Politisch gewollt, ökonomisch verheerend: Wie Klimapolitik die Energiekosten systematisch in die Höhe treibt
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Christoph CanneDeutschlands Strompreise steigen seit Jahren – und das ist kein Betriebsunfall, sondern Folge politischer Entscheidungen. Die CO2-Bepreisung, die Abschaltung stabiler Erzeugungsarten und die strukturelle Verknappung von Emissionsrechten treiben die Kosten systematisch nach oben. Was als Klimaschutz begann, entwickelt sich zunehmend zur industriepolitischen Belastung. Inzwischen warnt die Industrie offen vor den Folgen – und benennt die Ursache klar.
Die Industrie schlägt Alarm
Die Warnungen aus der Industrie vor den Folgen der CO2-Bepreisung werden lauter – und sie sind eindeutig. Zwei aktuelle Stellungnahmen zeigen, wie dramatisch die Lage inzwischen ist:
- Der europäische Chemieverband CEFIC warnt vor einer systematischen Abwanderung energieintensiver Produktion aus Europa. In einem offenen Appell an die EU-Kommission heißt es, dass Unternehmen zunehmend in Länder mit niedrigeren Energiepreisen abwandern – etwa in die USA, nach China oder andere Länder Asiens. Die Ursache wird klar benannt: „Der aktuelle [CO2]-Reduktionspfad stelle für viele Unternehmen ‚eine praktisch nicht lösbare Herausforderung‘ dar“, heißt es in dem Brief.
- Evonik-Chef Christian Kullmann wird noch deutlicher: Er warnt vor dem Verlust von bis zu 200.000 Industriearbeitsplätzen allein durch die Belastung aus dem europäischen CO2-Zertifikatehandel. In einem Interview erklärt er, dass die CO2-Kosten inzwischen „existenzbedrohend“ seien – nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern für ganze Wertschöpfungsketten. Kullmann warnt, dass Deutschland ohne klare industriepolitische Strategie seine wirtschaftliche Basis verliert und die Zukunftsfähigkeit des Standorts ernsthaft gefährdet ist.
Beide Stellungnahmen betonen klar die Kausalität: Zu hohe CO2-Preise führen zur Deindustrialisierung. Nicht als Nebeneffekt, sondern als direkte Folge politischer Entscheidungen. Die Strompreise steigen, die Wettbewerbsfähigkeit sinkt und die industrielle Basis gerät ins Wanken.
Ab 2026 müssen Unternehmen Emissionen am Markt bezahlen
Besonders betroffen ist die energieintensive Industrie – und das nicht nur durch die aktuellen CO2-Kosten. Ab 2026 soll die bisherige Gratiszuteilung von Zertifikaten für viele Unternehmen entfallen. Das bedeutet: Auch jene Branchen, die bislang teilweise geschützt waren, müssen künftig ihre Emissionen vollständig am Markt bezahlen. Gleichzeitig wird die Menge der verfügbaren Zertifikate beschleunigt reduziert – von bisher 2,2 Prozent auf künftig 4,3 Prozent pro Jahr. Die künstliche Verknappung treibt den Preis weiter nach oben.
Bereits deutlich sichtbar sind die Folgen für die Strompreise in Deutschland: Diese sind drastisch gestiegen – für Haushalte ebenso wie für die Industrie. Die CO2-Bepreisung ist dabei ein zentraler Treiber, denn sie verteuert insbesondere die fossile Stromerzeugung, auf die Deutschland mangels Alternativen weiterhin angewiesen ist.

Entwicklung des CO2-Preises im EU-Emissionshandel (blaue Säulen) und der Industriestrompreise für große Abnehmer mit einem Jahresverbrauch zwischen 70 und 150 GWh (orange Linie). Quelle: Eigene Grafik des Autors auf der Basis von EuroStat-Daten.
Warum ist das so? Die folgenden Abschnitte analysieren die Ursachen – von der künstlichen Kostenexplosion fossiler Kraftwerke über die Abschaltung stabiler Optionen bis hin zur fiskalischen Selbstkonterkarierung durch Subventionen. Sie zeigen, wie politische Entscheidungen systematisch zu einem energiepolitischen Teufelskreis führen.
Fossile Stromerzeugung: Kostenexplosion durch CO2-Bepreisung
Die steigenden CO2-Preise wirken direkt auf die Stromerzeugungskosten fossiler Kraftwerke wie Braunkohle, Steinkohle und Erdgas. Die Kosten haben sich seit 2017 vervielfacht – und der Trend setzt sich fort.

