Hertie-Gründer floh vor Nazi-Terror – seine Uni ist jetzt Brutstätte für Judenhasser
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An einer Berliner Eliteuniversität, die Führungskräfte für Ministerien und internationale Organisationen ausbildet und für Veranstaltungen mit politischen Größen wie Emmanuel Macron, Ursula von der Leyen oder Ban Ki-moon bekannt ist, wurde nun ein SPD-Politiker von einer Podiumsdiskussion zum Nahen Osten ausgeladen. Der Grund: seine proisraelische Haltung.
Die Hertie School in Berlin-Mitte zählt zu den renommiertesten privaten Hochschulen in Deutschland. Gegründet wurde sie 2003 von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, deren Name historisch auf den Warenhauskonzern „Hertie“ zurückgeht. Dieser wiederum entstand aus dem Unternehmen Hermann Tietz, das Ende des 19. Jahrhunderts von dem jüdischen Unternehmer Oscar Tietz gegründet wurde, der das Kaufhaus unter dem Namen „Hermann Tietz“ nach seinem Onkel und Geldgeber benannte. 1933 wurde der Warenhauskonzern im Zuge der nationalsozialistischen „Arisierung“ aus jüdischem Besitz gedrängt und die Familie Tietz zur Flucht gezwungen.
91 Jahre nach der „Arisierung“ des Hertie-Konzerns werden nun ausgerechnet an jener staatlich anerkannten privaten Hochschule, die künftige Führungskräfte für Ministerien, internationale Organisationen und NGOs ausbildet und für Masterprogramme 9.625 Euro pro Semester verlangt, proisraelische Positionen offenbar zum Problem erklärt.

Hier werden Führungskräfte für renommierte Posten in Politik, Wirtschaft und Recht ausgebildet: Die Hertie-School in Berlin.
„Störungen und Proteste“ wegen Unterstützung Israels
Unter dem Titel „War, Peace and Diplomacy in the Middle East“, zu Deutsch: „Krieg, Frieden und Diplomatie im Nahen Osten“, soll am 28. April an der Privathochschule in der Friedrichstraße eine Podiumsdiskussion stattfinden. Als Gast war dort auch der SPD-Politiker Michael Roth angekündigt. Roth war von 1998 bis 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 2021 bis 2025 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

