Jenseits von Politik, Trends und TikTok: Warum junge Männer und Frauen besser klarkommen als gedacht
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Scrollt man tagein, tagaus durch die schier unendlichen Weiten der sozialen Medien, tut sich ein wahrlich abgründiger Geschlechter-Kosmos auf. Dabei lernt man – ob man will oder nicht – eine Menge über den vermeintlichen Status quo von Männern und Frauen und ihr (nicht vorhandenes) Liebesleben. Zum Beispiel erfährt man, dass Singles heute unter „Dating-Fatigue“ beziehungsweise „Dating-Burnout“ leiden. Man lernt, dass es jungen Frauen heute angeblich peinlich ist, einen „Boyfriend“ zu haben, und dass sie stattdessen der romantischen Liebe lieber den Rücken kehren.
Doch hält dieses negative Beziehungsbild der Realität fernab von Instagram, TikTok und Politisierung stand? Im Bekanntenkreis der Autorin tut sich ein überraschender Kosmos jenseits medialer Trends auf.
Influencer, aber auch die Kanäle aller Zeitungen auf Instagram, X oder TikTok bombardieren einen regelrecht mit Studien und Umfragen, die beispielsweise belegen sollen, dass die Generation Z weniger Sex hat als die Generationen vor ihr, dass Single-Haushalte zunehmen, dass junge Frauen vermehrt links wählen, junge Männer vermehrt rechts. Und so weiter.
Als Mediennutzer kann man sich all diesen Inhalten kaum entziehen: Berichte über Frauen, die sich ihre Gebärmutter entfernen lassen, weil sie keine Kinder wollen. Influencerinnen, die erzählen, warum sie sich keinen Nachwuchs wünschen: entweder, weil sie keine Muttergefühle entwickeln, ihnen ihre Karriere wichtiger ist, sie keinen Mann finden, der „Care-Arbeit“ übernehmen möchte, oder weil der Staat Familien zu wenig unterstützt.
Schuld und Unglück allerorten
Dann gibt es noch die Millionen Tweets empörter Dauer-Singles, die dem jeweils anderen Geschlecht die Schuld für ihr Liebesunglück in die Schuhe schieben. Von Männern klingen die Anschuldigungen oft so: Frauen seien zu wählerisch und/oder zu feministisch eingestellt. Sie fühlen sich wie Göttinnen und wollen vom Mann entsprechend behandelt werden. Bei Frauen klingt der Single-Frust oft so: Moderne „Menners“ wollen in Beziehungen „die Prinzessin“ sein, sie seien keine Gentlemen mehr, gehen davon aus, dass Rechnungen bei Dates geteilt werden, und/oder wollen prinzipiell keine Verantwortung übernehmen.
Nicht vergessen darf man die massenhaften Angst-Szenarien, die durchs Internet geistern: Frauen ab 30 hätten es bei der Partnersuche schwer, da Männer evolutionsbedingt Frauen Anfang 20 bevorzugen. Männer mit geringem Einkommen hätten einen Nachteil, da Frauen aus evolutionspsychologischer Sicht „nach oben“ daten. Die These ist bekannt unter dem Begriff „Hypergamie“. Männer und Frauen fänden nicht zueinander, weil sie politisch auseinanderdriften.
Sind wir wirklich verloren?
Der Laptop wird zugeklappt, die Instagram-App geschlossen. Das Gefühl, das bleibt: Es ist im Jahr 2026 ein Ding der Unmöglichkeit, dass Männer und Frauen zueinanderfinden. Wir sind lost.
Dieses Gefühl beschleicht zumindest mich oft. Doch dann öffne ich die Augen für die Realität um mich herum. Eine Realität, die jenseits aller Zuspitzungen, Erklärmodelle und Studien liegt, die man in der virtuellen Welt zuhauf findet.

Die meisten Paare leben jenseits aller Ideologien.
Vor nicht allzu langer Zeit war ich auf einer Hochzeit in einer bayerischen Stadt eingeladen. Das Paar: 25 Jahre jung, beide noch im Studium. Sie fanden bereits während der Schulzeit zueinander, lebten schon einige Jahre zusammen und schafften sich einen Hund an. Jetzt gaben sie sich das Ja-Wort. Beide sind eher konservativ eingestellt, jedoch spielt Politik für keinen von beiden eine herausragende Rolle. Was mich noch mehr überraschte, war ihr eingeladener Freundeskreis. Obwohl sich die meisten im Generation-Z-Alter befanden, waren fast alle mit dem festen Partner gekommen. Sie hielten Händchen, tuschelten und tanzten eng umschlungen miteinander. Das Bild, welches sich mir von den Anfang/Mitte-20-Jährigen hier zeigte, entsprach so gar nicht dem, das man durch die Medien erhält: das des einsamen, beziehungsunfähigen, depressiven, queeren jungen Menschen, dessen Leben durch und durch von Politik geprägt ist.
