Ausgerechnet am Thema „Homosexualität und Kinder“ zerbricht das Verhältnis von Merz und Spahn
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Homosexualität und Kinder – genau darum ging es im bittersten und persönlichsten öffentlichen Streit, den Friedrich Merz und Jens Spahn je ausgetragen haben. Herbst 2020. Merz kandidiert mal wieder für den CDU-Parteivorsitz. Sein Rivale: Armin Laschet, unterstützt von Jens Spahn.
Im Bild-Interview wird Merz gefragt, ob er sich einen schwulen Kanzler vorstellen könne. Seine Antwort: „Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht –, ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.“
Merz will nicht, dass Homosexualität „Kinder betrifft“. Das sei für ihn eine „absolute Grenze“. Mit dieser Aussage bringt er Jens Spahn gegen sich auf, der bei Bild (damals wie heute) sagt: „Wenn die erste Assoziation bei Homosexualität Gesetzesfragen oder Pädophilie ist, dann müssen Sie eher Fragen an Friedrich Merz richten, würde ich sagen.“
Auch Lars Klingbeil geht damals auf Merz los, wirft ihm Rückständigkeit vor: „Schwule immer in den Verdacht zu rücken, dass da etwas mit Kindern sei, zeigt ein rückständiges Denken. Da ist eine deutliche Entschuldigung fällig.“

Merz tobte wegen Spahn-Angriff
Kandidat Merz tobt damals über den Spahn-Angriff und macht dafür im Kreise seiner Vertrauten ein, so sagt er, „Schwulen-Netzwerk“ verantwortlich. Als Spahns Mitverschwörer nennt Merz Bild-Vize Paul Ronzheimer und den ehemaligen US-Botschafter Ric Grenell.
Merz sagt damals im kleinen Kreis: „Grenell ist der Chairman vom Schwulen-Netzwerk, Spahn Vorsitzender, Ronzheimer Geschäftsführer. Brandgefährlich ist das! Ich weiß aus der Redaktion (von Bild), dass Ronzheimer die Frage an Spahn zu meinem Interview beauftragt hat.“

Jens Spahn mit dem US-Botschafter Ric Grenell (Mitte)
Merz’ Vertraute melden die wütenden Ausfälle des Kandidaten sogleich an das Umfeld von Spahn und Laschet (soviel zu „Vertraute“). Von da an gilt Merz seinen parteiinternen Gegnern und weiten Teilen der Hauptstadtjournalisten als homohassender Polit-Neandertaler.
Merz verlor gegen das „Schwulen-Netzwerk“
Am Ende verliert Friedrich Merz – mal wieder – den Kampf um den Parteivorsitz. Auch weil ihn viele in der von Merkel geprägten CDU für eben rückständig und unmodern halten. Merz scheitert auch an seinen Äußerungen über Homosexuelle und Kinder.
Sechs Jahre später ist dieser Konflikt zwischen Merz und Spahn mit Macht zurück. Spahn hat Merz nie abgenommen, dass er seine Homosexualität je innerlich akzeptiert hätte. „Aber nichts mit Kindern“ ist in der Union ein geflügeltes Wort, wann immer es darum geht, dass Friedrich Merz wie ein Gefangener einer untergegangenen Zeit erscheint.