Aufruf zur „Panel Discussion“: Auch Michael Roth sollte ursprünglich dabei sein.
Am Montag machte der ehemalige Bundestagsabgeordnete auf Instagram jedoch eine brisante Entwicklung öffentlich:
Roth wurde von der Podiumsdiskussion ausgeladen, bei der unter anderem der bahrainische Botschafter Ahmed Ebrahim A. Rahman Al-Qarainees, Ebtesam Al-Ketbi, Präsidentin der Denkfabrik Emirates Policy Center, und Lina Khatib von der Harvard Kennedy School angekündigt waren. Der Grund? Seine proisraelische Haltung war offenbar unerwünscht. Laut Roth hatten Studiengruppen „Störungen und Proteste“ gegen die Veranstaltung angekündigt, weil sie seine Unterstützung Israels nicht akzeptierten, und Roth wurde ausgeladen oder, wie er es selbst auf Instagram formuliert: „gecancelt“.
Diese Entwicklung, die Roth als Kapitulation des akademischen Diskurses „vor dem Druck der Lautesten und Aggressivsten“ bezeichnet, ist an der Hertie School seit dem Angriff der palästinensischen Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober offenbar kein Einzelfall.
Migrantische Palästina-Aktivisten mischen Privathochschule auf
Die Podiumsdiskussion, von der Roth ausgeladen wurde, wurde nach Angaben eines Pressevertreters der Hertie School gegenüber NIUS nicht von der Hochschule selbst, sondern von Studenten der Hochschule organisiert. „Die Hertie School als Institution hat Herrn Roth nicht ausgeladen“, heißt es zudem gegenüber NIUS.
Tatsächlich wurde die Veranstaltung nicht von der Bildungseinrichtung selbst, sondern vom „Mashriq & Maghrib Policy Club“, kurz MMPC, organisiert. „Mashriq“ und „Maghrib“ sind arabische Begriffe und bedeuten sinngemäß „Osten“ und „Westen“. Die international geprägte Studentengruppe beschäftigt sich mit Themen rund um den Nahen Osten sowie Nordwestafrika und veranstaltet regelmäßig Formate zu islamischen Themen und zu Entwicklungen in der arabischen Welt.
Die Perspektive der Gruppe wirkt dabei deutlich einseitig und postkolonial geprägt. Auf dem Instagram-Profil der Studentengruppe finden sich mehrere Beiträge, in denen etwa Studenten mit Kuffiyeh, dem sogenannten „Palästinensertuch“, zu sehen sind. Seit dem 7. Oktober wird dieses Symbol mehrheitlich als Erkennungszeichen anti-israelischer Akteure genutzt.
Zudem hielt die Studentengruppe bereits mehrere Veranstaltungen mit dem „Solidarity Collective“ der Hertie School ab, einer weiteren Gruppe an der Hochschule, die sich auf Instagram als Zusammenschluss von Studenten, Mitarbeitern und Alumni der Hertie School beschreibt. Nach eigenen Angaben setzt sie sich „innerhalb und außerhalb der Universität für Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und dekoloniale Perspektiven“ ein.
Seit dem 7. Oktober 2023, eben jenem Datum, das den beispiellosen Terrorangriff der Hamas auf Israel markiert, fällt die Gruppierung immer wieder durch radikale antiisraelische Protestaktionen auf. So störte die Gruppe beispielsweise eine Veranstaltung zu Rüstungskontrolle und Verteidigung, bei der Vertreter des US-Außenministeriums und der NATO an der Hertie School referierten. Die Aktivisten unterbrachen die Redner mit Rufen und rollten Banner mit antiisraelischen Botschaften aus. Die Forderungen der Studenten? „Disarm Israel“, „Disarm the USA“, „Stop the Genocide“.
Auch die Abschlussfeier des Jahrgangs 2025 konnte wegen der Aktivisten des „Solidarity Collective“ offenbar nicht störungsfrei stattfinden. Vor dem Gebäude versammelten sich lautstarke Aktivisten mit Bannern, die Israel einen angeblichen Genozid in Gaza vorwarfen. Zudem erschienen Absolventen in Kuffiyehs und ließen Banner von der Decke herab, darunter auch Forderungen, die Verbindungen zur Hebräischen Universität zu kappen.

Stolz teilte das „Solidarity Collective“ Bilder ihrer Störaktion auf Instagram.
Am ersten Jahrestag des 7. Oktober teilte die Gruppierung gemeinsam mit der umstrittenen „Students for Palestine“-Gruppe der Freien Universität Berlin und weiteren pro-palästinensischen Gruppen auf Instagram einen Beitrag. Darin hieß es:
„Ganz besonders heute stehen wir als Students for Palestine Germany an der Seite des heldenhaften Widerstands des palästinensischen Volkes.“
Antisemiten-Resolution und lauwarme Distanzierung der Hochschulpräsidentin
Dass der Einfluss des „Solidarity Collective“ an der renommierten Hochschule nicht zu unterschätzen ist, zeigte sich auch Anfang März dieses Jahres: Damals beschloss das Studentenparlament der Hertie School, die „Hertie Student Representation“ (HSR), eine Resolution zur Unterstützung der weltweiten Kampagne „Boycott, Divestment and Sanctions“, kurz BDS. Die Kampagne will Israel durch Boykotte, Investitionsabzug und Sanktionen politisch und wirtschaftlich unter Druck setzen.
Die Resolution wurde von elf gewählten Studentenvertretern im Namen von rund 850 Studenten beschlossen. Initiiert worden sein soll der Antrag vom „Solidarity Collective“. Brisant: Der Deutsche Bundestag hatte BDS bereits 2019 als antisemitisch eingestuft; das Bundesamt für Verfassungsschutz führte die BDS-Kampagne später als extremistischen Verdachtsfall. Zwar wurde das Studentenparlament später durch ein Misstrauensvotum abgewählt. Die Resolution selbst steht jedoch weiterhin im Raum. Sie sieht unter anderem die Einrichtung eines Prüfungsausschusses vor, der finanzielle Verbindungen der Hochschule zu Israel untersuchen soll. Außerdem fordert sie, keine Gelder mehr an israelische Einrichtungen zu vergeben.
Die Präsidentin der Hochschule, Prof. Dr. Cornelia Woll, distanziert sich zwar in einer offiziellen Pressemitteilung der Bildungseinrichtung vom 6. März 2026 von dem Beschluss und betont, dass dieser keinerlei Auswirkungen auf die Budgetverteilung, Regularien und Prozesse der Hertie School haben wird und sie sich von antisemitischen Positionen distanziert – gleichzeitig wirkt die Erklärung in Anbetracht vergangener Aussagen der Universitätspräsidentin fragwürdig.

