Warum Ruprecht Polenz uns nicht mehr mit seinem Nazi-Tourette nerven sollte
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Vor einem Vierteljahrhundert war Ruprecht Polenz ein halbes Jahr CDU-Generalsekretär unter Angela Merkel. Mit 72 Jahren meldete er sich plötzlich in sozialen Netzwerken zu Wort, beschallt die User seither täglich mit grün-roten Statements und AfD-Bashing – und macht sich mit Nazi-Vergleichen zum Obst.
An den Nationalsozialismus kann Ruprecht Polenz keine eigene Erinnerung haben, er wurde ziemlich genau ein Jahr nach dem Endsieg der Alliierten geboren. Die Ungnade der späten Geburt hatte ihm eine Karriere im Widerstand gegen Hitler und die Seinen versagt, aber das Versäumte holt der Ex-Politiker (von April bis November 2000 war er Generalsekretär der CDU) seit ein paar Jahren nach, indem er eine neue NSDAP herbeihalluziniert, gegen die er mittels täglicher Beiträge in sozialen Netzwerken bis zum letzten Atemzug kämpft.
Polenz, dem man ausweislich seiner Statements kaum zutraut, der CDU anzugehören, fand mit 72 Lenzen zur Plattform Twitter, heute X. Täglich verbreitet er dort Inhalte, die nicht selten Zustimmung zur Idee aufkommen lassen, eine Altersgrenze für Social Media festzulegen – bis 75, dann ist Schluss. Seit er 2020 als „Newcomer des Jahres 2019“ mit dem Preis „Die Goldenen Blogger“ für seine Zwitscherei ausgezeichnet wurde, meint er, sich über alles und jeden äußern zu müssen. Fast 100.000 Nutzer folgen Polenz bei X. Die Reichweite ist der Grund, warum sich der Mann immer noch dort herumtreibt, obwohl er auch schon Elon Musk indirekt mit dem Dritten Reich in Verbindung brachte.

23.10.2000: Merkel und Polenz erklären den Rücktritt des Generalsekretärs. Merkelianer blieb er.
Böhmermann der Silver Generation
Auf Kritik an der deutschen Neigung, wegen der recht ungezügelten Meinungsfreiheit bei X Forderungen nach Regulierung und Verbot aufzustellen, schrieb Polenz im Dezember 2024 dazu: „Es gibt Deutsche, die haben seit Goebbels gelernt, dass man Medienmacht kontrollieren muss.“ Dass Hitlers Propagandaminister nicht dafür bekannt war, auch Regimegegnern Meinungsfreiheit zu gewähren (schließlich lässt Musk ja auch Polenz‘ Geschwurbel zu), fällt dem Böhmermann der Silver Generation nicht auf.
Wie so einiges. Eben bezeichnete er den unionsnahen Baha Jamous wegen dessen Überlegungen zu einer Minderheitsregierung (die eine Zustimmung der AfD mehr oder weniger implizieren würde) als „Volksgenossen“ und erntete umgehend die verdiente Kritik. Einen Tag später räumte er ein: „Diese Wortwahl war falsch. Ich bitte dafür um Entschuldigung. Den Post habe ich gelöscht.“
Eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen der Polit-Rentner Polenz einsieht, Mist gebaut zu haben. Nicht nur dieser Vorfall zeigt, dass Polenz keine einzelnen Posts löschen sollte, sondern am besten gleich seinen ganzen Account bei X – schließlich wäre er bei Mastodon und Bluesky nur noch unter Gleichgesinnten, die zustimmend mit dem Kopf nicken, wenn der „parteiübergreifend anerkannte Demokratie-Influencer“ (radioeins, rbb) beim täglichen Diskurs-Limbo mühelos unter der Stange durchgleitet.
Stopp der Finanzierung ist „Verbot“
Zu Polenz’ Lieblingsfeinden gehören selbstredend Donald Trump, Benjamin Netanjahu und Viktor Orbán. Auch beim Ätzen gegen diese rutscht ihm schon mal eine Nazi-Analogie heraus. So schrieb er über den Entwurf eines knapp 80 Meter hohen Triumphbogens in Washington: „Albrecht Speer would have loved it“. Gut, er hieß Albert, aber mit Namen hat Polenz es auch nicht so, bezeichnete etwa Springer-Chef Mathias Döpfner als „Julius Döpfner“.

„Albrecht Speer“: Bei Namen kommt Polenz schon mal in den Tüttel.
Den jüngsten Beleg für die typisch polenzsche fatale Melange aus Nazi-Obsession plus historischer Unkenntnis lieferte er ebenfalls kürzlich: „Auch Hitler hat 1933 den ‚NGO-Sumpf trockengelegt‘“, schrieb er. Der habe „alles verboten, was nicht auf Linie der Partei war, verboten oder aufgelöst“. Genau das Gleiche habe nun auch die AfD vor. Nein, hat sie nicht. Die fordert lediglich, die staatliche Alimentierung linker Vereine mit Steuergeldern zu beenden, was für Polenz offenbar zu differenziert ist. Wenn er schon historische Parallelen bemüht sehen will, passt seine Forderung nach einem Verbot der Oppositionspartei noch am ehesten in dieses Muster. Wird er aber nicht gern hören.

