Olivia Maurel über ihr Buch „Wo bist du, Mama?“ und Leihmutterschaft als grausames Geschäft mit Kindern
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Geboren von einer Leihmutter. Olivia Maurel wuchs zwischen Florida und der Côte d’Azur in einer wohlhabenden Familie auf. Früh spürte sie, dass etwas nicht stimmt. Heute spricht sie öffentlich darüber. Über ein System, in dem Kinder in Auftrag gegeben werden und Frauen in finanzieller Not gegen Bezahlung Schwangerschaften austragen. Ein Geschäft, das auch Europa längst erreicht – selbst dort, wo es verboten ist.
Im Interview mit NIUS spricht Olivia Maurel ungeschönt über ihre Geschichte und gibt einem komplexen Thema eine persönliche, eindringliche Stimme:
NIUS: In Ihrem Buch „Wo bist du, Mama?“ schreiben Sie, dass Sie schon sehr früh eine Distanz zu Ihrer Mutter gespürt haben. Wenn Sie an dieses Kind, das Sie mal waren, zurückdenken – was genau hat es gefühlt, noch bevor es Worte dafür hatte?
Maurel: Was ich gefühlt habe, konnte ich nicht erklären – ich habe es körperlich erlebt. Eine Art stille Dissonanz. Ich erinnere mich, wie ich sie ansah und spürte, dass etwas Wesentliches nicht übereinstimmt, als würde ich nach einer Vertrautheit suchen, die nicht da war. Aber als Kind stellt man die Realität nicht infrage, sondern sich selbst. Also dachte ich, das Problem sei ich. Es hat Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass dieses Gefühl kein Fehler, sondern eine Spur war – die Spur einer Trennung, die stattgefunden hatte, bevor ich sie begreifen konnte. Vor der Sprache kommt die Erinnerung. Und der Körper erinnert sich an das, was der Verstand noch nicht benennen kann.
„Die Frau, die mich ausgetragen hat, sollte nicht meine Mutter werden – sie sollte mich abgeben“
NIUS: Alle um Sie herum bezeichneten Ihre Familie als „normal“. Wie empfanden Sie als Kind diese Erzählung der Erwachsenen?
Maurel: „Normalität“ ist ein beruhigendes Wort. Es beendet das Gespräch, bevor es überhaupt beginnt. In diesem Zusammenhang schützt „Normalität“ vor allem die Entscheidungen der Erwachsenen – ihren Wunsch nach einem Kind und den Weg dorthin. Denn sobald man auch nur den kleinsten Zweifel zulässt, wird man gezwungen, sich mit etwas deutlich Unangenehmerem auseinanderzusetzen: nämlich damit, dass dieses Modell eine geplante Trennung von austragender Frau und Kind bei der Geburt voraussetzt. Also wird das Narrativ aufrechterhalten. Und innerhalb dieses Narrativs versteht das Kind sehr schnell, dass seine Rolle nicht darin besteht, zu hinterfragen, sondern sich anzupassen.

Olivia Maurel wurde von einer Leihmutter geboren. Heute spricht sie öffentlich über ihre Geschichte und kritisiert das System dahinter.
NIUS: Sie sagen: „Ich wurde gemacht, um weggegeben zu werden.“ Ist das für Sie ein Gefühl oder beschreibt es, wie Ihr Leben begonnen hat?
Maurel: Lange Zeit war es ein Gefühl, das ich nicht vollständig greifen konnte: diffus, aber beständig, wie eine zugrunde liegende Wahrheit, die ich spürte, ohne sie benennen zu können. Es war der Eindruck, dass mein Platz in der Welt schon vor meiner Ankunft festgelegt war – dass ich nicht einfach geboren wurde, sondern anderswo erwartet war. Das Verstörende ist, dass dieses Gefühl vollständig mit der Realität meiner Geburt übereinstimmte. Es gab tatsächlich eine Struktur, die genau auf dieses Ergebnis ausgerichtet war. Eine Schwangerschaft, deren Ziel nicht war, eine Beziehung entstehen zu lassen, sondern eine Übergabe zu organisieren. Die Frau, die mich ausgetragen hat, sollte nicht meine Mutter werden – sie sollte mich abgeben. Gefühl und Realität haben sich also irgendwann gedeckt. Und als das geschah, musste ich erkennen, dass das, was ich als Kind erlebt habe, weder eingebildet noch übertrieben war, sondern das innere Echo einer Entscheidung, die lange vor meiner Geburt getroffen wurde.