Paare jenseits medialer Trends
Ich denke auch an einen entfernteren Bekanntenkreis in Wien. Es sind Millennials zwischen 30 und 35. Alle sind verheiratet, alle haben ein bis zwei Kinder. Auch hier: ganz durchschnittliche Leute, die gewöhnlichen Jobs nachgehen. Fast alle lernten sich in ihren 20ern als Studenten kennen und lebten einige Jahre miteinander, bevor sie vor den Traualtar traten.
Ihre Beziehungen lassen sich nicht durch typische moderne linke oder rechte Medien-Buzzwörter definieren: Da gibt’s keine Hypergamie, keine Tradwifes, keine Trophywifes, keine offenen Beziehungen. Es gibt keine reichen Ehemänner, die zehn Jahre älter sind als ihre Frauen. Keine Ehefrauen, die nur zu Hause sitzen und kochen. Kein einziges dieser Paare lehnt Kinder ab oder erzieht seinen Nachwuchs queer oder gendersensibel.
Links denken, konservativ leben
Was für an einfache Gegensätze gewöhnte Medienkonsumenten nur schwer nachvollziehbar sein mag: Die meisten dieser Bekannten leben zwar stockkonservativ – Vater ist Hauptverdiener, Mutter bleibt einige Zeit zuhause bei den Kindern oder arbeitet in Teilzeit –, ticken aber dezent links. Zumindest die Frauen. Sie kochen und backen, verwenden allerdings Gendersprache. Sie haben Ehemänner, die sich fürsorglich um Kinder und Haushalt kümmern, posten aber Reels in ihren Instagram-Storys, in denen sich Feministinnen über zu wenig „Care-Arbeit“ von Männern beschweren. Die FPÖ, das österreichische Pendant zur AfD, ist für diese Frauen ein rotes Tuch.

Die Mehrheit lebt jenseits der Begriffe, mit denen wir sie zu erklären versuchen.
Berlin: Jutebeutel, Dr. Martens – und Kind
Von derartigen Alltagsbeobachtungen handelt auch eine Corrigenda-Kolumne mit dem Titel „Links wählen, rechts leben“. Jana Hermann schreibt dort provokant: „(…) der deutsche Grünen-Wähler mit vier deutschen Kindern lebt oft konservativer als der neurechte Politiker, der keine Frau findet, weil ‚alle Frauen Grün wählen‘.“ Und tatsächlich: Viele links eingestellte Personen haben stabile Beziehungen, Kinder, am Wochenende geht es zum Bäcker oder Gemüsehändler ihres Vertrauens. Fährt man in Berlin-Mitte oder Kreuzberg am Morgen mit dem Bus, fallen einem die vielen Väter in ihren 30ern auf. Ausgestattet sind sie oft mit Jutebeutel, Mütze, bunten Socken und Dr.-Martens-Schuhen – und dem wichtigsten „Accessoire“: einem Kinderwagen inklusive Nachwuchs. Vermutlich befinden sie sich gerade auf dem Weg zur Kita.
Ein Leben, das sich an Idealen orientiert – nicht an Studien oder Politik
Die Wirklichkeit ist nun mal komplexer, als es X-Tweets, Instagram-Reels und Influencer suggerieren. Man sollte sich in jedem Fall deutlich weniger von Politik, (sozialen) Medien und Umfragen beeinflussen lassen und stattdessen einfach sein Leben leben.
Vorbild hierfür sind mir meine Eltern. Ihre Beziehung und Lebensgestaltung widerlegen sämtliche Trends, Modebegriffe und Studien. Mein Vater war bei der Hochzeit 22, meine Mutter 33 Jahre alt – ein Altersunterschied von elf Jahren. Mein Vater war zu dem Zeitpunkt fast mittelloser Student, meine Mama Flüchtling aus einem Land mit sozialistischem Regime. Als ich geboren wurde, war mein Papa 23 Jahre jung. Mit 30 hatte er vier Kinder. Keines von ihnen war ein Verhütungsunfall. Meine Eltern haben sich ganz bewusst für eine große Familie entschieden. Später adoptierten sie noch Zwillinge. Das Geheimnis meiner Eltern: Sie richten ihr Leben bis zum heutigen Tag nach Idealen und Werten aus anstatt nach politischen Meinungen, kurzlebigen Trends und Studien.
Für die junge Generation gilt daher umso mehr: Raus aus Apps und Meinungsbubbles, rein in das reale Leben. Orientiert euch nicht an Ideologien oder dem politischen Klima, sondern lieber an zeitlosen Tugenden.
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Emanuela Sutter
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