Wie ein Asylbewerber aus Gambia die Gemeinde Waldtann terrorisiert – und die Politik dabei zuschaut
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Vielleicht wird der 13. Juni als der Tag in die Geschichte des Örtchens Waldtann eingehen, an dem plötzlich nichts mehr so war, wie es einst war: An diesem 13. Juni steht morgens gegen 6:30 Uhr ein 33-Jähriger vor der Bäckerei des kleinen Orts in Baden-Württemberg. Seine Augen seien schon frühmorgens rot gewesen, wird später eine Frau sagen. Mit einem Stein versucht er, den Laden zu entglasen. Später wird er einen Kaffee bestellen, ohne zu bezahlen, eine Flasche Schnaps nehmen und damit seine Füße waschen – und Verkäuferinnen der Bäckerei mit dem Messer bedrohen. Er wird dabei, so werden es Zeugen schildern, psychotisch wirken, „so, als sei er auf Drogen oder Medikamenten“.
In Waldtann, einem 800-Einwohner-Dorf östlich von Schwäbisch Hall und Crailsheim, kann man aktuell im Kleinen beobachten, wie die deutsche Flüchtlingspolitik im Großen scheitert: Das baden-württembergische Dorf, das zur Gemeinde Kreßberg gehört, kommt seit Monaten nicht zur Ruhe, weil der 33-jährige Asylbewerber Lamin J. aus Gambia das Dorf terrorisiert. Und: Es scheint keine Lösung für das Problem zu geben.
Ein Mann, der mit NIUS sprach, aber anonym bleiben möchte, sagt: „Die Stimmung ist extrem aufgeheizt. Die Menschen wissen nicht, ob sie hier weiter arbeiten können, ohne Angst um ihr Leben zu haben.“ Eine andere Frau berichtet: „Wir sind als Dorfgemeinde inzwischen am Punkt, wo wir ratlos sind, aber wissen: So kann es nicht weitergehen.“
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In Haft, wieder raus, wieder Probleme
Wenn man verstehen will, was die Frau mit dem Satz „So kann es nicht weitergehen“ meint, muss man rekapitulieren: Seit dem vergangenen Sommer ist das Dorf Waldtann auch die Heimat von Lamin J. Dieser kam im Rahmen des Verteilungsprogramms Baden-Württemberg aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Blaufeld, er bezog ein Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft am Rathaus. Baden-Württemberg gilt dabei als Bundesland mit Hauptzuständigkeit für Gambier, weil hier die Asylanträge von der Karlsruher Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) koordiniert werden. Von den mehr als 15.000 Gambiern in Deutschland lebten 2021 fast 9.000 in Baden-Württemberg. Von diesen waren mehr als die Hälfte ausreisepflichtig.
Nicht überall verläuft das konfliktfrei: Seit Lamin J. in der Gemeinde lebt, gebe es Probleme, berichten mehrere Anwohner, mit denen NIUS sprechen konnte. Dies begann schon im vergangenen Sommer, als der Gambier eine Verwaltungsmitarbeiterin des Rathauses bespuckt, Rauchmelder abgeschlagen und Autos beschädigt hat. Mehrere Bewohner Waldtanns bestätigen den Vorfall; auch im Gemeinderat wurde er diskutiert. Ende des Jahres wurde er wegen Diebstahl und Beleidigung verurteilt, ging für sieben Monate in Haft. Doch seit Mai ist er in der Gemeinde zurück – und wieder gibt es Probleme.
Mehrere Waldtanner berichten etwa, dass es regelmäßig zu brenzligen „Situationen“ an Bushaltestellen komme, bei denen er Menschen anpöbelt und Kindern auflauert. Eine Person hat ihn in den Morgenstunden schreiend durch die Straßen laufen sehen. Und erst kürzlich wurde die Dorfgemeinde Zeuge, wie Lamin J. Möbel aus seinem Zimmer auf die offene Straße geworfen hat. Wie im Gemeinderat im Juli kommuniziert wurde, trifft sich seine Integrationshelferin aus Angst nicht mehr alleine mit ihm, sondern lediglich an öffentlichen Orten. Auch im benachbarten Crailsheim soll der Asylbewerber auffällig geworden sein, etwa, als er gezielt den Verkehr aufhielt.

Lamin J. in Crailsheim.
Warum interveniert die Gemeinde nicht?
