„Klimaneutralität“: Wieso Deutschland vom fallenden Gas-Preis nicht profitieren wird
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Andreas MoringWenn das Angebot steigt, dann fallen die Preise. Genau das passiert gerade an den internationalen Gasmärkten. Die ehemals hohen Preise fallen und fallen. Das wird auch die nächsten Jahre so weitergehen. Unternehmen und private Haushalte können sich auf massive Entlastungen freuen. Allerdings werden wir in Deutschland wohl praktisch nichts davon merken. Denn die Regierung von Kanzler Merz möchte unbedingt weiter Erster bei der Klimaneutralität sein. Um uns herum werden währenddessen alle Nachbarn in Europa vom Preisverfall profitieren. Das ist dann der nächste Schlag für die deutsche Industrie. Und genauso für alle deutschen Haushalte und Verbraucher.
Nach Jahren hoher Energiepreise verändert sich gerade die Lage auf den internationalen Gasmärkten. Und das radikal. Es bauen sich deutliche Angebotsüberhänge auf. Das sind erstmal gute Nachrichten für die Wirtschaft. Grund: Hohe Energiepreise zählten zuletzt zu den größten wirtschaftlichen Belastungen in Deutschland – sind also das zentrale Problem der deutschen Wirtschaft.
Kommt jetzt die große Entlastung? Was den internationalen Gas-Preis anbetrifft: Ja. Doch profitieren werden andere Länder als Deutschland. Denn unsere Energiepolitik sorgt dafür, dass von dem Preissturz in Deutschland nicht viel ankommen wird. Und selbst wenn: Die Entlastungen in Polen, Frankreich, Tschechien und anderen europäischen Ländern werden viel größer sein als in Deutschland, und die deutsche Industrie steht dann noch mehr vor der Frage: Alles dichtmachen oder in andere Länder verlagern?

Die Regierung Merz mit Union und SPD hält unbeirrt an ihrem Ziel der „Klimaneutralität“ fest.
Die Gas-Preise sinken – für die nächsten Jahre
Wieso fallen auf einmal die Gas-Preise? Die Phase hoher Preise in den letzten Jahren hat massive Investitionen in zusätzliche Produktionskapazitäten ausgelöst. Es hat sich gelohnt, neue Gas-Anlagen zu bauen und das Angebot kommt jetzt auf den Markt. Die Investmentbank Goldman Sachs erwartet beispielsweise, dass die europäischen Gas-Preise vom aktuellen Niveau von 30 Euro je Megawattstunde bis zum Jahr 2029 auf lediglich zwölf Euro sinken könnten. Der Branchendienst Wood Mackenzie erklärte jüngst, dass eine neue Gaswelle nicht bevorstehe, sondern schon längst da ist. Mittel- und langfristig rechnen Marktakteure damit, dass die Preise durch den Angebotsdruck spürbar sinken. Sogenannte Terminpreise für 2027 liegen schon rund zehn Prozent unter dem aktuellen Spotpreis. Es geht mit den Preisen eindeutig runter.
Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur vom Oktober könnte der jährliche Gasüberschuss im Zeitraum der kommenden fünf Jahre rund 65 Milliarden Kubikmeter erreichen. Das entspricht etwa 1,5 Prozent des globalen Verbrauchs. Auf dem Gasmarkt kann schon ein vergleichsweise kleiner Überschuss deutliche Preisrückgänge auslösen. Das Gegenteil zeigte sich 2022, als ein scheinbar moderater Mangel enorme Preissprünge auslöste.
Deutschlands Energiepolitik blockt den Preisverfall für Unternehmen und Haushalte ab
Der Großteil der zusätzlichen Liefermengen soll aus den Vereinigten Staaten und aus Katar stammen. Falls sich diese Prognosen bestätigen, wäre dies für stark importabhängige und energieintensive Volkswirtschaften ein Vorteil. Deutschland gehört weltweit zu den größten Importeuren von Erdgas. Die Energiekrise der vergangenen Jahre hat gezeigt, wie stark Preissteigerungen das industrielle Fundament und die privaten Haushalte belasten.
