Banksy enttarnt – wie der König des linken Kitschs Millionen mit armen Mädchen und roten Herzen verdient
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Mit dem schlechten Geschmack verhält es sich wie mit dem Kitsch in der Kunst: Jeder scheint zu wissen, was Kitsch ist, aber wenn es um die Begründung geht, kommen die meisten ins Schlingern. Irgendwie ist jedem klar, dass schlechte Kunst klischeehaft, banal, unecht, überladen und sentimental ist, aber so recht am Beispiel zeigen können das die wenigsten. Das typische Beispiel für ein Kitschbild ist ja stets das Ölgemälde, das einen Hirsch auf einer Lichtung im hohen Tann zeigt, von wo aus er in das Tal hinunterröhrt, was dem Betrachter Schauer über den Rücken jagt und ihm zeigt, wie winzig und klein er doch im Vergleich mit einem mächtigen Sechzehnender ist.
Nun vermutet man so einen Hirsch über dem Sofa ja weniger bei einem Soziologen im Frankfurter Nordend, der NGOs für Geld nachweist, dass Flüchtlinge weniger kriminell als Deutsche sind, sondern eher bei einem Spediteur aus Gera, der Angst vor der Konkurrenz aus Polen hat und heimlich die AfD wählt. Große Kunst und kleiner Kitsch, ihr minderwertiger Bruder, sind also immer auch politisch oder werden wenigstens so gesehen. Ohne jeden statistischen Beweis glauben die meisten zu wissen, dass Kitsch in Musik, Literatur und Kunst meist rechts ist. Volksmusik, sagt das Vorurteil, wird in der CSU gehört, romantische Naturbilder hängen in rechten Bürgerstuben, Reiterstatuen stehen im amerikanischen Süden, ölige Marienbilder mit dunklen Augen sind bei Katholiken beliebt und Hummelfiguren bei Omas von gestern.

Kunst oder Kitsch? Banksys „Migrant Child“ trägt die rosarote Fackel nach Venedig.
Massenweise linker Kitsch
Dabei gibt es auch massenweise linken Kitsch, nur wird der in der Regel nicht als Kitsch gesehen, sondern als Kunst. Linker Kitsch sind „Imagine“ von John Lennon und „Freedom“ von Beyoncé ebenso wie die Bilder von Frida Kahlo und die Strichzeichnungen von Keith Haring. Linker Kitsch sind die Lehrstücke von Bert Brecht und Max Frisch sowie die späten Bauten von Le Corbusier und Walter Gropius. Linker Kitsch sind alle Gedichte von Ulla Hahn und viele von Erich Fried, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll, praktisch der gesamte investigative Journalismus von Günter Wallraff und die Dauerempörung von Sibylle Berg.
Aber der bekannteste und erfolgreichste linke Kitschkünstler auf der ganzen Welt heute ist der nebulöse, aber äußerst populäre Street-Art-Maler Banksy. Jeder kennt ihn. Und wer ihn nicht kennt, kennt wenigstens Bilder seiner Graffiti, die er auf Hauswänden, Mauern und Garagentoren, in Hinterhöfen, Sackgassen und Slums hinterlassen hat, aus dem Internet.
Weltberühmt ist das Bild des kleinen Mädchens mit dem grauen Kleid im Winterwind („Girl with Balloon“, s.o.) an der Londoner Waterloo Bridge, das mit ausgestrecktem Arm einen roten Ballon in Form eines Herzens steigen lässt. Kaum weniger bekannt ist das Bild des vermummten palästinensischen Jugendlichen an einer Mauer im israelischen Westjordanland, der anstatt von Wurfgeschossen einen bunten Blumenstrauß wirft („Love is in the Air“). Direkt daneben sehen wir wieder ein Mädchen, diesmal im rosa Kleid, das einen israelischen Soldaten, der mit erhobenen Händen vor ihr steht, auf Waffen abtastet („Girl Frisking Soldier“). In einem Pub im britischen Badeort Brighton sind zwei schwule Polizisten mit ihren typischen Custodian-Helmen zu sehen, die sich küssen („Kissing Coppers“). Neben einem verfallenen Torbogen in Venedig ist schon wieder ein graues Mädchen zu sehen, das nach dem Vorbild der New Yorker Freiheitsstatue eine riesige rosarote Fackel hochhält („Migrant Child“), und in einem Nest in Wales namens Port Talbot ist ein frierender grauer Junge, der sich vor einem gelb brennenden Müllcontainer aufwärmt, an die Wand gesprüht.

