Welterklärer im Wahlkampf-Modus: Beim CDU-Wahlkampfabschluss in Rheinland-Pfalz zeigt sich Außenkanzler Merz betont volksnah
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Ralf Schuler„Stimmungen sind noch keine Stimmen“, sagt CDU-Spitzenkandidat Gordon Schnieder, der schon gut eine Stunde vor der eigentlichen Abschlusskundgebung durch die Gänge der Salierhalle in Bad Dürkheim zieht, Mitstreitern auf die Schulter klopft, Hände schüttelt und von seinem guten Verhältnis zum Kanzler etwas in die Kameras sagt. Das ZDF ist etwas spät gekommen. Schnieder macht den Auftritt noch einmal. Das Lächeln sitzt. Nur nicht nachlassen im Ausstrahlen von Zuversicht.
Das große „G“ für Gordon ist überall in der Kampagne präsent (Slogan: „Weil’s jetzt gilt!“), und auch auf den Aufklebern mit den großen CDU-Ministerpräsidenten „Altmaier, Kohl, Vogel“ folgt nicht etwa „Schnieder“, sondern „Gordon“. „Weil Gordon es so wollte“, sagt einer aus der Jungen Union (JU). Vielleicht klingt Gordon einfach gefälliger, weltläufiger, oder er wollte einfach nicht mit seinem Bruder Patrick verwechselt werden, der in Berlin Bundesverkehrsminister ist. Und wenn Euphorie befohlen ist, dann hält der ganze Saal „Gordon“-Schilder hoch und skandiert „Gordon, Gordon!“ „Einfach großartig“, sagt Gordon Schnieder in seiner Rede.

Nach 50 Jahren wieder in Bad Dürkheim angekommen: Bundeskanzler Friedrich Merz in der Pfalz.
Wurstmarkt und Weltbühne
So recht trauen die meisten der rund 1.000 geladenen Gäste in der Halle dem kleinen Vorsprung noch nicht, den Schnieders Union (29 Prozent) in den letzten Umfragen vor dem amtierenden SPD-Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer (27 Prozent) hatte. Doch wenn solche Kundgebungen einen Sinn haben, dann den, zumindest bei den eigenen Anhängern die letzten Zweifel zu vertreiben. Und so ist dann von Anfang an sichtbarer Selbstberauschungswille da – an der tollen Kampagne, dem Einsatz, dem Zusammenhalt oder wenn der eigens angereiste Kanzler Friedrich Merz (CDU) nur den Namen der Stadt Bad Dürkheim ausspricht.
Merz ist entspannt an diesem Freitagabend und irgendwie in Plauderlaune. Vor genau fünfzig Jahren sei er das letzte Mal hier gewesen, zum traditionellen Wurstmarkt 1976. So lange sei das schon her. Und als er dieser Tage in Washington war, habe er dort einem prominenten Pfälzer vom Wahlkampf erzählt und er solle schön grüßen. Eine Mischung aus Heiterkeit und Applaus brandet auf.
An diesem Wochenende müsse er wieder mit Trump telefonieren, sagt Merz vom Pult in der Mitte der großen Bühne herab. Und mit dem Einverständnis des Saales werde er ihn fragen, ob Trump nicht zum diesjährigen Wurstmarkt kommen wolle. „Er ist im Augenblick nicht so ganz gut auf mich zu sprechen“, sagt Merz fast schon kichernd mit Blick auf seine Absage an eine Kriegsbeteiligung im Persischen Golf. Obwohl Donald Trump nicht nur Fans unter den meist älteren Unionsanhängern haben dürfte, amüsiert man sich köstlich bei dem Gedanken, den US-Präsidenten zum Wurstmarkt in Bad Dürkheim begrüßen zu können, und die lockere Mischung von Kanzler-Weltpolitik und lokalem Jahrmarktvergnügen setzt einen entspannten Ton unter den Gordon-Jüngern.
