Immer woker, immer egaler: Bei der Miss-Germany-Wahl geht’s nicht mehr um Schönheit
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Melanie GrünDer März ist ein seltsamer Monat für uns Frauen: Die einen posten täglich vorwurfsvolle Gender-Pay-Gap-Sprüche, betrauern das Schicksal der Iranerinnen und trinken sich auf Frauen-Netzwerk-Events die Lage rosig. Denn am 8. März ist Internationaler Frauentag, das Hochamt der neuen Feministinnen. Die anderen, die nicht komplett durchdrehen wollen, verlagern sich einfach auf alles, was schön ist: Frühlingsblumen, Reisepläne, Modelshows. Irgendwo hier waren mal Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“ angesiedelt, die jetzt immer mehr in Richtung Freakshow abdriften.
Ist Miss Germany nach einem Jahrhundert auserzählt?
Und dann gibt’s da seit mehr als 100 Jahren die Wahl zur „Miss Germany“. Der Titel kam lange ebenso verstaubt daher wie das Konzept. Gestartet im Kaiserreich, erlebte der Schönheitswettbewerb laut der Homepage eine Blütezeit während der Weimarer Republik und wurde dann von den Nazis verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nur im Westen eine Miss-Wahl. In den 70er Jahren liefen die Feministinnen Sturm gegen die Hautschau. Was danach kam, kennen wir alle: Hübsche junge Frauen mit Topfigur zeigten sich von ihrer besten Seite, um die Schärpe und ein paar Modelaufträge zu ergattern. Sprechen durften sie auch, irgendwas mit Weltfrieden wurde immer gern genommen.
Weil schöne Frauen in Bikinis, die von einer Jury beäugt werden, so not drittes Jahrtausend sind, musste vor einigen Jahren ein Wandel her. Das Motto lautet mittlerweile nicht mehr: Die Schönste siegt. Das Motto lautet jetzt: Empowering Women. Der Wettbewerb um die schönste, junge Frau Deutschlands soll jetzt also ermächtigen, so schreibt die Familie Klemmer, die das Unternehmen in dritter Generation (Opa Horst, Papa Ralf, Enkel Max) führt. Jungunternehmer Max, ein smarter Hüne mit Hipster-Bart, der sich von (schönen) Frauen nicht aus dem Konzept bringen zu lassen scheint, ist seit wenigen Jahren am Ruder. Das alte Konzept braucht frische Ideen.
Miss Germany muss nicht mehr schön sein
Jetzt geht es vor allem um Sichtbarkeit, aber auch nicht so richtig: Der Bikini-Laufsteg wurde abgeschafft, auch Ehefrauen und Mütter dürfen mitmachen. Laut Homepage ist „Miss Germany“ jetzt „eine Plattform für Frauen, die Verantwortung übernehmen, und junge, weibliche Talente“. Im vergangenen Jahr gewann die blonde Valentina Busik den Titel, laut eigener Aussage Ärztin und KI-Fanatikerin. Busik wirkt sympathisch und klug, könnte aber auch eine Bekannte von Ihnen oder mir sein.

Im vergangenen Jahr gewann die blonde Valentina Busik den Titel
Was mit der Werbung begann, setzt sich jetzt überall fort: Statt Gisele Bündchen gibt’s Gabi Mustermann. Aus Models wurden Normalos. Und immer mehr Frauen, die mit einer Tüte Chips vor der Glotze fläzen, fragen sich, warum eigentlich nicht sie den Catwalk entlangspazieren.
Blumige Bullshit-Beschreibungen
Vielleicht, weil sie sich nicht so blumig verkaufen können? Der Streamer Joyn und „die Senderin“ SIXX, gehörend zur ProSiebenSAT1-Gruppe, begleiten die Kandidatinnen, für die vielleicht wenigstens ein paar neue Follower rausspringen. Da gibt’s Homestorys, eine Storytelling-Masterclass vom Profi, ein Camp in Kroatien, einen Schrei-Kurs und ein Final-Retreat in der Schweiz. Und Jil Andert, Director Brands and Events, fordert: „Alles, was ihr machen müsst, ist Deutschland zu inspirieren.“ Die Frauen sollen Spotlight-Pitches lernen. Auf Deutsch: sich mit einer eigenen Geschichte zu verkaufen. Und während dieser acht Monate zeigt sich immer wieder Max Klemmer, CEO von Miss Germany, der ein bisschen wirkt wie der nette, große Bruder. Neue Zeiten, neue Chefs. Aber leider auch neue Anwärterinnen.
Unter den Top 9 ist eine Kopftuchträgerin mit algerischen Wurzeln. Sie darf sich auf der Seite so charakterisieren: „Ich bin Amina, Performance-Marketing-Expertin, Modest Fashion Lover und Strategin mit Herz & Haltung (…) Ich unterstütze female-led Brands dabei, mit Ads sichtbar zu verkaufen, ohne sich für Erfolg zu verbiegen. Ich baue Communitys auf, halte Workshops, entwickle Funnels und empower Frauen, die oft übersehen werden.“ Ah ja.

