40 Jahre Tschernobyl: Nicht die Kernkraft war der Auslöser der Katastrophe, es war der Sowjet-Sozialismus
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Vor genau vierzig Jahren hat sich im ukrainischen Tschernobyl der schwerste Reaktorunfall der Geschichte ereignet, ein sogenannter GAU (größter anzunehmender Unfall). In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 kam es nach einer Serie von Fehlern und Schlampereien zu einer Kernschmelze des Reaktorkerns von Block 4 des riesigen W.-I.-Lenin-Atomkraftwerks in Tschernobyl.
Bis zum heutigen Tag gilt dieser Reaktorunfall – noch vor dem in Fukushima im Jahr 2011 – als schwerste zivile Reaktorkatastrophe der Geschichte und dient Atomkraftgegnern als leuchtendes Beispiel dafür, warum Atomkraft nicht beherrschbar sein soll.
Diese These ist falsch.

Im vierten Block des ukrainischen Atomkraftwerks in Tschernobyl kam es zu einer starken Explosion. In den Folgemonaten wurde in Tag- und Nachtarbeit der Block mit einem Betonmantel umhüllt. Im Bild eine Bergungsmannschaft bei Aufräumarbeiten während der Nachtschicht (Aufnahme von 1986).
Der Grund für die Atomkatastrophe von Tschernobyl liegt nicht in der Kernenergie, sondern im Sozialismus. In einer demokratischen Marktwirtschaft sind Kernkraftwerke über Jahrzehnte sicher und störungsfrei zu betreiben. In 12 der 27 EU-Staaten sind heute noch 100 Reaktoren am Netz, viele davon seit Jahrzehnten. In keinem EU-Land hat es jemals einen größeren Reaktorunfall oder auch nur einen Strahlungstoten gegeben.
Der GAU von Tschernobyl, der in einer hektischen Nacht binnen weniger Stunden durch eine Kaskade aus Arroganz, Inkompetenz, Hektik, Hilflosigkeit und Dummheit ausgelöst wurde, konnte sich nur in einem System wie dem Sowjetkommunismus ereignen. In einem demokratischen Rechtsstaat mit offener Wissenschaft, leistungsfähiger Privatindustrie, hohen Investitionen, unabhängiger Justiz, freier Presse und transparenter Diskussion der Sicherheit von Kernkraft hätte er sich nie ereignen können.
Tschernobyl war die logische Konsequenz einer systemischen Kultur aus Schwächen, Fehlern und Defiziten, die aufgrund mangelnder Kontrollen, notorischer Geheimniskrämerei und bürokratischer Top-down-Entscheidungen ein halbes Jahrhundert vor sich hinwuchern konnte.
Fehlendes Geld wird zum Sicherheitsrisiko
Das Verhängnis begann Jahrzehnte vor der eigentlichen Katastrophe in den 1960er Jahren, als der RBMK-Reaktor (Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalny – „Hochleistungs-Kanalreaktor“) entwickelt wurde, der in jedem der vier Reaktorblöcke in Tschernobyl zum Einsatz kam. Das war eine gigantische Maschine, zusammengenagelt aus standardisierten Bauteilen aus der ganzen Sowjetunion, die in großen Stückzahlen gebaut wurden. Weil die Sowjetunion in Wahrheit ein armes Land war, in dem Mittel für Investitionen stets Mangelware waren, mussten Atomkraftwerke in Bau und Betrieb möglichst billig sein, weshalb bei der Sicherheit an allen Ecken und Enden gespart wurde.
Das begann bei den sowjetischen Atomkraftwerken gut sichtbar damit, dass der RBMK-Reaktor nur über ein einfaches Betondach, aber nicht über einen Sicherheitsbehälter verfügte, also die von allen Kernkraftwerken des Westens bekannte eiförmige Hülle aus Stahl und Beton, die dazu dient, bei einem Unfall die Radioaktivität zurückzuhalten. Das setzte sich fort mit der dem RBMK-Reaktor inhärenten Instabilität, die zu täglichen Problemen und Pannen führte. Instabilität bedeutet: Der Reaktor wurde schon bei kleinen Veränderungen im Kühlwasser oder bei niedriger Leistung unberechenbar.