Außenpolitische Leitlinien im pfälzischen Kurort
Der Rest des Auftritts ist das Standardprogramm derzeitiger Merz-Reden, die aber viele hier im Saliersaal noch nicht zu kennen scheinen: Dass das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) nach dem Mauerfall nun doch nicht gekommen sei, dass der Krieg zurück sei auf der Weltbühne, nicht nur in der Ukraine, sondern jetzt auch in Nahost. Beim Ukraine-Krieg hat Merz inzwischen kleine Korrekturen angebracht. Behauptete er kürzlich noch, der Waffengang mit Russland dauere schon länger als der Zweite Weltkrieg (der in Wahrheit sechs Jahre währte), so beschränkt er sich jetzt auf den Russland-Feldzug und nimmt noch den Ersten Weltkrieg hinzu, der in der Tat rund vier Jahre dauerte. Wozu Merz immer wieder einen Regionalkrieg in der Ost-Ukraine mit Weltkriegen vergleicht, bleibt zwar weiter unklar, zumal viele Ukrainer damals auf Seiten der Sowjets kämpften, aber die erprobten Versatzstücke gehören offenbar zum Programm.
Dass er die Bezeichnung „Außenkanzler“ inzwischen als Kompliment betrachte, kommt hier ebenso durch wie die Absage an die MAGA-Bewegung und ihre Kulturkämpfe, die Milliardenschulden für Verteidigung, mit denen angeblich die Nato gerettet wurde, und der harte Ausschluss jeglicher AfD-Kooperation („Ich bin nicht bereit, das Erbe Konrad Adenauers und Helmut Kohls aufs Spiel zu setzen, nur für einen kurzfristigen Machtgewinn. Ich werde das nicht tun“). Da steht der Saal spontan auf und applaudiert. Wer sich draußen im Lande fragt, wie es sein kann, dass die Union eine Machtoption für die Umsetzung eigener Ziele aufgeben und sich in die Geiselhaft mit der SPD begeben könne, der bekommt an diesem Abend einen authentischen Einblick ins Innenleben der CDU und wie tief die Brandmauer tatsächlich in den Köpfen steckt. „Unter meiner Führung findet das nicht statt“, ruft Merz in den Beifall hinein und ist selbst ein wenig überrascht über das klare Echo in diesem Punkt, der keinesfalls überall an der Unionsbasis mehrheitsfähig ist.

„Das große G“: Gordon Schnieder (rechts) will die CDU am Sonntag bei der Landtagswahl zur stärksten Kraft machen.
Wer einen eigenen, neuen Akzent in der Rede sucht, wird hier in Bad Dürkheim wenig finden. Das klare Bekenntnis zum transatlantischen Bündnis ist ein solcher Punkt: „Ich möchte diese transatlantische Partnerschaft nicht aufgeben. Ich möchte trotz aller Widrigkeiten mich mit den Amerikanern verständigen, welche Vorstellungen wir für die Zukunft haben …“ Dann sprudeln wieder munter die bekannten Sentenzen von der „Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche“, mit denen Deutschland nicht wieder an die Spitze komme, Europas Überregulierung, Verbrenner-Aus, das fallen müsse, und dem überzogenen Klimaschutz, der zur Deindustrialisierung führt: „Die Europäer sind die Einzigen, die das so machen. Kann es sein, dass wir die Geisterfahrer auf der Welt sind?“
Eine knappe Stunde verplaudert Merz, legt dramatisch die Handflächen zusammen, wendet mal dieser, mal jener Saalseite den Blick zu und breitet zu großen Gesten die Arme aus. Von den bevorstehenden Reformen im Inland verliert er kein Wort, und auch der Landtagswahlkampf weckt wenig Interesse. Am Ende wirkt es immer ein wenig, als besuche der weitgereiste Onkel aus der Stadt die staunende Verwandtschaft auf dem Land, erkläre die Welt vor staunendem Publikum und sei auch nicht wenig stolz, das große globale Ganze den Klein-Klein-Menschen erklären zu können. Dann muss er wieder los.
Doch das tut der begeisterungswilligen Menge keinen Abbruch. Am Ende erhebt sich der Saal spontan. Nicht nur wenige – alle – stehen sie da, spenden langanhaltenden Applaus und hoffen, dass es am Sonntag mindestens ebensolchen Anlass zu Beifall und Freude gibt. Und „Gordon, Gordon“ könnte man dann auch wieder rufen.
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