Hanebüchener Tweet auf dem Polenz-Account.
Bei seinen zahlreichen Reposts ist Polenz, was den Urheber betrifft, nicht wählerisch. Der „Volksverpetzer“ ist ihm genauso recht wie die Amadeu Antonio Stiftung, Hauptsache, es geht gegen rechts. Wenn er nicht gerade gegen NIUS hetzt, das er – nein, wie originell! – Gülle-NIUS zu titulieren pflegt, bespielt er alle Tasten der linken Klaviatur, insbesondere die insinuierte Vergleichbarkeit von NSDAP und AfD ist Polenz, gegen den Hendrik Wüst und Daniel Günther im Vergleich fast konservativ erscheinen, ein Herzensanliegen.
Alles Nazis außer Mutti
Die in sich zusammengefallene Correctiv-„Recherche“ elektrisierte Polenz, er fabulierte von „AfD-Deportationsplänen“, einem „Masterplan“ zur Remigration, der auch Menschen mit Zuwanderungsgeschichte beträfe, einem „Deportations-Gipfel in Potsdam“. Correctiv habe „einen Beitrag geleistet, für den ich dankbar bin“. Inzwischen kann er nur noch die Hoffnung äußern, dass es in der nächsten Instanz vielleicht etwas besser aussieht.
Es überrascht nicht, dass Ruprecht Polenz auch die lächerliche Hausdurchsuchung bei Professor Norbert Bolz richtig fand: „§ 86a StGB will Nazi-Symbole und -Parolen aus dem öffentlichen Raum verbannen. Es soll tabu sein, sie zu verwenden. Das sollten wir aus der deutschen Geschichte gelernt haben. Man kann „woke“ auch kritisieren, ohne auf Nazi-Parolen zurückzugreifen.“ Nazi-Tourette ist für den Polit-Rentner aber in Ordnung: „Es hatte schon ganz gute Gründe, bestimmte Nazi-Slogans mit Hilfe des Strafrechts zu tabuisieren. Die AfD würde viele davon wahrscheinlich gern recyceln.“
Diese Partei kann für Polenz einfach nichts richtig machen, alles Nazis außer Mutti. Beatrix von Storch macht sich über die Regenbogen-Bemalung eines ICE lustig? „Irre, dass der Bezug von Beatrix von Storch auf Nazi-Sprech über Homosexuelle schon gar niemanden mehr aufregt. Die Antwort der Bahn war mehr als berechtigt. Nochmal Danke dafür.“ Irgendein AfDler findet Bauhaus-Architektur nicht schön? „Ich glaube ja nicht, dass die AfD mittlerweile unter die Architektur-Kritiker gegangen ist. Sie übernimmt vielmehr immer mehr Elemente der Nazi-Ideologie, und da gehört die Bauhaus-Kritik dazu. Was kommt als nächstes? Eine kleine Bücherverbrennung?“