„Da wurde mir klar, dass Schwangerschaften gezielt so organisiert werden“
NIUS: Lange dachten Sie, das Problem liege bei Ihnen. Wann hat sich das verändert?
Maurel: Wenn in der Kindheit etwas nicht stimmt, richtet sich der Blick nach innen. Man geht davon aus, dass man selbst nicht richtig funktioniert. Dass man zu distanziert ist, zu sensibel, irgendwie unzureichend. Diese Überzeugung kann sich tief verankern. Der erste Wendepunkt kam, als ich die Wahrheit über meine Herkunft erfuhr. Plötzlich bekam das, was ich als persönliches Versagen interpretiert hatte, eine andere Bedeutung. Aber selbst dann blieb es zunächst meine persönliche Geschichte. Die eigentliche Veränderung kam später, eher schleichend. Durch Gespräche, durch Beobachtungen, durch Fragmente anderer Erfahrungen, die meiner ähnelten. Nicht identisch, aber vertraut. Und plötzlich war ich kein Einzelfall mehr. Also habe ich angefangen herauszufinden, wie Leihmutterschaft tatsächlich abläuft – mit Verträgen, Agenturen und über Länder hinweg. Da wurde mir klar, dass Schwangerschaften gezielt so organisiert werden, dass das Kind nach der Geburt direkt übergeben wird. In dem Moment hat sich mein Blick verändert. Es ging nicht mehr um die Frage: „Was stimmt nicht mit mir?“ Sondern: „Was bringt dieses System hervor?“
NIUS: Als Sie die Wahrheit durch den DNA-Test bestätigt bekamen, sprachen Sie von Erleichterung. Ging es dabei um die Wahrheit – oder darum, sich endlich bestätigt zu fühlen?
Maurel: Es war eine Erleichterung, die über beides hinausging. Es war das Ende einer inneren Dissonanz, die jahrelang bestanden hatte. Wenn man mit einem unausgesprochenen Zweifel aufwächst, lernt man, ihn zu unterdrücken. Man lernt, den eigenen Wahrnehmungen nicht zu trauen, weil sie nicht mit dem übereinstimmen, was einem gesagt wird. Der DNA-Test hat diese Spannung aufgelöst. Er hat nicht nur eine Antwort geliefert, sondern eine Übereinstimmung hergestellt zwischen dem, was ich fühlte, und dem, was real war. Diese Art von Erleichterung ist keine Freude. Kein Trost. Es ist Klarheit. Und Klarheit kann zugleich stabilisieren und erschüttern.
„Als ich mich entschied zu sprechen, habe ich dieses Gleichgewicht gestört“
NIUS: Als Sie öffentlich darüber gesprochen haben, haben Ihre Eltern den Kontakt zu Ihnen abgebrochen. Ist das Schweigen über die Herkunft des Kindes die Voraussetzung dafür, dass diese Familien funktionieren?
Maurel: Schweigen wird selten direkt eingefordert, aber es ist oft strukturell vorhanden. Es gibt Wahrheiten, die schwer in eine stabile Familiengeschichte integrierbar sind – und deshalb unausgesprochen bleiben. Kinder verstehen früh, was gesagt werden darf und was nicht. Sie lernen, dass bestimmte Fragen Konsequenzen haben. So wird Schweigen fast zu einer Selbstverständlichkeit. Als ich mich entschied zu sprechen, habe ich dieses Gleichgewicht gestört. Das zeigt: Schweigen ist ein Teil dessen, was das System zusammenhält.

„Wo bist du, Mama?“ – ein Buch über Herkunft und das globale Geschäft der Leihmutterschaft.
„Man muss es einen Markt nennen, weil es einer ist“
NIUS: Wann wurde aus Ihrer persönlichen Geschichte ein politisches Anliegen?