Und jetzt stellt das politische Schicksal Friedrich Merz vor die Entscheidung, entweder den schwulen Jens Spahn wegen einer Leihmutterschaft, wegen einer Frage, die „Kinder betrifft“, aus dem Amt zu entfernen – oder aber an ihm festzuhalten und selbst von dieser Debatte verschlungen zu werden.
Gäbe es einen Sauerland-Shakespeare, er würde sich noch heute hinsetzen und dieses Drama schreiben.
Spahn wollte Merz mehrfach verhindern
Die harte politische Wahrheit lautet: Friedrich Merz hätte Jens Spahn nach aller Lebenserfahrung niemals vertrauen dürfen. Spahn hat gleich zwei Mal versucht, Friedrich Merz zu verhindern. 2018 verhalf Spahn mit einem so atemberaubenden wie hinterlistigen Manöver Annegret Kramp-Karrenbauer zum Sieg über Merz. 2020 stellte er sich gegen Merz hinter Laschet.
Spahn wollte Merz nie als Parteivorsitzenden, nicht zuletzt, weil Spahn Merz immer verdächtigt hat, sich mental nie wirklich von den 175er-Witzen verabschiedet zu haben. Spahn wollte Merz verhindern, weil ihm dessen Weltbild nicht passte.
Das ist vollkommen legitim in der Politik, der Kampf ums Weltbild ist der Kern von Politik. Merz’ Fehler war es, seinen härtesten weltanschaulichen Widersacher zum Fraktionsvorsitzenden, zur wichtigsten Säule seiner eigenen Macht zu machen. Es ist ein absolutes Rätsel, wie Jens Spahn das aufziehende Debakel um Frauke Brosius-Gersdorf nicht sehen oder ignorieren konnte, wieso er den Kanzler nicht früh und eindringlich davor warnte, dass er keine Mehrheit mehr im Bundestag hatte. Jeder Blinde konnte das sehen, aber Spahn ließ Merz in die Katastrophe laufen.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Jens Spahn (CDU)
Genauso bizarr und auf den ersten Blick vollkommen unerklärlich ist es, dass Spahn Merz nicht deutlich früher von Leihmutterschaft, Schwangerschaft, Vaterschaft berichtet hat. Niemand kann ernsthaft glauben, dass ein intelligenter, politisch gewiefter, nahezu unkaputtbarer Operator wie Spahn die politische Sprengkraft seiner persönlichen Lebensentscheidung nicht erahnt hat. Ein Fraktionschef der größten Regierungspartei, der wichtigste Mann der Legislative, der sich eine Lex Spahn schafft, der oberste Regelmacher der Nation, der sich über die Regeln stellt – selbstverständlich wusste Spahn, was das auslösen würde. Trotzdem informierte er den Bundeskanzler erst, als sein Sohn geboren war.
Merz entlarvt sich als machtpolitischer Schwächling
Merz, am Ende eben ein machtpolitischer Schwächling, gratulierte brav und anständig, anstatt spätestens im nächsten Augenblick die dramatischen Konsequenzen für seine Regierung, sein eigenes Wirken, ja, das Hintergehen durch Schweigen zu erkennen. Dass Spahn Merz nicht viel früher informiert hat, war ein massiver Vertrauensbruch. Allein, Merz fehlt die untrügliche Intuition, das sofort zu erkennen, und die Härte, das sofort zu ahnden. Zur Shakespeare’schen Strafe für diese politischen Sünden kann der Kanzler sich jetzt in allen Sommerinterviews Fragen über „Gaybys“ anhören, wie man in Amerika sagt.
Jeder ist ersetzbar
Alles, was Jens Spahn noch im Amt des Fraktionsvorsitzenden hält, ist der Spin, er wäre für die Koalition und die Macht-Tektonik von Merz unersetzbar, ja geradezu „systemrelevant“. Natürlich kommt dieser Spin von Spahn selbst und natürlich ist das Bullshit, wie Bärbel Bas sagen würde. Jeder ist ersetzbar. Das beweisen auch die Dutzenden Rücktritts-Forderungen aus Gesellschaft, Verbänden, Kirchen und der eigenen Partei. Wenn jemand wie Thorsten Frei morgen übernimmt, würde übermorgen niemand mehr von Jens Spahn sprechen. That’s politics. Get to spend time with the family.
Wenn Spahn jetzt im Podcast mit Paul Ronzheimer den Kanzler und die Fraktion vor die vollendeten Tatsachen seines persönlichen Glücks stellt und ein wohl letztes Entlastungsgefecht führen darf, dann wird Merz sich bestätigt fühlen in seinen Flüchen von 2020. Und wenn Spahn nun behauptet, er wisse selbst nicht so recht, ups, warum er nicht früher Fraktion und vor allem Kanzler informiert habe, dann stimmt das natürlich nicht.
Spahn hat sich entschieden, den Bundeskanzler nicht zu informieren. Er hat Merz nicht informiert, weil er ihn nicht informieren wollte. Das war natürlich kein Missgeschick, das war ganz bewusst so gewählt. Damit dürfte das Verhältnis von Friedrich Merz und Jens Spahn als endgültig zerrüttet gelten.
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