Hier ist Kontext erforderlich: In allen Kernkraftwerken läuft eine kontrollierte Kettenreaktion ab, bei der Uran-235 gespalten wird. Dabei entstehen im Reaktorkern extrem hohe Temperaturen, die genutzt werden, um Wasser zu erhitzen, das als Kühlmittel ständig durch den Kern zirkuliert. Der dabei entstehende Wasserdampf treibt Turbinen an, die mit Generatoren verbunden sind und so Strom erzeugen.

So sah das Kernkraftwerk Tschernobyl vor dem GAU im Jahr 1979 aus.
Damit die Kettenreaktion im Reaktorkern nicht außer Kontrolle gerät, muss sie ständig exakt geregelt werden, denn eine unkontrollierte Reaktion kann zur Überhitzung und im schlimmsten Fall zu einer Kernschmelze führen. In modernen Kernkraftwerken wird die Leistung durch Steuerstäbe aus borhaltigem Material geregelt, die Neutronen absorbieren und so entsprechend ihrer Anzahl die Kettenreaktion entweder dämpfen oder verstärken. Zusätzlich wirkt das Kühlwasser selbst stabilisierend: Steigt die Temperatur im Kern, nimmt die Dichte des Wassers ab und die Dampfblasen nehmen zu, wodurch die Reaktion gebremst wird.
Ganz anders beim sowjetischen RBMK-Reaktor in Tschernobyl: Dort diente Graphit als Moderator, um die Kettenreaktion aufrechtzuerhalten, während Wasser allein zur Kühlung verwendet wurde. Diese Kombination hatte im Zusammenwirken mit den speziellen und nur in der Sowjetunion verwendeten Steuerstäben aus Bor und Graphit einen entscheidenden Nachteil: Unter bestimmten Bedingungen konnte sich die Reaktion plötzlich selbst verstärken. Besonders gefährlich waren das Herunterfahren und die Notabschaltung, weil sich dabei die Leistung im unteren Teil des Kerns kurzzeitig massiv erhöhte – anstatt die Reaktion sofort zu stoppen.
Genau dieser Effekt spielte beim Tschernobyl-Unglück eine fatale Rolle. Kurz gesagt: Der RBMK war von Anfang an ein Reaktor, der schon bei Normalbetrieb, erst recht aber bei Störungen deutlich schwieriger zu handeln war als alle Reaktoren im Westen.
Wie ein Sicherheitstest zum Verhängnis wurde
Aber vielleicht hätten selbst diese Konstruktionsfehler des Tschernobyl-Reaktors nicht ausgereicht, einen GAU zu erzeugen, wenn die Kraftwerksleitung für den 25. April 1986 nicht einen Sicherheitstest angesetzt hätte, der zur Katastrophe führte. Die vielen Störfälle, Pannen und Beinahekatastrophen, die es in der sowjetischen Atomindustrie lange vor Tschernobyl gegeben hatte, bedeuteten nicht, dass es in der UdSSR keine Reaktorsicherheit gab – die gab es sehr wohl, genau wie im Westen. Es gab Regeln für alles, und es gab regelmäßige Tests. Die sowjetischen Atomwissenschaftler waren auch keineswegs schlechter ausgebildet als ihre Kollegen im Westen, und die Risiken der Atomkraft waren auch ihnen vollständig bekannt. Selbst die inhärente Instabilität des RBMK-Reaktors war im Kurchatow-Institut (dem zentralen sowjetischen Forschungsinstitut für Kernenergie) in wissenschaftlichen Aufsätzen thematisiert worden – nur erreichten diese Aufsätze die Ingenieure, die die sowjetischen Atomkraftwerke im Tagesbetrieb leiteten, nie, weil alles, was mit Atomkraft zu tun hatte, in der UdSSR als militärisches Staatsgeheimnis galt und strengster Zensur unterlag.

Der Reaktor nach der Explosion
Bei dem Test am Abend des 25. April 1986, einem Freitag, sollte überprüft werden, was passiert, wenn im ganzen Kraftwerk der Strom ausfällt und die riesigen elektrischen Pumpen, die die Zirkulation des Kühlwassers durch den Reaktorkern aufrechterhalten, schlagartig ausfallen. Für diesen Fall verfügte Tschernobyl 4 über mehrere Ersatzpumpen mit Dieselaggregaten. Doch dauerte es bis zu einer Minute, bis die Notpumpen mit ihren Dieselmotoren ihre maximale Leistung erreichten – und in der Kernenergie können sechzig Sekunden, wenn es sich um einen ohnehin instabilen Reaktor handelt, eine Ewigkeit sein, die eine Katastrophe auslösen kann.