Maurel: Es begann sehr persönlich. Lange dachte ich, das, was ich als Kind gefühlt habe – diese Distanz, diese Verunsicherung –, sei etwas, das nur mich betrifft. Eine Art persönliches Defizit. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass dieses Gefühl nicht zufällig ist, sondern mit den Umständen meiner Geburt zusammenhängt. Die Frage lautet nicht mehr: Was stimmt nicht mit mir? Sondern: Was bringt dieses System hervor? Und genau da wird das Persönliche politisch.
NIUS: Es gibt Verträge, Preise, Auswahlkriterien. Warum scheuen wir uns, Leihmutterschaft als Markt zu bezeichnen?
Maurel: Man muss es einen Markt nennen, weil es einer ist. Ich habe auf einer Messe in Berlin Broschüren gesehen, in denen Leihmutterschaft wie ein Produkt angeboten wurde: mit Preisen, Vorteilen und Effizienzversprechen. Frauen wurden nicht als Personen beschrieben, sondern als Teil eines Prozesses. In den USA kostet heute ein Kind übrigens bis zu 300.000 Dollar. Gleichzeitig gibt es sogenannte „hybride“ Modelle, wie zwischen Mexiko und den USA, bei denen Frauen unter prekären Bedingungen rekrutiert, über Grenzen bewegt und vollständig in einen Ablauf eingebunden werden, der sich nicht nach ihrem Leben richtet, sondern festen Abläufen folgt. In diesem Kontext wird es sehr schwer, noch von Altruismus zu sprechen. Was sichtbar wird, ist ein System, das Kosten optimiert und auf Ungleichheit basiert. Und global betrachtet ist es ein wachsender Markt.
NIUS: In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten und wird dennoch im Ausland praktiziert. Ist das eine Form der Verlagerung statt einer echten Auseinandersetzung?
Maurel: Ja, das ist ein klarer Widerspruch. Das Prinzip wird im Inland vertreten, in der Praxis jedoch umgangen. Das Phänomen verschwindet nicht – es wird verlagert, oft in Länder mit geringeren Schutzmechanismen für Frauen. Was erhalten bleibt, ist nicht ethische Konsequenz, sondern Distanz. Und Distanz erleichtert es, nicht hinzusehen.
„Die Erzählungen darüber mögen variieren, das System bleibt“
NIUS: Befürworter sprechen von „freier Entscheidung“. Aber kann ein System, das auf Ungleichheit basiert, überhaupt eine echte Wahl ermöglichen?
Maurel: Eine Entscheidung hat nur dann Bedeutung, wenn man die Bedingungen betrachtet, unter denen sie getroffen wird. Im Fall der Leihmutterschaft sind diese Bedingungen oft von wirtschaftlichen und globalen Ungleichheiten geprägt. Wenn ein System genau darauf angewiesen ist, wird der Begriff „freie Wahl“ unzureichend. Die eigentliche Frage ist nicht, ob eine Wahl existiert, sondern ob das System, das sie hervorbringt, gerecht ist.
NIUS: Wenn man alles ausblendet – Emotionen und gute Absichten: Ist Leihmutterschaft letztlich Ausbeutung?
Maurel: Wenn man nur auf die Struktur schaut, erkennt man ein System, das den Körper einer Frau für die Bedürfnisse anderer organisiert und von Anfang an die Trennung von Kind und austragender Frau vorsieht. Die Erzählungen darüber mögen variieren. Das System bleibt. Und genau deshalb spreche ich darüber. Ich habe dieses Buch geschrieben, um etwas in Worte zu fassen, das viele fühlen, aber selten aussprechen. Es beginnt mit einer einfachen Frage: „Wo bist du, Mama?“ – führt aber zu etwas Größerem. Denn dahinter steht eine Realität, mit der wir uns erst langsam auseinandersetzen: eine Welt, in der der Beginn eines Lebens organisiert, verhandelt und übertragen werden kann. Meine Geschichte ist persönlich. Aber das, was sie sichtbar macht, ist es nicht.
Lesen Sie auch: Auf dieser „queeren“ Messe in Berlin kann man sich ein Kind nach Hautfarbe bestellen
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