Wo bleibt die rechte Kritik? Der neue Chef der AfD-Jugend ist eine Mischung aus Ricarda Lang und Jette Nietzard
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Ben BrechtkenJean-Pascal Hohm ist Vorsitzender der „Generation Deutschland“, der neuen Jugendorganisation der AfD. Von den Delegierten bekam er bei seiner Wahl über 90 Prozent Zustimmung. Eigentlich merkwürdig, wenn man bedenkt, dass er vieles verkörpert, was das AfD-Umfeld in den letzten Jahren so vehement bei linken Nachwuchspolitikern kritisierte.
Was wurde sich nicht über die fehlende Qualifikation und den nicht vorhandenen Berufsabschluss von einer Ricarda Lang oder einem Kevin Kühnert lustig gemacht. Und jetzt ist mit Herrn Hohm ein 28-jähriger Mann Chef der AfD-Jugend, der keinerlei Berufsabschluss besitzt. Was für eine Ironie. Seit dem Frühjahr 2014 ist er Mitglied der Partei. Als kleiner Einschub sei erwähnt, dass es allgemein in der deutschen Parteienlandschaft ein groteskes Konzept ist, dass Leute, die seit elf Jahren in der Hauptpartei aktiv sind, Vorsitzende der Jugendorganisation werden können. Eine Frischzellenkur stelle ich mir anders vor. Nun gut, jedenfalls hat er nie außerhalb der Politik gearbeitet.
Partei-Karrierist ohne Ausbildung
Ok, um fair zu sein: Er führt auf seiner Abgeordnetenseite eine selbstständige Tätigkeit als „Mediengestalter & Webdesigner“ an. Ok, um direkt wieder zu relativieren: Es geht um „jährliche Einkünfte unter 1.000 Euro“, also um Liebhaberei. Auch seine drei Aufsichtsratsmitgliedschaften können nicht als außerpolitische Tätigkeiten zählen, ohne sein Landtagsmandat würde er dort wohl kaum sitzen.

Jean-Pascal Hohm
Ein Mann ohne jede Ausbildung und privatwirtschaftliche Erfahrung wird von einem Milieu gefeiert, das bei linken Politikern peinlichst genau die Lebensläufe durchsucht. Ein bisschen merkwürdig ist das schon. Dabei wäre Konsequenz durchaus wünschenswert, schließlich sind Politiker, die nur die Politik kennen, ziemlich gefährliche Zeitgenossen. Ihnen fehlt Lebenserfahrung, sie sind zu abhängig von ihren jeweiligen Läden, sind festgefahren, häufig sind ihre Freundeskreise durch den jahrelangen Daueraktivismus gleichgeschaltet. Das ergibt meistens keine guten Voraussetzungen.
Bei Jean-Pascal Hohm ist Ausdruck der jahrelangen Parteiarbeit, dass er extrem professionell auftritt, bewusst formuliert und durchaus moderat erscheint. Diese politische Kommunikationskompetenz macht ihn vergleichbar mit Ricarda Lang, die ebenfalls sehr einvernehmend radikale Konzepte weichkochen und damit salonfähig machen kann.
Kontakte zur Identitären Bewegung
Bei der Radikalität steht Hohm einer Jette Nietzard von der Grünen Jugend aber in nichts nach. Was bei Jette Nietzard der Pullover mit „ACAB“ und die Kappe mit „Eat the rich“ ist, ist bei Hohm dann das Teilen eines Videos der Neonazi-Band „Hassgesang“ im Jahr 2017 auf Twitter, bei dem er lediglich die SS-Runen überdeckte. Als Folge trat er damals von seinen Parteiämtern zurück.