Aber die Kraftwerksingenieure hatten eine interessante und zumindest in der Theorie überzeugende Lösung für dieses Problem gefunden. Die riesigen Turbinen, in denen aus heißem Dampf Strom erzeugt wurde, produzierten auch während des Herunterfahrens bei einem Stromausfall noch eine knappe Minute lang Energie. Was also, wenn dieser Reststrom der ersterbenden Turbinen ausreichen würde, die elektrischen Pumpen so lange in Betrieb zu halten, bis die Dieselgeneratoren ihre volle Leistung erreicht hätten und die Notpumpen das Kühlwasser wieder zuverlässig durch den Reaktorkern strömen ließen?
Wie gesagt: Mit dem Rechenschieber in der Hand hatte diese Notlösung funktioniert, aber noch nie in der Praxis. Tatsächlich hatten die Ingenieure von Tschernobyl 4 diesen Test bereits dreimal durchgeführt – aber jedes Mal war er schiefgegangen. Eigentlich hätte Tschernobyl 4, ohne diesen Test erfolgreich bestanden zu haben, nie ans Netz gehen dürfen. Aber das war die Sowjetunion, das Paradies der Arbeiter und Bauern, in dem Abkürzungen, Notlösungen und Provisorien Teil des Systems waren und in dem jedes Verbot eine Ausnahme kannte.
Wie ein Anruf aus Kiew den GAU auslöste
Am 25. April 1986 nun sollte der Test ein weiteres Mal durchgeführt werden – diesmal hoffentlich erfolgreich, was den leitenden Ingenieuren Orden, Auszeichnungen, höhere Gehälter, neue Autos und Fernseher beschert hätte. Der Test selbst war reine Routine.

So sah das Kontrollzentrum des dritten Kraftwerksblocks im Jahr 1999 aus.
Der Reaktor sollte auf 700 Megawatt (MW) Leistung, die Hälfte der normalen Betriebsleistung, heruntergefahren, das Abschalten der Turbinen und das Hochfahren der Dieselpumpen protokolliert und die Leistung von Reaktor 4 danach wieder auf 1.400 MW hochgefahren werden. Mehr war es nicht, weshalb kein Mensch mit einem Problem rechnete.
Doch dann rief am Abend plötzlich der Netzleitstand für das gesamte Stromnetz der Ukraine aus Kiew an und beschied den leitenden Ingenieuren, dass der Test bis Mitternacht zu warten habe, weil in den Fabriken der Ukraine bis mindestens neun Uhr abends die maximale Stromlast gebraucht würde, da bis zum 1. Mai die Produktionsquoten erfüllt und alle Maschinen auf Hochtouren laufen müssten. In einem demokratischen Rechtsstaat können auch Großkonzerne nicht in Atomkraftwerken anrufen und diese veranlassen, einen lange geplanten Test zu verschieben und mit Volllast weiterzufahren; aber in der Sowjetunion, wo alles durch die Partei und ihre Funktionäre entschieden wurde, war so etwas möglich.
Für Tschernobyl bedeutete dies in jener Nacht: Die Tagschicht, die den Test bereits dreimal – wenn auch vergeblich – durchgeführt hatte, aber mit dem Prozedere immerhin vertraut war, wurde um 24:00 Uhr durch die Nachtschicht abgelöst, die mit dem Test keinerlei Erfahrung hatte.
Das toxische Gemisch des Sozialismus
Am 25. April 1986 exakt um Mitternacht war dann jene toxische Mischung in Tschernobyl 4 entstanden, die binnen weniger Stunden die größte Reaktorkatastrophe der Geschichte verursachen würde: ein instabiler, technisch veralteter, fehleranfälliger Atomreaktor, der von unerfahrenen jungen Ingenieuren und Technikern bedient wurde, die unter der Leitung zweier älterer, zynischer leitender Ingenieure (Nikolai Maximowitsch Fomin und Anatoli Stepanowitsch Djatlow) standen – zwei Apparatschiks, die vor allem Auszeichnungen, Geld und berufliches Fortkommen im Auge hatten und denen der Test mit all seinen Resultaten vollkommen egal war, solange auf dem Papier nur jene Messwerte dabei herauskamen, die sich irgendwelche Physiker im weit entfernten Moskau ausgedacht hatten.
