Die Grünen sind nicht bürgerlich – und wollen es nicht sein: Mit Timon Dzienus endet die Verstellung
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Die Grünen sind wieder da – leider. Von den ehemaligen Regierungsparteien haben die Grünen den Untergang der Ampel am besten überstanden. Die FDP kämpft ums Überleben, die SPD liegt im Koma. Die Grünen haben sich erholt. Bis zu 15 Prozent rufen die Wahlforscher für sie auf. Das ist ein deutliches Plus gegenüber den bei der Bundestagswahl errungenen 11,6 Prozent.
In der Opposition legen sich die Grünen keine Rücksichten auf. Die Verstellung hat ein Ende. Sinnbildlich für die neue Ehrlichkeit stehen die vielen Reden, die der ehemalige Vorsitzende der Grünen Jugend im Bundestag halten darf. Timon Dzienus zuzuhören, schmerzt. Doch es ist der Schmerz der Erkenntnis: Die Grünen sind nicht bürgerlich – und sie wollen es nicht sein. Die Dzienus-Grünen sind die Schnittmenge aus Umverteilung und Bildungskatastrophe.
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Radau und schlechte Laune
Wo Timon Dzienus spricht, da ist Radau und schlechte Laune. So hielt es der junge Mann aus Nordhorn schon in jenen beiden Jahren, als er die Grüne Jugend gemeinsam mit Sarah-Lee Heinrich zur antikapitalistischen Schreigruppe ausbaute. Heinrich hat die Partei verlassen, Dzienus macht Karriere.
Ohne Rückendeckung der Parteispitze wäre das nicht möglich. Die niedersächsische Krawallschachtel beherrscht genau einen Gestus: die Empörung. Dzienus argumentiert nicht. Dzienus echauffiert sich. Genau das soll er. Dzienus zeigt den grünen Wählern und Sympathisanten: Wir sind die Partei des gerechten Zorns.
Gedankenloser Zorn
Der gedankenlose Zorn ist Dzienus’ Metier. Weder in der Wortwahl noch im Temperament vermag er zu differenzieren. Für ihn ist alles, was er nicht begreift oder nicht schätzt, „Mist“, gerne auch „unsozialer Mist“. So plärrte er es im Reichstagsgebäude am 15. Januar der Regierungsbank entgegen.
Dem zur Grundsicherung umbenannten Bürgergeld mangelt es an effektiven Sanktionsmechanismen. Dzienus behauptet das Gegenteil. Jede Bringschuld von Sozialleistungsempfängern ist für ihn eine Zumutung. Auch am 5. März sah Dzienus wortgleich „unsozialen Mist“.
In der Perspektive von Dzienus wäre nur die bedingungslose Sozialhilfe sozial. So wie auch nur die bedingungslose Aufnahme von Asylmigranten vor seinen Augen Gnade findet. Rechnen ist Dzienus’ Lieblingsdisziplin nicht. Wohl aber beherrscht er das Keifen – insbesondere gegen die AfD. Von dieser komme nur „Mist“. Schlimmer noch: Die AfD begeht einen unverzeihlichen Fehler. Sie geht Herrn Dzienus auf den Wecker.
Hier redet ein Bundestagsabgeordneter, der das ganze Volk vertritt. Seine Diagnosefähigkeit beschränkt sich aber auf den Ausstoß von Abscheu. Mal in Worten, mal in Taten stellt Dzienus seine Abscheu aus. Dann kann es sein, dass er im Bundestag nach seiner Rede Papier zerreißt, um der AfD auch gestisch Kontra zu geben.
Wir hören und sehen: Für den Abgeordneten Dzienus ist es unter seiner Würde, sich mit den Anträgen einer konkurrierenden Oppositionspartei zu beschäftigen – auch wenn es um Rentenvorschläge geht.
Verteufeln statt Argumentieren
Der Abgeordnete Dzienus hat Demokratie nicht begriffen. Er kapituliert. Er gibt zu: Inhaltlich fällt ihm nichts ein. Er kann die AfD nur verteufeln.
Das ist erschütternd ehrlich: Dzienus verweigert die inhaltliche Diskussion. Die klare Kante, die er zeigen will, gilt letztlich der offenen Gesellschaft, dem Diskurs, der Demokratie. Er will aburteilen, weil ihm für das Urteilen alle Voraussetzungen fehlen. Er schimpft wie ein Rohrspatz, weil er keine Zwischentöne beherrscht.
Ich fürchte, der Abgeordnete Dzienus wird es bei den Grünen noch weit bringen.
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Alexander Kissler
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