Böllern ist Freiheit
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Ben BrechtkenDie Deutschen lieben Petitionen. Jährlich geht im Deutschen Bundestag eine fünfstellige Anzahl von Unterschriftensammlungen ein. Sie sind schnell erstellt, lassen sich leicht unterschreiben und effektiv verbreiten. Ein Böllerverbot steht besonders hoch im Kurs, dabei spräche dies gegen jedes Prinzip der Freiheit.
Eigentlich gibt es aktuell genug Anlässe für aussichtsreiche Petitionen. Wir sind ein Land mit vielen Problemen, alles Mögliche käme in Betracht. Vielleicht die Aufforderung an den Staat, die Abgabenlast zu senken? Oder die Bitte, die desaströse Energiepolitik zu ändern? Oder die Umsetzung des Merz-Versprechens, die Grenzen zu schließen? Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk? All diese Forderungen und noch viele weitere Wünsche wären nachvollziehbare, aber falsche Antworten.
Die mit Abstand erfolgreichste Petition Deutschlands trägt den Namen: „Bundesweites Böllerverbot, jetzt!“. Erstellt wurde sie von der Gewerkschaft der Polizei Berlin, schon vor einem Jahr.

Seit Monaten trommeln Gewerkschaften und Berufsverbände für ein Verbot von Pyrotechnik.
Damals wurde sie mit unglaublichen 1,8 Millionen Unterschriften eingereicht. Seitdem sind fast 600.000 weitere Unterschriften dazu gekommen. Die Berliner Ärztekammer, die Ärztekammer Niedersachsens, der Präsident der Bundesärztekammer, viele weitere Institutionen und nach einer Umfrage des MDR sechs von zehn Deutschen befürworten ein Böllerverbot. So viel zu den gesellschaftlichen Prioritäten in einem Land voller politischer Krisen.
Wollen wir Dreck, verschreckte Tiere und Verletzungen in Kauf nehmen?
Die Forderung an sich erscheint nachvollziehbar. Nach Informationen der Deutschen Krankenhausgesellschaft wurden am 1. Januar 2025 einhundert Schwerverletzte in Krankenhäusern stationär aufgenommen. An Silvester gibt es verängstigte Tiere, verschreckte Hunde, nicht schlafen könnende Kinder und Pflegebedürftige und Mehrarbeit für Polizisten, Feuerwehrleute, Notfallsanitäter, Ärzte und Pfleger. Nicht zu vergessen die Umweltverschmutzung. Wollen wir all das wirklich für ein bisschen Knallerei in Kauf nehmen? Die Antwort einer freiheitlich denkenden Gesellschaft muss aus zwei Gründen ein klares „Ja“ sein.

Unnötiges Schild: Schon heute darf nur da geböllert werden, wo man niemanden in Gefahr bringt.
Gefährliche Pyrotechnik ist bereits verboten
Der erste Grund: Viele Behauptungen der Böllerverbot-Forderer sind nicht haltbar. Jene Pyrotechnik, die quasi ausschließlich für schwere Verletzungen verantwortlich ist, ist bereits illegal. Laut Christoph Kröpl, dem Geschäftsführer des Bundesverbands für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk, ist es „nicht möglich, sich mit einem legalen Silvesterböller eine Hand zu zerstören oder gar Gliedmaßen abzutrennen“. Solche Verletzungen sind das Ergebnis von illegalen Sprengkörpern. Was soll da ein Verbot helfen? Es ist schon verboten. Die Notaufnahmen sind an Silvester doch nicht wegen Feuerwerk überfüllt, sondern wegen des massiven Alkoholkonsums.