Stromerzeugungskosten in Abhängigkeit vom CO2-Preis. Die Grafik zeigt, wie sich die Stromerzeugungskosten verschiedener Energieträger bei unterschiedlichen Preisen für CO2-Zertifikate verändern. Quelle: Eigene Grafik des Autors auf der Basis aktueller Rohstoff- und CO2-Zertifikatspreise (Stand: 3.10.2025).
- Braunkohle und Steinkohle reagieren besonders empfindlich auf steigende CO2-Kosten. Ihre Erzeugungskosten steigen bei einem CO2-Preis von 90 Euro/t auf über 13,5 ct/kWh bzw. 10 ct/kWh – eine Verdrei- bis Vervierfachung gegenüber den Erzeugungskosten ohne CO2-Bepreisung.
- Erdgas ist ohne CO2-Bepreisung teurer als Kohle – weshalb Länder wie China und Indien besonders auf Kohlestromerzeugung setzen. Durch den geringeren CO2-Ausstoß pro erzeugter kWh reagiert Erdgas weniger sensibel bei hohen CO2-Kosten. Dennoch steigen auch hier die Erzeugungskosten über 10 ct/kWh.
- Kernkraft bleibt nahezu stabil, da sie keine CO2-Zertifikate benötigt. Ihre Erzeugungskosten verändern sich kaum – selbst bei einem CO2-Preis von 90 Euro/t.
Die Grafik zeigt also nicht nur die relative Belastung fossiler Energieträger durch die CO2-Bepreisung, sondern auch die verpasste Chance, durch Kernkraft eine stabile, CO2-neutrale Grundlast zu sichern.
Kernkraft: Die stabile Option – abgeschaltet
Kernkraftwerke wären von der CO2-Kostenexplosion weitgehend unberührt. Doch Deutschland hat sie abgeschaltet – ausgerechnet in einer Zeit, in der Versorgungssicherheit und Preisstabilität besonders gefragt wären.
In windstillen Nächten und winterlichen Dunkelflauten bleibt nur der Rückgriff auf fossile Kraftwerke – trotz steigender Kosten. Die Folge: Der Börsenstrompreis steigt. 2024 lag er im Schnitt bei 7,85 ct/kWh, 2025 bereits bei 8,8 ct/kWh (Stand 26.10.2025) – und die teuersten Monate November und Dezember stehen noch bevor.

Das Braunkohlekraftwerk Boxberg in der Oberlausitz in Sachsen: Bei Dunkelflauten bleibt nur der Rückgriff auf fossile Kraftwerke.
Gerade durch die Abschaltung der Kernkraftwerke wird der ursprüngliche Sinn der CO2-Bepreisung zunehmend verfehlt: Diese sollte eine Substitution von CO2-intensiven zu weniger belastenden Erzeugungsarten bewirken. Doch durch die Abschaltung der Kernkraft hat Deutschland genau jene emissionsarme Option aus dem System entfernt, die im Sinne der intendierten Lenkungswirkung als emissionsfreier Ersatz verfügbar gewesen wäre. In Zeiten ohne nennenswerte Wind- und Solarstromerzeugung bleibt dann nur noch der Rückgriff auf Kohle und Erdgas – deren CO2-Kosten zwar steigen, aber mangels Alternativen trotzdem bezahlt werden müssen. Die Bepreisung verliert ihre Lenkungswirkung – und wird zur bloßen Belastung.
Sehen Sie hier, wie Deutschland die AKW-Kühltürme in Gundremmingen endgültig in die Luft jagt:
Klima- und Transformationsfonds: Einnahmen, Ausgaben, Illusionen
Die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung fließen in den Klima- und Transformationsfonds (KTF). 2024 wurden aus dem System ETS-1, also der CO2-Bepreisung für Stromerzeugung, Industrie, Luftverkehr und Seeverkehr rund 5,5 Milliarden Euro an Einnahmen erzielt. Doch allein die Subventionen für die fortlaufende Stromproduktion aus sogenannten Erneuerbaren Energien beliefen sich im Jahr 2024 auf 18,5 Milliarden Euro. Die Differenz wird durch neue Schulden oder neue Subventionen ausgeglichen – ein fiskalischer Teufelskreis.

86,5 Megawatt Freiflächen-Photovoltaikanlage von RWE mit über 141.000 Solarmodulen entlang der A44 bei Bedburg, kombiniert mit einem Windpark.