Fiel bei den Grünen durch radikale Ansichten und Symbolik auf: Ex-Grüne-Jugend-Vorsitzende Jette Nietzard. Für Kritiker ein gefundenes Fressen. Doch jetzt wählte sich die AfD-Jugend ein rechtes Pendant zum Vorsitzenden.
Seiner Karriere schadete das nicht langfristig. Auch nicht, als er 2021 mit Rechtsextremen eine Demonstration anführte oder in diesem Jahr ein Lied von der Rap-Crew „Neuer Deutscher Standard“ teilte. In dieser Gruppe sind Zeilen wie „Damals wie heute, Europa erwache. Für Heimat und Volk griff dein Opa zur Waffe“ völlig normal. In dem Kollektiv sind Antisemitismus, Rassismus und Nazismus Alltag.
Auch seine extrem engen Kontakte zur Identitären Bewegung sind bekannt und unbestritten. Eine Mitgliedschaft bei dieser ist für ihn kein Ausschlussgrund für Mitglieder der Jugendorganisation. Die Identitäre Bewegung befindet sich in einem Kontext mit Neonazi-Gruppen, Linksextremen und islamistischen Terrorvereinigungen. Das sagt nicht irgendein linker Soziologieprofessor, sondern die AfD höchstpersönlich, nämlich in ihrer Unvereinbarkeitsliste. Hohm wird für alle, die die AfD zu einer regierungsfähigen Partei mit Anschlussfähigkeit in bürgerliche Milieus machen wollen, sehr schwer zu verteidigen werden.
Nur der schon festgestellte Professionalismus des Jean-Pascal Hohms macht die Nähe zum Rechtsextremismus nicht noch offensichtlicher. Wobei sie ihm eine abstoßende Feigheit aufzwingt. Wenn er beispielsweise davon spricht, dass „Deutschland das Land und die Heimat der Deutschen bleibt“, weiß natürlich jeder in der Szene, dass er eigentlich „Deutschland den Deutschen“ meint, sich aber nicht traut, das auszusprechen.
Im Spiegel der eigenen Maßstäbe
Der Kontakt zu Linksextremen und die Kooperation mit ihnen waren immer ein Dauerkritikpunkt von Rechten an Nachwuchspolitikern von SPD und Grünen. Doch in Bezug auf die Gründungsveranstaltung in Gießen, bei der sich Leute wie Daniel Halemba, über dessen Bett bei einer Hausdurchsuchung der Lebensborn-Befehl von Himmler, inklusive Doppelsigrune der SS, gefunden wurde, und genuin Rechtsextreme wie Götz Kubitschek – für den jemand wie Maximilian Krah mittlerweile als linker Verräter gelten dürfte – pudelwohl fühlen, scheint in der Berichterstattung relativ wenig Unbehagen vorhanden zu sein.

Der ultrarechte Verleger und Höcke-Freund Götz Kubitschek stand auf der Gästeliste des Gründungsparteitags.
Jean-Pascal Hohm hat keine Berufsausbildung. Er ist seit seinem 18. Lebensjahr Mitglied der AfD, er kennt nur die Politik. Er hat Kontakte zu Extremisten, verharmlost Extremismus und teilt gewaltaffine Musik. Er ist eine Mischung aus Ricarda Lang und Jette Nietzard. Von Lang hat er sich die Professionalität und Ausbildungslosigkeit ausgeborgt, von Nietzard die Radikalität.

Jean-Pascal Hohm wurde am Wochenende zum Vorsitzenden der „Generation Deutschland“, der neuen Jugendorganisation der AfD, gewählt. Zu Extremisten hat er ein sehr entspanntes Verhältnis.
Hätten deutsche Leitmedien nicht jahrelang den Begriff „Rechtsextremismus“ bis zur Unkenntlichkeit ausgeleiert, bräuchte es keine 6.000 Zeichen, um den Leser davon zu überzeugen, dass dieser neue Chef der AfD-Jugend womöglich etwas mit diesem Begriff zu tun haben könnte. Jede Demokratie braucht eine demokratische Rechte. Die demokratische Rechte sollte Herrn Hohm mit der gleichen Akribie und dem gleichen kritischen Geist betrachten, wie sie es bei Ricarda Lang und Jette Nietzard tat. Es braucht den gleichen Maßstab für alle. Ein Maßstab für sich selbst, ein anderer Maßstab für Dritte ist nämlich ein Indiz für Wokeness.
Ist es der politischen Rechten wirklich egal – nachdem sie sich jahrelang über Ricarda Langs fehlende Qualifikation lustig machte und sich über Jette Nietzards Radikalität und Nähe zu Extremisten und Gewaltsymbolik empörte – dass mit Jean-Pascal Hohm jemand ohne Berufsabschluss, ohne Distanz zu Extremisten und mit Nähe zu gewaltaffiner Musik die AfD-Jugend anführt? Dann wäre sie genauso woke wie ihre linken Gegner. Die Wahl ist klar: Prinzipientreue oder Nibelungentreue.
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