Peinlicher Herdentrieb: Wie und warum sich Politiker in Social-Media-Videos blamieren
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Wenn man seine Frühstücks-Croissants zu den Klängen von „La Paloma Blanca“ (1975) zum Schreibtisch trägt, hat man es geschafft. In ein Staatssekretärsbüro zumindest. Dort kann man auch aus seiner „Staatssekretär“-Tasse den Espresso trinken. Wenn man es bis zum Minister geschafft hat, kann man sich hölzern in den Flur stellen und sagen: „Moin, ich bin Johann Wadephul, der neue deutsche Außenminister.“ Als Minister kann man sich auch mit albernen Patsche-Händchen wie eine Seerobbe selbst applaudieren, weil man die Geduld aufbringt, auf das eigene Gesetz zu warten oder in tapsigen Schritten auf den Reichstag zu staksen, wo man sich auf sein Mandat freut.
Schaut man nicht erst in diesen Tagen die Social-Media-Accounts von Politikern durch, dann möchte man Obst davor in Schutz nehmen, dass sich viele Politiker zu nämlichen machen. Modernisierungsstaatssekretär Philipp Amthor (CDU) trägt seine Croissants durch die Gegend, Ulrich Lange (CSU) nimmt seine Espresso-Tasse aus dem Schrank, Bau-Ministerin Verena Hubertz (SPD) gibt sich nicht die Ehre, sondern mit Selbst-Beifall die Blöße, die schlicht gestrickte Social-Media-Leute angerichtet haben.
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Kultur der Distanzlosigkeit
Wer sich über „Hass und Hetze“ im Netz beklagt, sollte die freiwillige Selbstentwürdigung von Politikern und anderen Amtsträgern nicht vergessen, die Schamgrenzen unterschreitet und eine Kultur der Distanzlosigkeit schafft, die schnell in Verächtlichkeit gegenüber dem gesamten Politikbetrieb umschlagen kann. Der Kanzler wirft huldvolle Kusshände vom Balkon den Massen auf dem Oktoberfest entgegen, Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) präsentiert sich von einer „schweren Haushaltswoche“ in Turnzeug beim angeblichen „Auspowern“ in der Sporthalle, während das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Asiatin mit leeren Töpfen über Sauerbraten und Hausfrauendasein in der angestrengten Lockerheit feministischer Belehrungspointen parlieren lässt.
All das ist zum Fremdschämen, folgt aber der Logik, dass Social Media wichtig sei, um nicht nur als dröger Amtsschimmel rüberzukommen. Sieht man sich die vielen Filmchen genauer an, dann verraten sie eine Menge über den politischen Herdentrieb, irgendwie en vogue sein zu wollen, gemocht und für irgendwie originell befunden zu werden. Die Expertise darüber, wie das geht, gibt man mangels eigener Maßstäbe an Leute ab, die ein Handy halten und zwei Schnittprogramme bedienen können, ansonsten aber weder politisch noch vom Stil her mitdenken.

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) präsentiert sich von einer „schweren Haushaltswoche“ in Turnzeug beim angeblichen „Auspowern“ in der Sporthalle.
Trends gesetzt von Teenagern
Anstatt sich auf das eigene Gespür und den eigenen Maßstab für Würde, Persönlichkeit und Ernsthaftigkeit der Aufgabe zu verlassen, verramschen Menschen ihre Glaubwürdigkeit in kindischen Slapstick-Streifen, von denen man ihnen gesagt hat, dass sie heute irgendwie dazugehören und das Profil der Persönlichkeit angeblich abrunden und erweitern. Leute, die es mit Ehrgeiz und Energie in Führungspositionen geschafft haben, laufen Trends nach, die nicht selten Teenager setzen.
Derzeit zum Beispiel muss man sich unter Bäume mit bunten Blättern stellen und erklären, ob und warum man ein „Herbst-Typ“ („I’m an autumn“) sei. Vor Jahren kippte man sich kollektiv Eiswasserkübel über den Kopf, demnächst spielt man womöglich Gummihopse. Dabeisein ist alles. Auf Social Media ist das ganze Jahr Karneval.
Wer dazugehören will, erklärt Unsinn zur Wahrheit
„Isolationsangst“ nennen das die Psychologen und haben in verstörenden Experimenten nachgewiesen, dass viele Menschen lieber offenkundigen Unsinn zur Wahrheit erklären, um zur Mehrheit einer Gruppe zu gehören, die sich vorher abgesprochen hat, Falsches für richtig zu halten. Und genau hier schlägt die vermeintliche Harmlosigkeit alberner Video-Streifen um ins politisch Bedenkliche. Wenn nur hinreichend viele über Jahre erklären, dass CO2-Bepreisung Marktwirtschaft sei und man in Deutschland – koste es, was es wolle – damit beginnen müsse, den weltweiten Klimawandel zu stoppen, dann wird das irgendwann zur Herdenmeinung, bei der man Zweifel besser unterdrückt und keine Fragen stellt.
Als im Sommer 2022 die Energiepreise wegen der Embargos rund um den Ukraine-Krieg durch die Decke gingen, beschloss die Bundesregierung rasch einen Tankrabatt und subventionierte die Gaspreise, damit die Wirkung bei den Leuten nicht allzu schmerzhaft spürbar war. Ein Effekt, der im Zuge der CO2-Bepreisung ausdrücklich gewollt und beschlossen ist (Friedrich Merz: „Zunächst einmal wird es teurer …“). Ich habe damals viele Politiker gefragt, ob sie das nicht nachdenklich mache. Tat es nicht. Wenn jetzt Evonik-Chef Christian Kullmann auf die ruinöse Preistreiberei des Zertifikate-Handels hinweist, getrauen sich noch immer viele Politiker nicht, aussprechen, dass der Klimaschutz-Kaiser nackt ist.

„Es wird teurer...“, verkündete Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
Besser peinlich als politisch unkorrekt
Demokratie ist die Herrschaft der Mittelklugen. Die größten Deppen bekommen keine Mehrheit, die überdurchschnittlich Klugen allerdings auch nicht. Wer von Anfang an den Verdacht hatte, dass eine Industriegesellschaft mit unsteter Energie aus Wind und Sonne nicht den Sprung in die Zukunft schafft, galt als Spinner, Bremser, Leugner. Wer den Verzicht auf Wehrhaftigkeit beim Aussetzen der Wehrpflicht und den Ausstieg aus der Kernkraft für nicht durchdacht und gefährlich hielt, war isoliert und hielt lieber den Mund. Wer warnt, dass Milliardenkredite die Inflation treiben und das Euro-System zerstören könnten, behält das besser für sich. Wer die deutsche Migrationspolitik für eine Zerstörung der Gesellschaft hält, muss damit leben, dass er an den rechten Rand gestellt wird.
Mein Tipp: Machen Sie doch lieber ein Herbst-Video. Sind Sie nicht auch ein Herbst-Typ? Nein? Egal. Sagen Sie einfach irgendwas. Damit sind Sie auf jeden Fall auf der sicheren Seite. Lieber peinlich als politisch unkorrekt.
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Ralf Schuler
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