Amina Ben Bouzid, „Miss Germany“-Finalistin 2026
Dann ist da Abina. Sie beschreibt sich als „Kulturanthropologin, Gründerin und Unternehmerin mit einer klaren Mission: Ich entwickle sichere, nachhaltige und empowernde Lösungen für Afrohaare und Locken, die einen gesamtgesellschaftlichen Wandel anstoßen.“

Bei Paula steht: „Warum Miss Germany? Weil es kein Wettbewerb um Schönsein ist. Sondern eine Plattform, die laut ist für Themen, die zählen.“

Die Muslima Büsra geht aufs Ganze: „Hijabis brauchen keine Mode, die sie toleriert – sie brauchen Mode, die sie einbezieht. Mehr Repräsentation. Mehr Zugehörigkeit & Vielfalt.“

Die Unternehmerin und „Miss Germany"-Finalistin Büsra Sayed
Und die Dreifach-Mutter Anne greift gleich ganz oben ins Regal: „Ich bin Vollzeit-Führungskraft und Vollzeit-Mama. Beides zu 100 Prozent.“ Spoiler einer berufstätigen Mutter: funktioniert zu 0 Prozent.
Aileen ist Soldatin. Nein, nicht einfach eine von 14 Prozent in Deutschland, sondern „Soldatin in einer Männerdomäne“.

Noch mehr Beispiele gefällig? Stephie trägt die möglicherweise größte Hornbrille, die je auf einer Miss-Wahl gemessen wurde: Sie ist „award-winning Fotografin & Video Directress mit Fokus auf Fashion, Beauty und Lifestyle.“

Ernst schaut uns Rose an. Sie ist „Streamerin, Künstlerin und jemand, der weiß, wie es ist, mit Herausforderungen zu leben und trotzdem seinen eigenen Weg zu finden. Vor fünf Jahren habe ich meinen Traum vom eigenen Kosmetik-Salon verwirklicht. Aufgrund einer Suchterkrankung habe ich meine Augenbrauen verloren.“

Das sind die Frauen, die Deutschland inspirieren sollen
Super, dass sie alle ihren Weg gefunden haben. Aber warum sollte sich das jemand ansehen? Vielleicht, weil auch viel Prominenz eingekauft wurde: Die fraglos schöne Lola Weippert, Youtuberin Dagi Bee, Tanz-Trainerin Nikeata Thompson und „Traumschiff“-Ärztin Collien (ehemals Ulmen) Fernandes sind am Start. Am 7. März steigt das Finale 2026 in den Bavaria Studios in München. Vorher gibt’s noch ein „Empowering Festival“. Vernetzung, Haltung, Sichtbarkeit – der Buzzword-Baukasten ist dann auch bald leer.
Was gibt’s denn eigentlich für die Siegerin zu holen? Nein, keine 100.000 Euro und kein Auto, sondern eine Jahreskooperation mit einem Social-Media-Profi. Und für die Show gibt’s Kleidung einer Designerin, die bekannt ist für „empowernde, moderne Mode, die Stärke und Identität sichtbar macht“.
Wechselnd besetzte Jurys und die Community entscheiden darüber, wer den Titel bekommt, der zwischen all diesen Schlagworten immer egaler wird. Die Party danach soll bis in die Morgenstunden dauern – dann ist Frauentag. Empowerment ist anstrengend.
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