Inzwischen ist der Fall zum Politikum geworden. Bei einer Gemeinderatsitzung mit rund 100 Besuchern am 31. Juli sollte das Thema adressiert werden. Die meisten der über 100 anwesenden Bürgerinnen und Bürger wollten wissen, wie es mit dem Asylbewerber weitergehen wird. Die parteilose Bürgermeisterin Annemarie Mürter-Mayer sagte im Zusammenhang mit Lamin J.: „Das ist nicht üblich auf dem Dorf, dass man Angst haben muss, wenn man aus der Haustür rausgeht.“ Aber sie sagte auch, dass sie machtlos sei. Und es „keine Handhabe“ gebe. Auf Anfrage von NIUS wollte sich Mürter-Mayer nicht äußern.
Die Polizei, die den 33-Jährigen auf richterliche Anordnung mehrmals in Gewahrsam nahm, aber wieder freilassen musste und aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskunft darüber geben kann, warum sie bereits mit Lamin J. zu tun hatte, hat im Ort die Präsenz erhöht, wie sie NIUS mitteilte. Aber sie sagt auch: „Eine dauerhafte Polizeipräsenz ist jedoch nicht möglich und wäre auch nicht sachgerecht.“ Heißt konkret: Die Polizei hat nicht die Ressourcen, wegen eines Asylbewerbers dauerthaft die Sicherheit im öffentlichen Raum in einem kleinen Ort zu garantieren. Eine Verlegung des Asylbewerbers durch das Landratsamt in eine größere Einrichtung ist zudem „nicht möglich“, wie aus einem Schreiben des Landrats hervorgeht.
Auch nach einer Beauftragung von Securitydiensten in Waldtann war von der Bürgerschaft gefragt worden. Bürgermeisterin Mürter-Mayer verwies darauf, dass man bei zwei Sicherheitsdiensten angefragt habe. Beide hätten sich nicht zurückgemeldet. Der Landrat wurde schließlich informiert, der daraufhin Kontakt zu dem CDU-Abgeordneten Siegfried Lorek hergestellt hat, dem die Stabsstelle „Gefährliche Ausländer“ untergestellt ist. Auf Anfrage von NIUS bestätigte Lorek, dass Lamin J. ein Thema sei, verwies aber auf das Justizministerium, das in Baden-Württemberg für den Bereich Migration zuständig sei.
Der Fall eines Einzelnen wird zur Schicksalsfrage
Inzwischen gefährdet der 33-jährige Lamin J. das Zusammenleben im Dorf. Eine Frau sagt: „Ich bringe meine Kinder nicht mehr alleine zum Schulbus.“ Was sie nicht öffentlich ausspricht, aber auf Nachfrage bestätigt: Spätestens seitdem Lamin J. ein Messer gezückt hat, weckt der Fall Erinnerungen an Illerkirchberg. In der Gemeinde bei Ulm, eine gute Autostunde südlich von Waldtann, erstach ein abgelehnter Asylbewerber aus Eritrea eine 14-Jährige auf dem Schulweg.
In Waldtann leben etwa 40 Flüchtlinge, sie kommen aus Nigeria oder Ghana. „Die meisten von ihnen sind gut integriert, spielen beim Fußballverein oder grüßen auf der Straße“, sagt ein Bewohner. Er wolle nicht, dass das Dorf als ausländerfeindlich gelte, denn das sei es ganz sicher nicht. Doch selbst diese übrigen Asylbewerber leiden unter dem Treiben von Lamin J. – und sollen unter anderem ihre Türen regelmäßig zugesperrt haben.
Und: Seitdem Lamin J., gegen den laut Südwestpresse mehrere Verfahren beim Amtsgericht Langenburg anhängig sind, Mitarbeiter der Bäckerei bedrohte und in eine Ärzteklinik eindrang, macht sich in der Gemeinde das Gerücht breit, dass der Arzt darüber nachdenkt, seine Klinik zu schließen, weil er die Sicherheit seiner Mitarbeiter nicht garantieren kann. Eine Mitarbeiterin der Bäckerei musste wegen der Vorfälle ihre Arbeit aussetzen und pausieren.
Man will sich nicht damit abfinden, dass man künftig anderswo das Brot kaufen muss oder anderswo zum Arzt gehen muss: Erst kürzlich haben die Bürger Waldtanns Plakate angebracht, aus Solidarität mit der Bäckerei und der Ärzteklinik.

Die Bürger in Waldtann zeigen Solidarität.
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Jan A. Karon
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