Cornelia Woll (links) übergibt einer Palästina-Aktivistin bei der Abschlusszeremonie der Hertie School im Jahr 2025 ihr Zeugnis.
Woll, deren Hochschule Studenten für Karrieren in Bundesministerien, bei der Europäischen Union, in internationalen Organisationen und Botschaften ausbildet, hatte in der Vergangenheit auffallend milde Töne für die antisemitischen Vorfälle an der Hertie School gefunden. In einem Interview mit der Hertie-Stiftung, die die Hochschule finanziert, verwies sie auf die internationale Zusammensetzung der Studentenschaft: An der Hochschule studierten „rund 800 Studierende aus fast 80 Ländern“. Was als Antisemitismus verstanden werde, sei „teilweise unterschiedlich“. Es gebe Länder, „da ist die Verleugnung des Holocaust akzeptiert oder nicht strafbar“.
Um sicherzustellen, „dass sich alle gesehen und wahrgenommen fühlen“, habe die Hertie School verschiedene Angebote gemacht, darunter eine Veranstaltung zum Konfliktmanagement und ein Antisemitismus-Training. Dies sei auch deshalb nötig, weil „das deutsche Regelwerk unseren internationalen Studierenden oft unzugänglich ist, vor allem, wenn man aus einem anderen Kulturkontext kommt“, heißt es in dem Interview.
Auch der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn kritisierte die Stimmung an der Hertie School bereits 2024 scharf. In einem Artikel mit dem Titel „Juden sind der Hertie School keine Silbe wert“ warf er der Hochschule eine einseitige Erinnerungskultur vor. Konkret kritisierte Wolffsohn eine Schweigeminute bei der Abschlussfeier der Hertie School 2024, die Hochschulpräsidentin Woll für die palästinensischen Opfer im Gazastreifen abgehalten hatte.
Später entschuldigte sich Woll auf X dafür, die Opfer des Hamas-Massakers vom 7. Oktober bei ihrer Schweigeminute nicht erwähnt zu haben.
Zoff zwischen Hertie School und Hertie-Stiftung
Wie lange die „private Hochschule für modernes Regieren“ antisemitische Tendenzen in Teilen der Studentenschaft noch mit Samthandschuhen anfassen kann, bleibt unklar. Denn ohne die Förderung durch die Hertie-Stiftung würde die Hochschule eine ihrer zentralen finanziellen Stützen verlieren. Genau diese Stiftung kritisiert die aktuelle Entwicklung an der Hertie School jedoch inzwischen scharf.
In einem öffentlichen Stellungnahme-Brief zur BDS-Resolution an der Hertie School schreibt Annette Schavan, Vorstandsvorsitzende der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Beschluss stelle einen „eklatanten Machtmissbrauch“ dar. Er widerspreche dem Geist der Hochschule sowie den Grundsätzen und Zielen, die einst zu ihrer Gründung geführt hätten. Der Vorgang sei, so Schavan, „inakzeptabel“.

Stellt sich klar gegen antisemitische Entwicklungen an der Hertie School: Die ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung und Vorstandsvorsitzende der Hertie-Stiftung.
Der Ton der Hertie-Stiftung ist deutlich und dürfte für die Hochschulleitung kaum zu überhören sein. In dem Schreiben heißt es:
„Als Trägerstiftung erwarten wir, dass die Hochschulleitung eine Vollversammlung der Hertie School einberuft, auf der der Vorgang diskutiert wird vor dem Hintergrund des Selbstverständnisses der School, ihres Leitbildes und der hochschulinternen Kultur angesichts einer internationalen Studierendenschaft“
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