„Ob das gelingt“: Ein verstörendes Interview zeigt Merz im Spätherbst seiner Zuversicht
Ein Beitrag von
Manchmal fühlt es sich an wie Herbst mitten im Frühling. Die Inflation klettert dieser Tage wieder bedrohlich auf die drei Prozent zu, die Milliardenkredite der Bundesregierung werden eher konsumiert als investiert, zünden kein Konjunktur-Feuerwerk, und der Bundeskanzler klagt zum ersten Jahrestag seines Amtsantritts darüber, dass er der ärmste Wicht der Weltgeschichte sei:
„Schröder hatte mit hartem Widerstand zu kämpfen“, sagt Friedrich Merz (CDU) im Interview mit dem Spiegel, „aber er wurde nicht so angefeindet, wie ich angefeindet werde. Ich bin nur gelegentlich auf Social Media unterwegs. Aber wenn Sie mal schauen, was dort über mich verbreitet wird, wie ich da angegriffen und herabgewürdigt werde – kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen. Ich beschwere mich nicht darüber, aber so ist es.“
Eine Botschaft, die es – wenig überraschend – in die Schlagzeile des Interviews geschafft hat und von so viel kommunikativer Ahnungslosigkeit zeugt, dass sich nach all den Jahren im Berliner Politikgeschäft eine Art depressive Müdigkeit bei mir breitmacht. Niemand will einen sterilen Sprechroboter an der Regierungsspitze. Aber ein wenig nachdenken darf man über seine Sätze schon.

Regierungssprecher Stefan Kornelius und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)
Merz weiß nicht mehr, welche Botschaft er platzieren will
„Ich bin von meinem ganzen Naturell sehr offen. Ich spreche aus, was ich für richtig halte, und nehme in Kauf, dass darüber kontroverse Debatten geführt werden. Ich nehme allerdings auch wahr, dass diese Sprache auf eine hypernervöse Öffentlichkeit stößt, die sich auch triggern lässt.“ Wenn man das wahrnimmt, könnte man Konsequenzen daraus ziehen.
Oder man könnte sich vor einem Interview überlegen, welche Botschaft man überhaupt setzen will. Warum er und seine Regierung so wenig durchdringen und im Dauertief der Umfragen sitzen, wird der Kanzler gefragt, und schiebt es auf das Marketing: „Epiktet hat einmal gesagt, nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten. Ich kann da in der Tat noch besser werden.“ Eine der abgestandensten Politiker-Floskeln überhaupt, verpackt immerhin in ein Antiken-Zitat: Es ist uns nicht gelungen, dem Wähler unsere segensreiche Politik zu erklären.
Mehr als Zuversicht kann Schwarz-Rot aktuell nicht anbieten
Gerade erst hat einer der ehemals engsten Merz-Freunde, Mittelstandschef Christian von Stetten (CDU), über das Ende der fruchtlosen Koalition gesprochen, da schiebt der Kanzler selbst zur Feier des ersten Jahrestages Zweifel auch noch nach: „Ich habe mich entschieden, das Land mit genau dieser Koalition wieder auf Kurs zu bringen. Und ich will das weiter im Konsens versuchen. Ob das am Ende des Tages wirklich gelingt, weiß ich heute noch nicht. Aber meine Zuversicht, dass es gelingen kann, ist ungebrochen.“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Christian von Stetten
Zuversicht, für die wir Bürger sehr dankbar sind, schließlich wäre es schon schön, wenn die Milliardenschulden, die in unserem Namen für unsere Kinder aufgenommen wurden, nicht gänzlich sinnlos verpulvert würden und das Land nicht im Chaos versänke. Aber: „Garantieren kann niemand für nichts“, sagt der Kanzler am gleichen Tag auf die Frage nach der Haltbarkeit seiner Regierung. Das ist genauso gnadenlos wahr wie bestürzend unprofessionell. Wir drücken die Daumen.
Die Begeisterung beim Volk bleibt aus
Und während man als Reporter noch kopfschüttelnd über den ersten Zeilen des Kanzler-Interviews sitzt, liefert Merz auch schon die Begründung für berechtigte Zweifel an seiner Performance: „Es fehlt der Nachweis, dass uns wirklich große Reformen gelingen können. Und es fehlt unsere eigene erkennbare Überzeugung, dass diese Reformen richtig sind. Wenn drei Koalitionspartner mit gequältem Gesicht um gemeinsame Positionen ringen und die Bevölkerung sieht, wie angestrengt wir sind, dann kann man nicht erwarten, dass dieselbe Bevölkerung von uns begeistert ist. Wir müssen schon von uns selbst überzeugt sein und diese Überzeugung auch nach außen tragen.“
Hm, ganz offensichtlich will er selbst dann demnächst damit anfangen, denn dieses Interview nährt eher Zweifel an Gestaltungswillen, Tatkraft und einer klaren Vorstellung vom Weg aus der Krise. Ob man denn bei der viel beschworenen Steuerreform mit dem Koalitionspartner SPD zusammenkomme, wollen die Spiegel-Kollegen schließlich wissen. „Das weiß ich noch nicht“, antwortet Merz vermutlich wahrheitsgemäß.
Es ist Spätherbst geworden in Berlin-Mitte nach diesem Gespräch. Wer zum ersten Amtsjubiläum solche Interviews gibt, will keine Nation führen, sondern irgendwie im Amt sein. „Ein Sturm kommt auf, und es wird Nacht“, singt Rammstein. „Das Tageslicht fällt auf die Seite/ der Herbstwind fegt die Straße leer …“
Mehr NIUS:
Wie sich Donald Trump immer öfter mit seinen Verbündeten anlegt
Das größte Desaster der deutschen Ingenieurskunst: Wie Stuttgart 21 zum Symbol für das Scheitern deutscher Großprojekte wurde
Warkens Gesundheitsreform im Detail: Ein Schlag ins Gesicht Pflegebedürftiger
Musks Plan für die Zukunft im All
CDU-Fraktionschef und AfD-Spitzenkandidat: Reißt dieses Foto die „Brandmauer“ ein?
Kurz vor Amerikas 250. Geburtstag läuft es für Donald Trump nicht rund
Neue Claude-KI gibts nur mit Einschränkungen
Bundeshauptstadt des Bürgergelds: Ausgerechnet Bremen schmeißt den kritischen Jobcenter-Mitarbeiter raus
Mehr NIUS:
Musks Plan für die Zukunft im All
CDU-Fraktionschef und AfD-Spitzenkandidat: Reißt dieses Foto die „Brandmauer“ ein?
Kurz vor Amerikas 250. Geburtstag läuft es für Donald Trump nicht rund
Neue Claude-KI gibts nur mit Einschränkungen
Bundeshauptstadt des Bürgergelds: Ausgerechnet Bremen schmeißt den kritischen Jobcenter-Mitarbeiter raus
Merz bringt Merkels fatale Migrations-Parole: „Wir schaffen das!“
Verfassungsschutz: Extremisten in Berlin immer jünger, linker und islamistischer
Keir Starmer kniete für George Floyd, schwieg aber monatelang zu Henry Nowak
Ralf Schuler
Artikel teilen
Kommentare