Sofortprogramm für 20 Millionen Euro vorgestellt: Bahn verspricht „mehr Komfort in den Fernzügen“, will aber nur mehr reinigen und heißen Kaffee anbieten
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Claudio CasulaDie marode Bahn hat einen „Neustart“ versprochen und kündigt jetzt groß „mehr Komfort“ an. Unterm Strich werden aber nur mehr Reinigungskräfte eingesetzt und das Angebot im Bordbistro „verlässlich“ gemacht.
Nur 14 Prozent aller DB-Fernzüge waren im Jahr 2024 pünktlich. Die Chefin der Frachtsparte DB Cargo, Sigrid Nikutta, wurde gefeuert, jüngst auch die Finanzvorständin Karin Dohm – nach nur drei Monaten. Und die Sanierung der Strecke Hamburg – Berlin läuft nur teilweise und zieht sich hin.
Doch jetzt verkündet die Bahn gute Nachrichten: Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder und DB-Personenfernverkehrsvorstand Michael Peterson haben heute im ICE-Werk Berlin-Rummelsburg die Eckpunkte des gemeinsamen Sofortprogramms „Mehr Komfort in den Zügen des Fernverkehrs“ vorgestellt. Allzu hohe Erwartungen sollten Bahn-Kunden nicht hegen, denn das Programm, Teil der „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“ des Bundes, sieht kaum Verbesserungen vor.

DB-Personenfernverkehrsvorstand Michael Peterson stellte das Sofortprogramm vor.
„Doppelt so viele Unterwegsreiniger:innen“
„Ab sofort heißt es: spürbar mehr Komfort im Fernverkehr“, tat Verkehrsminister Patrick Schnieder kund. Dabei wäre das Versprochene lediglich die Bereitstellung von selbstverständlichen Leistungen, von Sauberkeit im Zug bis zur Verfügbarkeit von Speisen und Getränken, für die man schließlich recht happige Preise zahlt.
Aber offenbar wird auch die Bereitstellung von „mobilen Instandhaltungseinheiten“ („Fachexperten an den Knotenbahnhöfen in Frankfurt, München, Hamburg und Berlin“), die defekte Zugtoiletten und Kaffeemaschinen reparieren sollen, als Meilenstein gefeiert.
Auf den viel genutzten Verbindungen sollen „doppelt so viele Unterwegsreiniger:innen“ wie heute unterwegs sein, 220 Reinigungskräfte täglich statt 110. An einigen Bahnhöfen sollen Sonderreinigungstrupps bereitstehen und mehr Teppiche in ICE-Zügen sollen gesäubert werden – eine Fläche, die der von sechs statt bisher vier Fußballfeldern entspricht, wie die Bahn ebenso anschaulich wie sinnlos vorrechnet.

Hurra, es wird mehr Staub gesaugt!
Bald nicht mehr nur kalte Küche im Bordrestaurant?
Stichwort Wartung: Anfällige Bauteile in Kaffeemaschinen, aber auch störungsanfällige Komponenten im WC sollen künftig intensiver gewartet und nicht erst ausgetauscht werden, wenn sie kaputt sind. Im Grunde verspricht die Bahn nur die Bereitstellung von Leistungen, die der Reisende für den Preis seines Tickets – abgesehen von Pünktlichkeit oder Sicherheit – ohnehin erwartet: dass er während einer längeren Reise mal auf die Toilette kann oder das Bordrestaurant geöffnet ist und „durch optimierte Logistikprozesse“ auch das meiste von dem anbieten kann, was auf der Karte steht. Damit meint die Bahn, ein „noch besserer Gastgeber“ zu sein,
Da ist tatsächlich noch viel Luft nach oben. 2022 etwa waren im Durchschnitt 84 Fernzüge pro Tag von Gastro-Störungen (geschlossenes Bistro, keine warmen Speisen, defekte Kaffeemaschinen etc.) betroffen. Eine Entschädigung dafür gibt es nicht, weil es sich um eine „freiwillige Zusatzleistung“ handelt.
Nachdem Ende Januar das erste Sofortprogramm Maßnahmen für mehr Sauberkeit und Sicherheit an Bahnhöfen benannte, ist der vermeintlich erhöhte Komfort das zweite von drei Sofortprogrammen, ein drittes soll schließlich „eine noch bessere Kundenkommunikation“ sicherstellen.
Die Hauptprobleme scheinen den Verantwortlichen klar zu sein, vor allem Pünktlichkeit und Sicherheit, die auch am schwierigsten zu lösen sind. Wie NIUS ausrechnete, fährt nur jeder siebte IC oder ICE in Deutschland planmäßig. 2024 erreichten 85,92 Prozent der Züge verspätet oder mit Teilausfällen ihr Ziel.

