Willkommen im Tiefschnee: Wie die Fahrradstadt Berlin auf allen Wegen versagt
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Louis HagenWir Fahrradfahrer sind treue Leute. Wir fahren zu allen Jahreszeiten. Wir halten zu unseren Gefährten, als seien sie lebendig. Und wir bewegen uns mit ihnen auf allen Wegen. Denn sie bringen uns zur Arbeit, wieder nach Hause, wieder zurück und so weiter. Und im Sommer zum Strand Wannsee, wenn man in der Fahrradstadt Berlin lebt.
Eigentlich ist diese Stadt ein Paradies für Zweirad-Fahrer: immer mehr Radwege, immer weniger Platz für Autos. „Fahrräder haben Vorrang“, heißt es immer wieder im Berliner Senat. Fahrrad ist gesund, Fahrrad ist CO2-neutral, Fahrrad ist die Zukunft.
Morgens um halb acht ist die Fahrradwelt nicht in Ordnung
Erster Büroalltag im Berliner Fahrrad-Paradies. Ich starte wie immer im Südwesten. Dort, wo etwa 100.000 Menschen ohne Strom sind. Aber mein Fahrrad braucht keinen Strom, es macht seinen eigenen. Jedoch: Morgens um halb acht ist die Welt nicht in Ordnung, jedenfalls nicht für Fahrradfahrer.
Schon der Weg durch Zehlendorf-City ist gespickt mit Hindernissen. Vor dem Bahnhof beginnt das erste Tiefschnee-Abenteuer. Es kommt aus dem Nichts. Eben noch befahrbarer Asphalt, plötzlich verkrusteter Schnee. Du fährst hinein und merkst nicht, wie brüchig er ist. Bist du auch nur einen Grad in Schieflage, liegst du nicht nur schief, sondern auf dem Gesicht. Lieber schieben? Lieber nicht.

Ein Fahrrad braucht keinen Strom, aber einen befahrbaren Untergrund.
Räder rutschen, Schuhe scharren
Auch der Asphalt glänzt nicht romantisch, sondern tückisch. Räder rutschen, Schuhe scharren beim Bremsen – willkommen in der urbanen Eislaufarena. Vom Berliner Südwesten nach Kreuzberg in Berlins Mitte: ein Freiluft-Testlabor für Sturzprävention. Fast alle Fahrradwege: unbefahrbar.
Aber wir fahren dennoch. Eisflächen wechseln sich mit Tiefschnee ab. Und manchmal dazu Neuschnee. Wir Fahrradfahrer dürften laut Verkehrsordnung sogar auf die Autospur wechseln. Die Lebensmüden unter uns tun dies auch. Aber rollen Sie mal neben einem klapprigen Amazon-Lieferwagen auf einer Eisfläche vorbei. Sie spüren sozusagen seinen Atem. Sie denken: Bloß nicht wegrutschen jetzt. Was hat der für Reifen? Und wenn ich wegrutsche? Sorry, ich wollte doch noch leben.
Und spätestens da fragst du dich: Warum räumt denn hier keiner den Schnee weg? Streuen? Räumen? Ist Berlin nicht Deutschlands neue Fahrrad-City? Was ist schon die Fahrradstadt Münster, wenn es Berlin gibt? Und da wird dir bewusst: In dieser deiner Heimatstadt kümmert sich niemand wirklich um die Belange von Radfahrern. Nichts ist gefegt, nichts ist bestreut. Es ist so, wie an dem Ort, von dem ich losgefahren bin, dem Berliner Südwesten. Dem Stadtteil, in dem seit Samstag etwa 100.000 Menschen ohne Strom und ohne Heizung leben müssen.
Willkommen im Tiefschnee!
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