Eine mögliche mehrjährige Phase niedriger Preise könnte deutschen energieintensiven Branchen dringend benötigte Entlastung bringen. Aber danach sieht es nicht aus. Denn die Regierung Merz mit Union und SPD hält unbeirrt an ihrem Ziel der „Klimaneutralität“ fest. Das bedeutet, dass Öl und Gas immer weniger genutzt werden sollen und die Energieversorgung in Deutschland vollständig aus sogenannten erneuerbaren Energien stammen soll. Wenn nun also die Gas-Preise fallen, aber in Deutschland immer weniger Gas für die Energieerzeugung überhaupt genutzt werden darf, dann nutzt das den Unternehmen und auch den Privathaushalten überhaupt nichts. Denn Unternehmen und Menschen in Deutschland sind gezwungen, teure Energie aus Wind und Sonne abzunehmen. Das Irre dabei ist, dass diese Energie aus Wind und Sonne genau deshalb so teuer ist, weil viele Gaskraftwerke mehr oder weniger ungenutzt in der Gegend herumstehen, die nur dazu da sind, im Notfall einzuspringen, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint. Nur in solchen „Dunkelflauten“ soll mittelfristig Gas überhaupt noch genutzt werden oder um besondere Spitzen im Stromverbrauch abzudecken, die immer mal wieder auftauchen können.
Dieser deutsche Sonderweg treibt die sogenannten Netzentgelte in die Höhe und damit die Energiepreise auf das Top-Niveau in Europa. Der Effekt des Preisverfalls an den weltweiten Gasmärkten geht wohl also praktisch spurlos an der deutschen Industrie und den deutschen Haushalten vorbei.

Die Regierung von Kanzler Merz möchte unbedingt weiter Erster bei der Klimaneutralität sein.
Osteuropa profitiert vom billigen Gas
Dagegen können sich andere Länder in Europa mehr oder weniger schon auf einen garantierten Wirtschaftsboom einstellen, der Ihnen durch die fallenden Gas-Preise praktisch geschenkt wird. Großer Profiteur der Entwicklung ist beispielsweise unser Nachbar Polen. Dort wirkten Energiepreise in den Jahren 2021 bis 2024 extrem negativ auf die polnische Wirtschaft und trieben die Inflation in immer größere Höhen. Hohe Kosten schmälerten die Kaufkraft der Verbraucher. Sinkende Preise wirken nun wie ein Konjunktur-Booster. Haushalte können Ausgaben, die bisher für Energie reserviert waren, für lokale Waren und Dienstleistungen einsetzen.
Die jüngsten Daten bestätigen diesen Trend. Die Energiepreise fallen seit Monaten. Dadurch nähert sich die Inflation in Polen unerwartet schnell dem Zielwert der Zentralbank von rund zwei Prozent. Polen und andere Länder in Osteuropa sind nämlich nicht dem deutschen Beispiel in der Energiepolitik gefolgt und setzen weiterhin auf Kohle und ebenfalls auf Gas. Auch sie treiben zwar den Ausbau erneuerbarer Energien voran. Aber das Ganze in einem Maße, dass die Preise in erträglichen und in bezahlbaren Größenordnungen hält und vor allen Dingen die Industrie im Land sichert und nicht vertreibt. Dafür mussten und müssen sich die Regierungen in Osteuropa immer wieder und verlässlich hochnäsige Zurechtweisungen aus Deutschland anhören, dass sie doch gefälligst dem deutschen Beispiel im Sinne der Klimaneutralität folgen sollen. Aber ganz offenbar haben diese Länder die richtige Strategie gewählt und können jetzt die Vorteile des Preisverfalls voll für sich und ihre Industrie und ihre Arbeitsplätze nutzen.
Und auch Westeuropa freut sich über sinkende Preise
Ähnlich machen es auch Länder in Westeuropa. Frankreich zum Beispiel setzt klar auf Atomkraft und dazu ebenfalls Gas. Atomstrom ist verlässlich und billig. Wenn jetzt auch noch die Gas-Preise fallen, dann hat Frankreich im Vergleich zu Deutschland einen riesigen Wettbewerbsvorteil.
Großbritannien macht es ebenso und setzt auf einen Ausbau der Kernkraft und genauso auf eine Versorgung mit Gas, vor allen Dingen aus eigenen Gasfeldern in der Nordsee und dazu noch aus Norwegen und Flüssiggas aus den USA. Das bedeutet, dass Großbritannien auch hier mehrfach profitiert. Günstige Kernkraft, günstiges Gas aus dem Ausland und auch noch eigene Gasvorkommen dazu.
Die Regierung in Berlin redet gerne davon, dass Deutschland unabhängiger vom Ausland werden müsse und eine sichere Energieversorgung brauche. Wenn Kanzler Merz und sein Kabinett einfach mal auf unsere direkten Nachbarn schauen würden, dann würden sie sehen, wie Unabhängigkeit und sichere Energieversorgung in der Realität jetzt schon aussieht. Keine Ankündigungen, keine moralischen Appelle, kein Welt-Retter-Habitus, sondern pragmatische und erfolgreiche Energiepolitik, die dazu auch noch der eigenen Industrie hilft und der eigenen Bevölkerung mehr Geld in der Tasche lässt.
Eigentlich ganz einfach …
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