Die ersten Minuten des Tests verlaufen noch normal, doch dann nimmt das Verhängnis seinen Lauf: Um fünf Minuten nach Mitternacht ist die Reaktorleistung noch stabil bei 720 MW, aber um 00:28 Uhr fällt sie durch Bedienfehler unkontrolliert auf unter 200 MW und erreicht Tiefstwerte von etwa 30 MW. In Panik zieht die Bedienmannschaft nun zu viele Steuerstäbe zu schnell heraus, um die Leistung wieder auf 700 MW zu erhöhen, den vorgesehenen Wert für den Test. Doch jetzt sind zu wenige Steuerstäbe im Kern, die die Kettenreaktion moderieren könnten, weshalb die Instabilität und damit die Gefahr einer plötzlichen Zunahme der Reaktion schlagartig ansteigen.

Blick auf den zerstörten Reaktor des Atomkraftwerks. Scharen von Touristen zieht es in die Sperrzone zu den Überresten des Reaktors.
Trotzdem ordnet der stellvertretende Betriebsleiter Anatoli Stepanowitsch Djatlow um 01:23 Uhr an, die Turbinen abzuschalten, um zu testen, ob die auslaufenden Turbinen noch genug Strom liefern, um die elektrischen Kühlpumpen eine knappe Minute zu speisen, bis die Dieselpumpen hochgefahren sind. Zu diesem Zeitpunkt ist der Reaktor in Wahrheit bereits außer Kontrolle und müsste eigentlich sofort heruntergefahren werden – aber niemand unternimmt etwas. Durch das Sinken der Kühlleistung wird es jetzt im Reaktorkern immer heißer, wodurch sich im Kühlwasser Dampfblasen bilden.
Und jetzt, um 01:23:40 Uhr, passiert etwas, das nur in einem sowjetischen RBMK-Reaktor passieren kann: Der positive Dampfblasenkoeffizient schlägt durch. Die zunehmenden Dampfblasen im Kühlwasser absorbieren weniger Neutronen, wodurch die Reaktion tief unten im Reaktor explosionsartig ansteigt und sich selbst verstärkt.
In keinem Reaktor im Westen hätte dies passieren können, denn alle westlichen Reaktoren, seien es Siede- oder Druckwasserreaktoren, haben einen negativen Void- oder Dampfblasenkoeffizienten. Das bedeutet: Steigt die Temperatur im Kern, bilden sich mehr Dampfblasen im Wasser. Diese bremsen die Reaktion automatisch, weil sich das Kühlverhalten stabilisierend auswirkt. Nicht in Tschernobyl. Dort haben Dampfblasen den entgegengesetzten Effekt: Sie verstärken die Reaktion.
Ein verhängnisvoller Konstruktionsfehler
Nun verliert die Bedienmannschaft binnen weniger Sekunden die Kontrolle über den Reaktor und versucht um 01:23:58 Uhr die Notabschaltung. In jedem Kernkraftwerk auf der Welt gibt es einen großen roten Knopf, der SCRAM-Button heißt und mit dem der Reaktor in Notfällen abgeschaltet wird. In allen Atomkraftwerken der westlichen Welt hat dieser Knopf zuverlässig funktioniert – aber nicht in den RBMK-Reaktoren und nicht in dieser Nacht in Tschernobyl. Als der Ingenieur Alexander Fjodorowitsch Akimow den SCRAM-Button, der in den Kernkraftwerken der Sowjetunion AZ-5 hieß, drückt, schaltet der Reaktor nicht ab, sondern erhöht innerhalb von Sekunden seine Leistung um ein Vielfaches.
Der Grund liegt in einem Konstruktionsfehler: Das Betätigen des AZ-5-Schalters erzwingt das Einfahren sämtlicher Steuerstäbe in den Reaktor, um den Neutronenfluss und damit die Kettenreaktion zu unterbrechen. Aber die Steuerstäbe der RBMK-Reaktoren hatten eine Besonderheit: Sie bestanden zum Teil aus Borcarbid, einem keramischen Werkstoff, der Neutronen „schluckt“; ihre Spitze jedoch war aus Graphit, einem kristallinen Kohlenstoff, der genau die entgegengesetzte Wirkung hat: Er beschleunigt die Reaktion. Exakt der Schalter, der die Rettung bringen sollte, vollendet das Desaster dieser Nacht.