„Mehr Konfort“: Defekte Sanitäranlagen sollen schneller repariert werden.
Fun Fact: Nach der Sanierung dauert die Fahrt länger
Am Beispiel der Generalsanierung der Strecke zwischen den beiden größten Städten Deutschlands, Berlin und Hamburg, lässt sich die Misere der Bahn anschaulich darstellen.
2,2 Milliarden Euro kosten die Arbeiten, für die die Strecke seit Anfang August 2025 gesperrt ist und weswegen sich die Fahrzeit (u. a. durch eine Umleitung via Stendal und Uelzen) um 45 Minuten verlängert. Saniert werden Gleise und Weichen, Oberleitungen und Technik, außerdem 28 Bahnhöfe modernisiert. Allerdings ist die Sanierung durchaus nicht „komplett“. Bahnexperte Felix Berschin meint, gerade einmal 10 bis 15 Prozent der Anlagen entlang der 280 Kilometer langen Strecke würden instandgesetzt, was die Bahn aber zurückweist.
Fest steht: Das ETCS (European Train Control System), ein modernes digitales Zugsicherungssystem, das höhere Geschwindigkeiten und bessere Effizienz ermöglichen würde, wird nicht eingeführt. Deshalb wird nicht einmal eine Fahrzeitverkürzung erreicht. Im Gegenteil: Nach der Sanierung wird die Fahrzeit für ICE-Züge sogar länger – 107 statt 103 Minuten.

Mehr PR als echte Verbesserung: das Sofortprogramm für „mehr Komfort“.
Weiter Tal der toten Augen zwischen Hamburg und Berlin
Auch die Internetverbindung (WLAN) in den Zügen auf dieser Strecke wird in der aktuellen Sanierung nicht verbessert – eine schlechte Nachricht für Reisende, die zwischen den Metropolen (in ländlichen Gebieten mit miserabler Mobilfunkabdeckung) Funklöcher, Abbrüche und langsame Verbindungen gewohnt waren und auf Besserung hofften.
Bei vollen Zügen reicht die Bandbreite älterer WLAN-Systeme nicht aus; Streaming oder Arbeiten für viele Nutzer gleichzeitig ist oft unmöglich. Die DB rüstet schrittweise auf – etwa mit 5G-Router und verbesserten Fenstern –, aber das ist kein Teil der aktuellen Streckensanierung.
Zudem hat die Bahn mitgeteilt, dass sie aufgrund des Winterwetters mit Frost und Schnee den Termin zur Fertigstellung der Streckensanierung Ende April nicht einhalten kann – die Arbeiten sind der DB zufolge seit sechs Wochen in Verzug. Erst am 13. März will der bundeseigene Konzern mitteilen, wann auf der Strecke wieder Züge fahren können.

Endgegner Winter: Die Generalsanierung der Strecke Hamburg – Berlin wird nicht pünktlich beendet.
Himmelfahrtskommando „Taskforce zuverlässige Bahn“
Angesichts des Gesamt-Desasters wirken intensivierte Teppichreinigung und mehr Klempner für die Bordtoilette eher mickrig, da kann die Bahn noch so stolz „mehr Komfort“ verkünden. Was den Bahnkunden wirklich am Herzen liegt – nämlich sicher und verlässlich von A nach B zu reisen –, wird weiter auf sich warten lassen. Bahnchefin Evelyn Palla hat längst eingeräumt, dass die Sanierung der maroden Infrastruktur, die für einen Großteil der Verzögerungen verantwortlich sei, noch Jahre dauern werde.
Bis 2029 sollen 70 Prozent der Fernzüge pünktlich fahren, das haben sich Bund und Bahn vorgenommen – also in drei Jahren gut zwei Drittel. Sehr ambitioniert klingt das nicht. Ende November hat das Bundesverkehrsministerium eine „Taskforce zuverlässige Bahn“ gebildet, der 35 Vertreter von Bund und Ländern, regionalen Verkehrsverbünden, Konkurrenten der Bahn, Branchenverbänden, Gewerkschaften und externe Experten angehören. Sie sollen bis Ostern Vorschläge für mehr Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der Bahn erarbeiten, die 2027 zum Tragen kommen sollen.
Sehen wir es positiv: Wenn die Bahn Krise als Chance begreift, sind die Chancen riesig.
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