„Love is in the Air“
Linke Trivialmythen: Gut gegen Böse
Banksys Bilder sind flüchtig; sie werden meist bei Nacht und Nebel und hinter Bauplanen und Zäunen verborgen, ohne das Einverständnis der Eigentümer, an Wände und Mauern gesprüht. Aber kaum sind die Bilder aufgetaucht, werden sie, obwohl sie manchmal nur Tage oder Stunden bestehen, sofort fotografiert und gehen über Social Media um die Welt. Banksy kann es komplett egal sein, ob seine Graffitis Wochen, Tage oder Jahre existieren, denn ihre massenhafte Reproduktion und ihre ikonische Simplizität tun es auf jeden Fall.
Ein auch nur flüchtiger Blick auf die 20 oder 30 bekanntesten Werke Banksys zeigt, wie klein, bescheiden, ja primitiv die Ikonographie seiner Werke ist. Banksys Welt ist strikt nach Gut und Böse aufgeteilt. Die Guten, das sind die kleinen Mädchen in den immer gleichen grauen Kleidern, die ebenso grauen, barfüßigen Jungen mit Schiebermützen und Hosenanzügen, das sind die bunten Blumen, Lichter und Fackeln; die Bösen, das sind die Israelis, die Amerikaner, Ronald McDonald und Mickey Mouse sowie Soldaten, Richter und Polizisten aller Länder – außer sie sind schwul oder ziehen eine Linie Koks.
Genau dieser allzu offensichtliche und eingängige Gegensatz von Gut und Böse ist es, der Banksys mitunter durchaus witzige und technisch gekonnte Street-Art zu Kitsch macht. Während echte Kunst mitunter anstrengend, unverständlich, ja hermetisch ist und den Betrachter zur Reflexion zwingt, bietet Kitsch eine komfortable Bestätigung der eigenen Weltsicht – die bei vielen Menschen heute links ist. Das ist der eine Grund für Banksys enorme Popularität.

Viele seiner Graffitis haben durchaus Witz: Im August 2024 wurde in London dieses Schrottauto-bezwingende Nashorn entdeckt.
Banksy – Mysterium und linker Multimillionär zugleich
Es gibt aber noch einen anderen, und das ist das Geheimnis, ja Mysterium, das seine Person umweht. Bis vor wenigen Wochen schien kein Mensch zu wissen, wer Banksy in Wahrheit ist. Dass er Engländer ist, steht seit langem fest, weil er typisch britischen Slang und Humor verwendet. Dass er aus der Hafenstadt Bristol stammt, wurde immerhin vermutet, weil viele von Banksys Bilder dort bis heute Wände und Mauern zieren. Dass er ideologisch und geografisch aus derselben Ecke wie der Hip-Hopper und Graffiti-Künstler Robert Del Naja kommt, der ebenfalls aus Bristol stammt, darüber wird seit Jahrzehnten spekuliert. Trotzdem war nie ganz klar, wie Banksy mit echtem Namen heißt, wie er aussieht und was er im wirklichen Leben sonst betreibt.
Und nun wissen wir es ganz plötzlich. Jetzt im März hat die Nachrichtenagentur Reuters, die sonst nie durch spektakuläre investigative Recherchen auffällt, sensationell enthüllt, dass Banksy in Wirklichkeit Robin Gunningham heißt, 1973 im britischen Bristol geboren wurde, dort auch aufwuchs und früh zur lokalen Graffiti- und Street-Art-Szene stieß. Dieser Robin Gunningham alias Banksy, ein dicker, unrasierter Mittfünfziger in Malermontur, reist seit 25 Jahren durch die Welt, um mit vorgefertigten Schablonen seine Graffiti gut sichtbar dort anzubringen, wo er linke Inhalte für notwendig und natürlich gut verkäuflich hält. 2000 wird er in New York wegen des Sprühens von Graffiti vorübergehend festgenommen und muss 1.600 Dollar Strafe zahlen. 2006 heiratet er in Las Vegas in einer – natürlich kitschigen – Trauungskapelle voller blinkender Lichter und Neonschriften seine Frau, die früher, wie könnte es anders sein, für einen linken britischen Labour-Abgeordneten als Assistentin tätig war. Irgendwann um das Jahr 2008, als die Daily Mail ihm zum ersten Mal auf die Spur kommt, ändert Robin Gunningham seinen Namen in David Jones – das ist der häufigste britische Name überhaupt; an die 50.000 Engländer heißen so.

