Zustimmung zum Reichsverband mit Dänemark entspringt eiskaltem Realismus und einer geschickten Abwägung, die ein kleines Volk, das auf einem großen Schatz thront, beherrschen muss. Die Unabhängigkeit ist ein Ass im Ärmel, eine Trumpfkarte, die Grönland gegenüber Dänemark jederzeit ziehen könnte. In gewisser Weise wäre ein Referendum über die grönländische Unabhängigkeit so etwas wie die grönländische Atombombe, eine Maximaldrohung. Dass andere Mächte ein Interesse an Grönland haben, es also Alternativen zu Kopenhagen gäbe, verbessert die Verhandlungsposition. Teil des EU-Binnenmarktes wollten die Grönländer jedenfalls nicht sein, per Volksabstimmung traten sie schon 1985 aus der EWG aus. Ebenso sind Dollars aus den USA vor Ort sehr willkommen, ganz im Gegensatz zu einem offiziellen Beitritt zu den Vereinigten Staaten – derzeit.
Eroberung oder Kauf? Das 19. Jahrhundert sagt: Leasing
Dass das 19. Jahrhundert mit seiner Geopolitik zurück ist, ist eine der Grundannahmen dieser Kolumne. Wenn der Imperialismus wieder auf der Speisekarte steht, dann lohnt es, historische Fallbeispiele zu untersuchen. Irgendwo zwischen dicken Wälzern und alten Landkarten liegt ein Hinweis auf die Zukunft Grönlands verborgen, und eine Option ist dabei besonders wahrscheinlich.
Historisch betrachtet ist die US-Ambition in Grönland alles andere als ein radikal neuer Typus. Als bekanntestes Beispiel dient die britische Oberherrschaft über Ägypten, das für viele Jahrzehnte formal ein Vasall des Osmanischen Reiches blieb. Auf dem geopolitischen Interesse am Suezkanal basierend und sich aus der massiven Staatsverschuldung Ägyptens ergebend, übernahmen die Engländer durch eine Kombination aus Besatzung und Investitionen zunehmend die faktische Kontrolle über die Fiskal-, später dann die gesamte Sicherheitspolitik Kairos. Zu einer formalen Annexion durch das Empire kam es dabei nie.
Auch das Platt-Amendment zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba, das ein US-Vorrecht in der kubanischen Verfassung verankerte und bis heute den Marinestützpunkt Guantánamo legitimiert, weist historische Parallelen auf. Im Pazifik wiederum übernahmen die Amerikaner vom frisch gebackenen unabhängigen Königreich Hawaii 1887 den Marinestützpunkt Pearl Harbor, heute ist es ein US-Bundesstaat. Barack Obama wurde gut siebzig Jahre später in Honolulu geboren. Fr die damals lebenden Menschen sicher eine aberwitzige Vorstellung, doch können Sie sicher ausschließen, dass ihre Kinder den ersten Inuit-stämmigen US-Präsidenten aus Nuuk erleben werden?

Grönlands Hauptstadt Nuuk
Das passendste historische Beispiel ist aber ein anderes. Zwischen der Eroberung und dem Landkauf gibt es eine ganze Bandbreite von Optionen, die wir heute mit dem Wort „Leasing“ oder einer Pacht beschreiben würden. Im 19. Jahrhundert war diese Option durchaus verbreitet: Bei dem kaiserlich-deutschen Flottenstützpunkt Tsingtau in China handelte es sich nicht um eine Kolonie oder offiziell deutsches Staatsgebiet, sondern um einen erzwungenen Pachtvertrag. Auch der 1997 beendete Status Hongkongs könnte als eine Art Zwangs-Leasing bezeichnet werden, an dutzenden weiteren Beispielen fehlt es nicht.
Was bedeutet das für 2026?
Die USA werden Grönland vermutlich nicht kaufen, nicht erobern – sie werden es leasen. Für Grönland, Dänemark und selbst Europa ist das die beste aller schlechten Optionen.
Und für Trump ist es die perfekte Bühne: Leasing-Verträge lassen sich Real-Estate-mäßig in Szene setzen und dürften vor Kongress und MAGA-Basis viel eher zustimmungsfähig sein als ein eisiger Feldzug. Ein Leasing, also ein Pachtvertrag über Grönland durch die USA, erlaubt den Amerikanern maximale strategische Beinfreiheit sowie große Investitionen in Rohstoffe und Infrastruktur vor Ort. Gleichzeitig bliebe die Insel offiziell autonomes dänisches Territorium, ein Status, der aus der Sicht Kopenhagens ohnehin am seidenen Faden hängt. Den Grönländern wiederum ermöglicht eine zeitlich begrenzte Pacht weiterhin, die Unabhängigkeit am Horizont als Trumpfkarte zu behalten, auf dem Weg zu einer finalen Entscheidung jedoch umfassende Investitionen mitzunehmen. Die EU dürfte sich ihrerseits damit zufriedengeben, dass ein Pachtvertrag, auch wenn er de facto unter militärischem Druck entsteht, den moralischen Vorstellungen über die internationale Ordnung wenigstens der Form nach entspricht.
So oder so werden die USA die Monroe-Doktrin, die in Anlehnung an den Vornamen des derzeitigen Präsidenten heuer auch „Donroe“-Doktrin genannt wird, durchsetzen. Mit Blick auf die MAGA-Wählerbasis und die Gesamtstrategie ist eine punktuelle militärische Show-of-Force mit einem anschließenden Pachtvertrag die wahrscheinlichste Option. Mit einer Konfrontation innerhalb der NATO verlören die USA einen wichtigen Hebel auf dem Kontinent, den der formale Gewinn Grönlands nicht ausgleichen könnte.
Für uns Europäer heißt das: Abwarten und Zuschauen, was passiert. Tun könnten wir ohnehin nichts, und das geht ganz auf unsere Kappe.
Mehr NIUS: Warum Donald Trump wirklich Grönland will
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