Politische Reaktion: Subventionen gegen die Folgen eigener Entscheidungen
Angesichts der steigenden Strompreise versucht die Bundesregierung gegenzusteuern – allerdings nicht durch strukturelle Reformen, sondern durch fiskalische Entlastungsmaßnahmen. Ein ursprünglich geplanter Industriestrompreis mit gesetzlicher Deckelung auf 6 ct/kWh wird nach aktuellem Stand nicht mehr weiter verfolgt. Stattdessen setzt die Regierung auf folgende Instrumente:
- Stromsteuererstattung: Für produzierende Unternehmen soll die Stromsteuer entfristet um 2 ct/kWh gesenkt werden. Die Maßnahme soll die energieintensive Industrie stützen, bleibt aber deutlich hinter den Erwartungen eines echten Industriestrompreises zurück.
- Teilweise Übernahme der Netzentgelte: Für das Jahr 2026 sind 6,5 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) vorgesehen, um die Übertragungsnetzentgelte zu senken und so die Stromkosten für Haushalte und Unternehmen zu dämpfen.
Was hier passiert, ist ökonomisch wie fiskalisch hochproblematisch: Die Politik verteuert Strom durch die künstliche Verknappung von CO2-Zertifikaten und die Abschaltung stabiler Erzeugungsarten – und kompensiert die Folgen mit Steuergeld. Marktanreize werden verzerrt, Investitionssignale verwischt, und die fiskalische Belastung wächst. Die strukturellen Ursachen bleiben unangetastet – während die Symptome mit Milliarden übertüncht werden.
Fazit: Der Wahnsinn ist ein Meister aus Deutschland – und sowohl Industrie als auch die Bürger zahlen den Preis
Was als klimapolitisches Steuerungsinstrument begann, ist heute ein komplexes Subventionssystem mit steigenden Preisen, sinkender Versorgungssicherheit und wachsender fiskalischer Belastung. Die beiden Grafiken zeigen nicht nur den Preiswahnsinn, sondern auch die strukturelle Fehlsteuerung: Ein System, das sich selbst konterkariert – und dessen Kosten die Bürger und die Industrie tragen.
Für die deutsche Industrie sind die Folgen verheerend:
- Strompreise bleiben unter strukturellem Aufwärtsdruck, weil die Menge der CO2-Zertifikate weiter reduziert wird. Die politisch gewollte Verknappung führt zu dauerhaft hohen CO2-Preisen – und damit zu dauerhaft hohen Stromerzeugungskosten. Gleichzeitig steigen die Belastungen für die Steuerzahler ebenfalls immer weiter an.
- Die Gaskraftwerksstrategie kommt nicht voran: Weder beim Bau neuer Anlagen, noch bei der Absicherung durch Kapazitätsmechanismen gibt es Fortschritte. Gleichzeitig wird die Strategie politisch angegriffen – als zu „teuer“, zu fossil, zu wenig „transformativ“.
- Investitionsentscheidungen werden vertagt oder ins Ausland verlagert: Energieintensive Unternehmen können in Deutschland kaum noch verlässlich kalkulieren. Die Unsicherheit über Preisentwicklung, regulatorische Eingriffe und Subventionslogik lähmt die Standortpolitik.
Kurskorrektur: jetzt!
Wenn Deutschland nicht in eine energiepolitisch induzierte Abwärtsspirale geraten soll, braucht es eine Kurskorrektur. Dazu gehört:
- Eine Senkung der CO2-Preise – zumindest temporär oder sektorbezogen, um die industrielle Basis nicht weiter zu schwächen.
- Eine ehrliche Neubewertung der Versorgungssicherheit – inklusive der Rolle von Kernkraft und gesicherter Leistung.
- Ein Ende der doppelten Subventionierung – zugunsten eines transparenten, marktnahen und investitionsfreundlichen Systems.
Andernfalls droht ein Szenario, in dem die Energiewende nicht nur teuer, sondern auch industriepolitisch destruktiv wird. Wenn Deutschland seine industrielle Stärke bewahren will, muss es aufhören, seine Wettbewerbsfähigkeit zu unterminieren – und anfangen, energiepolitisch umzusteuern.
***
Dr. rer. nat. Christoph Canne ist Diplom-Chemiker, Diplom-Kaufmann und Pressesprecher der Bundesinitiative Vernunftkraft e.V.. Der Verein setzt sich für „sachgerechte und fundierte Einschätzungen der Auswirkungen umwelt- und energiepolitischer Maßnahmen auf die Allgemeinheit und die Natur“ ein.
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