Mit der Anonymität ist es nun vorbei, vor kurzem wurde Banksys Identität enthüllt. Robin Gunningham alias David Jones alias Banksy dürfte heute bei 50 Millionen Pfund liegen.
Als David Jones gründet er daraufhin eine Firma für Schädlingsbekämpfung („Pest Control“), die zwar keine Schädlinge bekämpft, aber erstaunlicherweise über Aktiva im Wert von 5,7 Millionen Pfund (rund 6,7 Millionen Euro) verfügt und die Rechte an Banksys Kunstwerken auf der ganzen Welt besitzt. Aber das wahre Vermögen des Robin Gunningham alias David Jones alias Banksy dürfte heute bei 50 Millionen Pfund (rund 60 Millionen Euro) liegen und erlaubt es ihm, ein Heer von Helfern und Erfüllungsgehilfen zu beschäftigen, mit deren Unterstützung die Banksy-Bilder auf der ganzen Welt bei Nacht und Nebel auf Wänden und Mauern entstehen.
Kitsch lohnt sich
Kitsch lohnt sich also, und linker Kitsch, der so viel von armen Mädchen in grauen Kleidern, frierenden Jungen, bösen Polizisten und unmenschlichen Richtern, die mit ihren Hämmern auf Migranten eindreschen, erzählt, lohnt sich ganz besonders. Während röhrende Hirsche in Öl selbst älteren Datums für einige hundert Euro zu haben sind (ich habe mich informiert), kostet ein echter Banksy Millionen Euro, und die allerteuersten, die längst von Sotheby’s in London versteigert werden, rufen Taxen von 10 Millionen Euro und mehr auf.

Arme Mädchen, rote Herzen, böse Polizisten, unmenschliche Richter. Im Gegensatz zum röhrenden Hirschen kostet ein echter Banksy Millionen.
Diese Preise werden künftig sinken, denn das Mysterium um die Figur Banksy ist zerstört. Banksy wird es jetzt so gehen wie einst Harry Houdini (eigentlich Erik Weisz) und David Copperfield (eigentlich David Seth Kotkin): Ist der Zauberer auf der Bühne enttarnt, sind die billigen Mechanismen, Apparate und Vorrichtungen bekannt, die Kaninchen aus dem Zylinder ziehen, Personen verschwinden lassen und Assistentinnen zum Schweben bringen – bleibt nichts als schale, trockene Desillusion. Die Linken der Welt werden sich neue Kitschmaler suchen müssen.
Das ist fast schon schade, denn einige von Banksys weniger ideologischen Bildern, etwa jenes an die Wand gesprühte Nashorn, das ein davorstehendes Schrottauto in die Knie zu zwingen scheint, waren witzig und gekonnt.
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Markus Brandstetter
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