Für Polenz äußerst verdächtig: Kritik am Bauhaus-Stil.
AfD = „Nazis vor 1933“?
Der israelische Satiriker Ephraim Kishon sagte einmal sinngemäß, als es um moderne Kunst ging und er zu hören bekam: „Ja, wissen Sie denn nicht, dass die Nazis auch gegen moderne Kunst waren?“ Mit Verlaub: Nicht die Nazis werden meinen Geschmack bestimmen. Wenn Goebbels gegen den Stierkampf war, muss ich dann unbedingt dafür sein? Ruprecht Polenz ist zu solchen Überlegungen schlicht zu unterkomplex gestrickt.
Auf Äußerungen aus den Reihen der AfD reagiert Polenz wie der Pawlowsche Hund auf die Glocke. Konfrontiert man ihn mit der Überlegung, durch die ständigen Nazi-Vergleiche relativiere er letztlich die Verbrechen der Nationalsozialisten, schreibt er: „Ja, Nazi-Vergleiche, insbesondere wenn sie den Holocaust einschließen, verbieten sich. Aber es gab auch Nazis VOR 1933. Ich denke, hier sind Vergleiche nicht nur zulässig, sondern gelegentlich auch angebracht.“
Man fragt sich, wo da Ähnlichkeiten liegen könnten. Weder die vehemente Ablehnung der Demokratie, noch das Führerprinzip, die Kriegsgeilheit oder der hemmungslose Gebrauch von Gewalt lassen da irgendwelche Vergleiche zu. Dennoch kann Polenz es nicht lassen: „Auch die NSDAP wurde von vielen nicht wegen ihres Programms gewählt, sondern aus Wut, Verärgerung und Frust über die demokratischen Parteien und die Lage in Deutschland Anfang der 30er Jahre (hohe Arbeitslosigkeit). Die NSDAP war damals genauso wenig eine Lösung wie heute die AfD.“
Kritik an ARD und ZDF? Wie bei Goebbels ...
Polenz’ Logik zufolge ist auch die Feststellung der überproportional kriminell gewordenen Migranten – insbesondere bei Gewaltverbrechen und Sexualstraftaten – verdächtig: „‚Unsere‘ weißen Frauen, von Schwarzen begafft, bedroht und vergewaltigt. Die Sexualisierung des Fremdenhasses ist fester Bestandteil der NSDAP-Propaganda gewesen. Jetzt soll sie den Wahlkampf der rassistischen AfD befeuern.“
Dasselbe gilt für die Forderung nach Reform oder gar Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder zumindest der Zwangsgebühren dafür. Die Debatte reicht übrigens in die Zeit zurück, in der die ersten Privatsender den Betrieb aufnahmen. Aber wer für politische Indoktrination und woke Propaganda nicht zahlen mag, ist, nun ja, für Polenz ein Nazi: „Der ÖRR nach dem BBC-Modell ist die strukturelle Konsequenz aus dem Medienmissbrauch in Weimarer Republik (Hugenberg) und Nazi-Zeit (Goebbels). Interessant, wer heute gegen den ÖRR zu Felde zieht.“ Na gut, Polenz war 14 Jahre Vorsitzender des ZDF-Fernsehrates. Hat jemand Zweifel, dass er seine Kontrollfunktion nicht wahrgenommen haben könnte?
Auch die witzigen Gegenüberstellung einer zeitgemäßen Feministin und einer traditionellen Frau erinnert Polenz einmal mehr ans Dritte Reich: „Es ist 1:1 Nazi-Propaganda. So stellten sie Arierinnen angeblich “minderwertigen” Menschen gegenüber. Was daraus wurde, wissen wir. Diese Geschichtsvergessenheit ist erschreckend.“ Schöne Grüße zurück ins Glashaus!

Auch hier wittert Polenz „1:1 Nazi-Propaganda“.
Ruprecht Polenz ist einfach der idealtypische Shitbürger. Fragt man ihn, ob er Belege für seine Behauptung hat, die AfD wolle die Demokratie abschaffen, kommt er mit Artikel 1 des Grundgesetzes um die Ecke, ganz so, wie es das politische und mediale Establishment vorgemacht hat. Oder er behauptet, dass die AfD „bejubelt, dass Trump in den USA die Demokratie abschafft.“
Das hat Gutenberg nicht gewollt
Im Januar dieses Jahres schrieb er: „Das hätte die AfD gern: Niemand soll Verbindungen zwischen ihrem völkischen Nationalismus, ihrem Rassismus und den Nazis herstellen dürfen. … Aber die Parallelen zu den Nazis vor 1933 sind offensichtlich.“ Nur benennen kann er sie nicht. Braucht er ja auch nicht, schließlich sind sie „offensichtlich“.
Als würde der geballte Stuss, den er bei X emittiert, nicht reichen, hat Ruprecht Polenz jetzt auch noch ein Buch aus der Kategorie „Das hat Gutenberg nicht gewollt“ geschrieben, das im Juli erscheinen soll. Titel: „Wie ein Volk den Verstand verliert – und was wir dagegen tun können“. Oh, the irony!
Sollte Polenz, der bald seinen 80. Geburtstag feiert, wider Erwarten beschließen, es gut sein zu lassen mit der Twitterei, wäre nur eine Partei traurig: die Rechtspartei, die damit ihren besten Mann verlieren würde. „Es geht darum, die AfD von der Macht fernzuhalten. Das geht nur durch Ausgrenzung. Bisher hat es geklappt“, schrieb Polenz im März, und die Partei würde sicher ungern darauf verzichten, dass Polenz sie weiter ausgrenzt, schließlich geht es in den Umfragen weiter aufwärts.
Aber er merkt es einfach nicht, hat offenbar auch keinen Betreuer, der ihn mal beiseite nehmen und beruhigend auf ihn einreden könnte. Für ihn den Account bei X löscht und für ein paar Stunden das Fenster auf Kipp stellt.
Herr Polenz, Ihr Unruhestand tut niemandem gut. Es ist nur noch peinlich. Die 100.000 Follower bei X sind keine Fans, was man schon an der niedrigen Zahl der Likes sieht. Die Wahrheit ist: Die meisten wollen sehen, wie sich da ein Ex-Politiker ohne Unterlass zum Obst macht. Lassen Sie endlich los.
Lesen Sie dazu auch: Das grüne U-Boot: Wie Ex-CDU-Generalsekretär Polenz seiner Partei schadet
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