Bei Correctiv zeigt sich, was passiert, wenn die Wahrheits-Homöopathie auf Realo-Juristen trifft
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Correctiv wollte den großen Schlag gegen rechts – und hat sich rechts wie links eine eingefangen. Ungebremst ist es der Länge nach hingeschlagen, nicht auf die Knie, sondern aufs Gesicht.
Ausgerechnet jener Gutmenschen-Verein, der seit Jahren mit erhobenem Zeigefinger „Fakten statt Fake News“ predigt, selbst aber von Kampagne statt Kompetenz lebt, ist beim sogenannten „Remigrationsgipfel von Potsdam“ vom selbst errichteten Moralpodest gekracht. Deutschland hat dabei vor allem eines zu sehen bekommen: dass Empörung ohne Beweise kein guter Aktivismus ist, sondern übelste Rufschädigung im Kampagnenformat.
Das Einzige, was in Potsdam konsequent abgeschoben wurde, waren die Fakten. Der Mechanismus war lehrbuchhaft: Correctiv lieferte eine hochdramatische Geschichte vom angeblichen Geheimtreffen, Campact presste sie in eine E-Mail-Kampagne, drehte den Spin noch zwei Stufen weiter – und zahlreiche Redaktionen machten daraus brav ihre Schlagzeilen.
In Orwells „Farm der Tiere“ schreibt die Propaganda der Schweine die Parolen an die Scheunenwand – und alle Tiere nicken gehorsam, egal wie der Text geändert wird. Genauso funktioniert ein wesentlicher Teil der deutschen Presse, die brav wiederholt, was die selbst ernannten „Guten“ vorgeben. Aus einem Bericht wird ein Narrativ, aus einem Narrativ moralische Gewissheit. Was ins eigene Weltbild passt, wird nicht mehr geprüft, sondern verstärkt. Und so wird aus individueller Gewissheit kollektive Wahrheit?

George Orwell sitzt an seiner Schreibmaschine und verfasst „Farm der Tiere“ – nachgestellt im Madame Tussauds.
Der Reflex der reinen Haltung
„Nein“, sagt Jurist Carsten Brennecke – und das Gericht spricht Recht. Auf der Gegenseite herrscht Verstörung.
Wer sich für moralisch perfekt hält, tritt mit breiter Brust auf und darf sich nicht wundern, wenn er einmal eine Breitseite kassiert. Correctiv hatte selbstbewusst behauptet, das Hauptanliegen des Treffens sei eine massenhafte Zwangsdeportation von Deutschen mit Migrationsgeschichte gewesen, und ein „Geheimplan“ habe zum Ziel gehabt, Menschen mit Migrationsgeschichte das Wahlrecht zu entziehen.
Das sind keine warnenden Bewertungen mehr, das sind maximal vernichtende Tatsachenbehauptungen über konkrete Personen. Wer so etwas in die Welt setzt, verlässt den Boden des legitimen politischen Streits. Genau dort hat Brennecke angesetzt. Er hat nichts anderes getan, als an etwas zu erinnern, das viele in der aktivistischen Szene offenbar vergessen haben: Auch NGOs stehen nicht über Recht und Gesetz.

