Ode an die Linde: Wie ihr Duft eine Stadt verändert
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Wer durch den Berliner Bezirk Kreuzberg läuft, kennt alle möglichen Gerüche: Urinecken in U-Bahnhöfen, herumliegender Müll, Gully-Gestank, der im Hochsommer die Straßen durchzieht. Plötzlich aber, in diesen Tagen, liegt ein anderer, ein betörender Duft über Berlins Problembezirk. Es ist der ewige Duft der Linden, der uns für kurze Zeit – eben jetzt – betört.
Der Geruch der Sommerlinde (Tilia platyphyllos) ist leicht süßlich – zart, aber gleichzeitig stark und betörend. Jedenfalls für Hummeln, Bienen und Fliegen, die sie ununterbrochen umschwärmen. Weil Hummeln im Gegensatz zu Bienen ihren Artgenossen nicht per Tanz mitteilen können, ob die Nahrungsquelle Lindenblüten noch ergiebig ist, sterben viele Hummeln, wenn sie an den inzwischen ausgebeuteten Lindenblüten angekommen sind.
Linden haben 300 verschiedene Duftmoleküle
Wissenschaftler haben in Lindenblüten rund 300 verschiedene Duftmoleküle entdeckt. Die Mischung aus spritzigen, zitrusartigen und süßen, honigartigen Noten wird vom Menschen als sehr angenehm und beruhigend empfunden. Wenn Linden im Frühsommer (Juni/Juli) blühen, tun sie dies in einer schieren Masse, die die Luft regelrecht mit dem Aroma erfüllt.
Lindenblüten wirken beruhigend, angstlösend und stimmungsaufhellend. Sie helfen bei Unruhe, leichtem Stress und nervösen Schlafstörungen, da Inhaltsstoffe wie ätherische Öle (Farnesol) und Flavonoide das Nervensystem entspannen und die Bildung des beruhigenden Neurotransmitters GABA fördern.

Eine Biene nascht von der Lindenblüte.
Lindentee kann Erkältungen heilen
Die Linde ist ein Baum der Deutschen. Früher war die Dorflinde oft das Zentrum einer Gemeinde. Unter ihr wurde gefeiert, getanzt und Gericht gehalten. Sie stand für Gerechtigkeit und Frieden. Lindenblüten werden traditionell für Heiltees verwendet. Der Tee lindert Erkältungen. Lindenholz schließlich ist weich und sehr feinporig – das ideale Holz für Bildhauer und Schnitzer.
Dies alles weiß man nicht, wenn man durch Berlins Problemstraßen geht. Muss man auch nicht. Was man wissen sollte: Für die eine Spezies (die armen ausgehungerten Hummeln) bedeutet der Duft den Tod, für die anderen (uns Menschen) ist dieser Duft Garant für ein paar Tage Glückseligkeit, denn er verdeckt, was sonst ein ganzes Jahr lang Berliner Problembezirke überzieht. Die Lyrikerin Ina Seidel (1885 bis 1974) dichtete: Unsterblich duften die Linden – was bangst du nur?
So war es damals, so ist es heute – der ewige Duft der Linden.
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