Böllergefahr kommt durch Leichtsinn; und dieser wiederum kommt aus der Flasche. Wird die auch verboten?
Wer andere gefährdet, begeht schon heute eine Straftat
Als es während der Coronamaßnahmenzeit Feuerwerksverbote gab, waren die Notaufnahmen doch keine Orte der arbeitszeitinternen Wellness für die Angestellten. Allen Großstädtern, die unter marodierenden Böller-Banden leiden, sei gesagt: Es ist bereits verboten, Böller in Richtung anderer Menschen zu werfen. Es ist bereits verboten, mit Böllern Dritte in Gefahr zu bringen. Es wird trotzdem gemacht. Großteils ein Symptom falscher Sicherheits- und Migrationspolitik, nicht die Schuld der Böller.
Den bestehenden Problemen ließe sich zielgerichteter begegnen. Wer in der Lage ist, sich illegal Sprengstoff zu besorgen und sich damit die eigene Hand wegzusprengen, ist sicherlich auch in der Lage, für die Folgekosten selber aufzukommen. Wer andere Menschen in Gefahr bringt, muss entsprechend sanktioniert werden. Eigenverantwortung anstatt Einspringen der Steuerzahler, das wäre doch mal eine Maßnahme.
Was man nicht mag, muss man nicht verbieten
Aber selbst dann, wenn legale Böller für alle Verletzungen verantwortlich wären, wenn die Notaufnahmen wegen der Silvesterböllerei und nicht wegen des Alkoholkonsums überfüllt wären und wenn gewaltaffine Menschen nicht von sich aus gewaltaffin wären, sondern das ein psychologischer Effekt der Dynamitstange wäre, spräche der zweite, wichtigere Grund gegen ein Böllerverbot.
Kein Mensch kann sich von Neid, Hass, Verbotsgedanken und dem Bedürfnis, die Entscheidungen anderer Menschen zu beeinflussen, freisprechen. Jeder Mensch kann diese Gefühle jedoch besiegen, indem er der Freiheitsliebe eine Chance gibt. Freiheit ist die radikale Idee, den genetischen Neandertaler, der im eigenen Gehirn wohnt, zu ignorieren. Ich selbst mag Böller nicht, mochte sie noch nie. Sie sind vulgär und besitzen keinerlei Ästhetik. Jede Rakete und jede noch so kleine Wunderkerze ist ihnen vorzuziehen. Ich käme aber nie auf die Idee, sie zu verbieten.

Hässlicher Anstrich der Fassade des Nachbarn? Nicht verboten!
Nein, nicht alle müssen so denken und so entscheiden, wie man selbst. Streicht der Nachbar sein Haus in einer hässlichen Farbe? Das mag das individuelle Empfinden stören, ist aber kein Grund, nach dem Staat zu rufen. Der Onkel fährt mit 220 Kilometern pro Stunde über die Autobahn? Ist nicht für jeden was, aber warum nicht, solange er niemanden gefährdet? Die eigenen Kinder kaufen für Silvester für 1000 Euro Feuerwerk und man selbst schliefe am liebsten um 20 Uhr auf der Couch ein? Das gilt es zu akzeptieren, die Kinder werden schon niemanden verletzen.
Laute Flugzeuge und Autobahnen werden auch nicht verboten
Eines der wichtigsten freiheitlichen Grundprinzipien lautet: kein Opfer, kein Verbrechen. Wer schnell auf der Autobahn fährt, aber das auf sichere Art und Weise tut, handelt legitim. Wer in ausreichendem Abstand zu seinen Mitmenschen einen Böller zündet, produziert kein einziges Opfer. Es besteht kein Anlass für ein Verbot. Nein, verschreckte Tiere oder schwierigeres Einschlafen der Nachbarn zählen nicht als Opfer. Zählte einmal pro Jahr vorkommende Lärmbelästigung als Freiheitseinschränkung, müssten die täglichen Flugzeugrouten über Städte, der morgendliche Müllwagen und die bösen Straßen verboten werden. Auch der Rasenmäher des Nachbarn an einem Samstagmorgen kann das Eichhörnchen gleichermaßen stören wie den dringend schlafbedürftigen Abiturienten. Den will aber hoffentlich niemand verbieten.

Flugzeuge verbieten? Dann haben Anwohner endlich Ruhe!
Auch wichtig: Neben dem fehlenden Tempolimit ist das jährliche Zündeln eines der wenigen anarchischen Elemente in einem verstaubten Land voller bürokratischer Pflichten und grauer Behördengänge. Selbst unter der bereits erwähnten Annahme, dass wirkliche Opfer dadurch entstünden, so wäre dies bedauerlich, aber der Preis der Freiheit. Nichts ist so unsicher wie das Leben.
Vermeidbare Todesfälle sind der Preis der Freiheit
Solange der Staat seine Bürger nicht zwangsweise mit Watte umhüllt, ihnen das Autofahren verbietet, ihnen Essenspläne vorschreibt, Alkohol und Drogen verbietet und die gefährliche Haushaltsarbeit von Robotern erledigen lässt, wird das so bleiben. Wobei auch dann niemand lebend herauskäme. Kurz und knapp: Vermeidbare Todesfälle und unnötige Verletzte sind der Preis der Freiheit.
Die meisten Argumente gegen das Böllern stimmen nicht. Alle Argumente gegen das Böllern sind Argumente gegen die Freiheit. Auch dann, wenn sie stimmten. Schlussendlich: Was sagte es über eine Gesellschaft aus, die nicht einmal an einem einzigen von 365 Tagen die eigenen Angst- und Ekelgefühle ignorieren könnte und erneut den heißgeliebten Verbots-Staat als Lösung heranzöge?
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