Eine empfindliche Niederlage: Correctiv unterlag gegen Brennecke und Gerrit Huy vor dem Landgericht in Berlin.
Inzwischen lernt Correctiv, dass das Recht faktenarmer Übermoral Grenzen setzt. Wenn jemand öffentlich unterstellt bekommt, er plane Deportationen und den Entzug des Wahlrechts, muss dies belastbar nachgewiesen werden – oder man lässt es bleiben. Das zuständige Gericht hat Correctiv zentrale Formulierungen untersagt, weil sie durch keine tragfähige Faktenbasis gedeckt waren. Die Richter haben nicht über Gesinnung entschieden, sondern über den Unterschied zwischen Meinung und falscher Tatsachenbehauptung.
Die müde Kraft des moralischen Alarms
Der Boomerang-Effekt ist unübersehbar: Wer jahrelang andere als Fake-News-Produzenten brandmarkt, steht plötzlich selbst mit gerichtlich kassierten Falschbehauptungen da. Dieser Reflex – moralische Erregung vor Fakten – ist kein Einzelfall, er hat Struktur. Man hat ihn schon einmal eindrucksvoll gesehen: im Fall Gil Ofarim. Ein Handyvideo, ein Davidstern, das Wort „Antisemitismus“. Und im „guten politischen Deutschland“ setzte das Hirn aus. Medien, Politiker, Verbände: alle sofort auf Sendung, alle sicher, auf der „richtigen Seite“ zu stehen.
Wer bremste oder Zweifel anmeldete, riskierte, selbst in die falsche Ecke gestellt zu werden. Sogar FDP-Justizminister Marco Buschmann machte vorschnell mit: „Ich möchte in keinem Land leben, in dem man den Davidstern verstecken soll.“ Es kam, was in einer funktionierenden Rechtsordnung kommen muss: Ermittlungen, Videoauswertung, Zeugen. Am Ende stand Ofarim selbst vor Gericht – nicht mehr als Opfer, sondern als Angeklagter. Das Verfahren wurde gegen Auflagen eingestellt, die ihn 10.000 Euro kosteten.

Bester Laune angesichts eines wegweisenden Urteils: Brennecke mit seiner Mandantin Gerrit Huy vor dem Gericht in Berlin.
Correctiv serviert ein anderes Drei-Gänge-Menü: Zuerst der maximale moralische Alarm – Remigrationsgipfel, Geheimplan, Deportationsfantasie. Dann, wenn Gerichte einschreiten, das Herunterspielen: Man habe nur zugespitzt, nur „verdeutlicht, worum es politisch gehe“. Doch es geht um die existenzielle Beschädigung von Personen durch Unterstellungen, die sich juristisch nicht halten lassen. Wer so agiert, kann sich hinterher nicht auf stilistische Freiheiten herausreden.
Carsten Brennecke wird im linken Aktivistenmilieu zum Feindbild stilisiert, weil er mit kühlem Kopf genau das tut, was Gerichte und Anwälte tun sollen: Maßstäbe anwenden, die für alle gelten. Die eigentliche Frage, die nach Correctiv und Ofarim im Raum steht, lautet: Warum hat sich in Teilen von Medien und Aktivistenszene eine Logik durchgesetzt, in der das richtige Schlagwort wichtiger ist als der richtige Sachverhalt?
„Correctiv“ kämpft gegen selbst erschaffene Strohmänner
Ob „Remigration“, „Antisemitismus“ oder „Kampf gegen Rechts“ – jedes dieser Worte steht für reale Gefahren. Gerade deswegen dürfen sie nicht zum bloßen dramaturgischen Werkzeug verkommen. Wer die härtesten Begriffe leichtfertig benutzt, entwertet sie. Am Ende sind alle mental ermüdet, die tatsächlich gegen reale Bedrohungen kämpfen – links wie rechts.
Correctiv reiht sich nahtlos in eine Blase ein, in der der Spin über das journalistische Handwerk triumphiert. Der Fall Huy und Brennecke/Correctiv zeigt jedoch, dass diese Zeit zu Ende gehen könnte. Denn dort, wo Gerichte einschreiten müssen, zählen nicht Haltung und Hashtags, sondern Sorgfaltspflichten. Dort wird nicht gefragt, auf welcher Seite jemand steht, sondern ob er im Einzelfall die Wahrheit gesagt hat.
Letztlich würde es genügen, sich auf das zu besinnen, was einmal als journalistische Standards galt – in linken, liberalen und konservativen Medien gleichermaßen. Gerne kann man Dinge links, konservativ oder auch rechts auslegen. Aber dann muss man es auf Basis anerkannter Fakten tun. Mit diesen Werten könnte sogar linker Journalismus großartig – oder zumindest unterhaltsam – sein. Wenn er denn nur ehrlich wäre.
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