Abschied vom Sie - wie schade!
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Louis HagenDer Kellner fragt: „Was möchtest du trinken?“ Der Energieanbieter schreibt: „Deine Rechnung ist online.“ Ein großer Möbelanbieter mailt: „Danke für deine Bestellung.“ Drei Beispiele, die so oder so ähnlich wohl jeder schon erlebt hat. Es ist nicht lange her, da sagte ich (oder dachte es zumindest): Was duzen Sie mich, Sie Flegel? Das wäre mir heute zu anstrengend, zu viele Flegeleien, zu viele Duzereien.
Die klassische Anrede „Sie“ scheint sich verabschiedet zu haben. Besser gesagt: Sie wurde von den Menschen verabschiedet, die offenbar keinen Sinn mehr darin sehen, diese feine Unterscheidung, die unsere Sprache bietet, mitzumachen. Heute wird einem das Du geradezu aufgedrängt. Siezen auf Twitter sei „unhöflich“, schrieb der Youtuber Rezo.
Paradox: Über Jahrhunderte hinweg wurden die Anredeformen immer respektvoller, konstatiert die FAZ. Ursprünglich gab es im Deutschen nur das DU, ehe sich im Hochmittelalter das IHR als höflichere Anrede für Adelige herausbildete. Im 18. Jahrhundert gab es sogar vier Anredeformen. Gehalten haben sich in der Neuzeit zwei: Sie und Du.
Was verlieren wir, was gewinnen wir?
In den sozialen Medien, bei YouTube, Facebook und Twitter ist die direkte Anrede mit „Du“ ohnehin längst die Regel, in manchen Sportgeschäften wird unabhängig vom Alter niemand mehr mit „Sie“ angesprochen. Hinter solchen Offerten steckt auch nach Ansicht des Karrierenetzwerks Xing ein „kultureller Wandel, der immer weitergeht“, wie ein Sprecher erklärt. Vor kurzem entschlossen sich die Betreiber des Netzwerks Xing, ihre Nutzer künftig ausschließlich mit „Du“ anzusprechen.
Was verlieren wir, was gewinnen wir? Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass es völlig egal ist, ob man gesiezt oder geduzt wird – die sozialen und menschlichen Distanzen bleiben, weil es sie einfach gibt. Es soll ein Zeichen von Gleichheit sein, angerührt von der 68er-Generation. Aber die Menschen sind nicht gleich – damals nicht und heute nicht.
Und welche Sprache bietet schon diese wundersame Distanzierung, diese liebenswerte Unterscheidung von zwei Möglichkeiten: „Äh, darf ich Sie duzen?“ Antwort: „Das tust du doch gefühlt schon längst.“
Das Abtasten nach der richtigen Anrede – mag es ein bisschen altmodisch sein. Mag das Siezen sein wie die Krawatte zum Anzug: Man kann darauf verzichten. Aber schön sind sie beide.
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