Ein Blick auf den zerstörten Reaktor
Um 01:23:58 verdampft das Kühlwasser im Reaktor schlagartig, und der Druck zerreißt den Reaktorkern. Die hunderte Kilo schweren Brennstäbe und Graphitblöcke im Reaktor werden jetzt wie die Keulen eines Jongleurs in die Luft geschleudert. Eine Sekunde später kommt es zu einer zweiten Explosion, bei der Wasserstoff mit dem glühenden Graphit reagiert, wodurch der 2.000 Tonnen schwere Reaktordeckel aus massivem Stahl weggesprengt wird und der nun offene Graphitkern zu brennen beginnt. Jetzt ist der GAU da.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Nutzung der Atomenergie liegt ein Reaktorkern offen da und gibt seine tödliche Strahlung ungehindert in die Umwelt ab. Die aus dem Graphitkern austretende Gamma- und Betastrahlung von zehntausenden Röntgen pro Stunde ist so stark, dass sie die Luft über dem zerstörten Gebäude ionisiert und flimmernd als weiß leuchtender Strahl wie ein Laser senkrecht in den Himmel steigt. In den ersten zehn Tagen nach der Explosion setzte der offene Reaktor den Hauptteil seiner Radioaktivität frei: insgesamt 14 Exabecquerel – etwa 400-mal mehr als bei der Atombombe von Hiroshima.
In nicht einmal zwei Stunden hat die inkompetente, arrogante und dumme Bedienmannschaft eines fehlkonstruierten, von Anfang an unsicheren und im Endeffekt nicht betriebsbereiten Atomkraftwerks es geschafft, Europa in eine Nuklearkatastrophe zu stürzen, wie es sie bis dahin nicht gegeben hatte.
Aber natürlich war dies nicht die alleinige Schuld dieser Handvoll Menschen – schuld war das System. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war die notwendige Endkonsequenz einer sozialistischen Diktatur, in der Wirtschaft und Technik immer nur Mittel zum Zweck waren und der Staat und seine Menschen dazu dienten, eine Funktionärsklasse zu alimentieren, die das Glück auf Erden versprach und das Gegenteil davon lieferte. In einem wirtschaftlich und technisch zurückgebliebenen Land wie der Sowjetunion, das 1986 insgesamt 46 Reaktoren in 15 Kernkraftwerken betrieb, Reaktoren, die alle einen billigen Pfusch darstellten, musste es früher oder später zu einer solchen Katastrophe kommen. Die Frage war nur, wann.
Für selbsternannte Umweltschützer kam die Katastrophe wie gerufen
Die Folgen dieser spektakulären Inkompetenz sind bekannt: 350.000 Menschen wurden für immer evakuiert, 31 bestätigte Tote, 15.000 zusätzliche Krebsfälle (darunter viele Kinder), 185 Milliarden Euro an Folgekosten, eine großflächige Kontamination von Teilen Osteuropas über Jahrzehnte und ein massiver Vertrauensverlust in die friedliche Nutzung der Kernenergie.

Heute eine Geisterstadt: Das rund drei Kilometer vom Kernkraftwerk Tschernobyl entfernte Prypjat wurde 1970 als Wohnort für Tschernobyl-Arbeiter gegründet.
Für grüne Parteien, Atomkraftgegner und selbsternannte Umweltschützer auf der ganzen Welt kommt diese Katastrophe wie gerufen: Hier ist endlich der Super-GAU, den sie scheinbar immer vorhergesagt hatten und der nun der ganzen Welt zeigt, dass die Kernenergie nicht sicher ist, der Ausstieg unvermeidlich und Aufgabe und Abriss aller bestehenden Atomkraftwerke unabdingbar sind.
Nichts davon ist wahr. Nie haben Grüne und Atomkraftgegner vor einer Reaktorkatastrophe in den kommunistischen Ostblockstaaten gewarnt. Bekämpft haben sie immer nur die Kernkraftwerke im Westen, in denen – mit Ausnahme kleiner Störfälle – nie etwas passiert ist. Dieselben Umweltorganisationen und grünen Parteien, die politisch weit links stehen und mit den Regimen des Ostblocks seit jeher sympathisierten, deuteten danach Tschernobyl in einer jahrzehntelangen Kampagne zu einem apokalyptischen Menetekel der Kernkraft um, während es in Wirklichkeit nur das Resultat eines gigantischen Staatsversagens und eines eklatanten Scheiterns des von ihnen bewunderten Sozialismus darstellt.
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