Deutschland hat das Funktionieren verlernt: Die Gewöhnung an das Misslingen ist toxisch
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Alexander KisslerDeutschland kann es nicht mehr. Was einmal als deutsche Spezialität galt, gibt es noch in Geschichtsbüchern: Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, Sicherheit und Ordnung. Deutschland war ein Land, in dem die Dinge funktionierten. Heute ist das Gelingen Glückssache. Noch immer gibt es fleißige Menschen zuhauf.
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Der Alltag aber wird zum Hindernislauf, vorbei an ewigen Baustellen, vermüllten Innenstädten, sanierungsbedürftigen Schulen, Hochschulen, Brücken und Bahnhöfen. Garniert wird das Scheitern mit Phrasen.
Von Zukunftsfähigkeit ist die Rede, von Modernisierung und Effizienz, während das Land den Rückwärtsgang einlegt. So wie nun in Sachsen. Dort hat eine seit fünf Jahren vorbereitete Software-Umstellung der Finanzverwaltung ins Chaos geführt. Das D in BRD bedeutet mittlerweile: Dysfunktionalität. Wie konnte es so weit kommen?
Der Bürger erwartet nichts mehr
Die Geduld der Deutschen ist atemberaubend. Gebeutelte Staatsbürger zucken lieber mit den Achseln, als ihren Unmut auf die Straße zu tragen. In Berlin sind an mehreren Bahnhöfen die Rolltreppen defekt. Nicht seit Tagen, nicht seit Wochen – nein, zum Teil seit Monaten.
Die meisten Bürger haben innerlich abgeschlossen. Sie erwarten nichts mehr von einem Staat, der sie zu oft enttäuscht hat. Sie haben keine Ansprüche mehr an ein Staatsunternehmen Deutsche Bahn, das ein Hort der Inkompetenz ist. Sie singen das Lied der Entschuldigung: Die Dinge seien hochkomplex geworden, da dauere die Reparatur von Rolltreppen eben mehrere Monate. Ich meine: Wer sich an das Misslingen gewöhnt, wird dauernden Stillstand ernten.
Sächsisches Desaster
Duldsame Bürger treffen auf leistungslose Bürokraten. So pflanzt das Elend sich fort. In Sachsen verkündete das CDU-geführte Finanzministerium Ende 2023: Bald werde alles besser, moderner, leichter, einfacher – im Haushalts-, Kassen- und Rechnungswesen des Freistaats. Das Gegenteil trat ein. Das neue Haushalts-, Kassen- und Rechnungswesen ist ein Desaster mit dramatischen Folgen. Die Ankündigung von November 2023 ist schon jetzt ein Dokument der Zeitgeschichte.
Hilfe, Hilfe, Floskelalarm! Wer an der Gegenwart scheitert, sollte nicht von Zukunftsfähigkeit schwadronieren. Wer die Dinge vereinfachen will, muss sie beherrschen. Daran scheitert Deutschland zu oft, daran scheiterte die sächsische Finanzverwaltung.
Der MDR berichtet: Seit Monaten gebe es aufgrund des neuen Systems „massive Probleme bei der Zuordnung von Zahlungseingängen“. Auch bei den Zahlungsausgängen hapert es. Mindestens acht Hochschulen sollen laut MDR nicht überprüfen können, ob sie die Semesterbeiträge der Studenten erhalten haben. Nun müssen nachträglich Überweisungsbelege eingeholt werden.
Überall Probleme
Auch Lohn- und Gehaltszahlungen nicht verbeamteter Mitarbeiter unterblieben. Besonders drastisch: „So sind Zahlungen 1:1 in Fremdwährungen übertragen worden – ohne Berücksichtigung des Wechselkurses: 100 Euro wären demnach zum Beispiel als 100 tschechische Kronen (etwa 4,10 Euro) in Tschechien angekommen. Das Landesamt für Steuern und Finanzen bestätigte entsprechende Fälle.“ Auch beim Landesamt für Archäologie gebe es Probleme im Zahlungsverkehr.
Der deutsche Staat ist überfordert, neue Software einzuführen. Der deutsche Staat schafft es nicht, Baustellen plangemäß zu beenden. Das Berliner Pergamonmuseum sollte von 2005 bis 2010 saniert werden. Doch man startete erst 2013 – und wird voraussichtlich bis 2037 beschäftigt sein.
Eine Baustelle von 24 Jahren
Das wäre eine Baustellendauer von 24 Jahren. Das seit 2021 geschlossene Zeughaus des Deutschen Historischen Museums soll 2031 wieder eröffnet werden. Das wären zehn Jahre und somit auch ein Zeichen deutschen Misslingens. Wie hieß es so schön im vorauseilenden sächsischen Eigenlob anno 2023?
Einfach aber ist nichts mehr in Deutschland. Was andernorts ein Kinderspiel ist, ist hier eine Geduldsprobe mit offenem Ausgang. Ambitionslosigkeit, Langmut und Bildungskatastrophe sind das beste Rezept für einen nachhaltigen Abstieg. Wer daran etwas ändern will, darf vor allem eins nicht tun: sich abfinden mit der wuchernden Inkompetenz.
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