Der Bruch: Die Unternehmer reagieren entsetzt auf den Golfplatz-Vorwurf von Friedrich Merz
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Es ist ein Satz, der auch einen Tag später noch die Runde macht auf dem Tag der Familienunternehmer im Berliner Adlon-Hotel: „Ich treffe jedenfalls am Sonntag mehr Leute auf dem Golfplatz als abends in den Talkshows“, hatte Kanzler Friedrich Merz (CDU) am Donnerstagnachmittag zum Auftakt der Konferenz den versammelten Firmenchefs und Unternehmern entgegengeschleudert, als diese sich über Wirtschaftspolitik und Unternehmer-Bashing beschwerten. „Er sollte lieber froh sein, dass wir NICHT in die Talkshows gehen“, kommentiert eine Unternehmerin hämisch.
Der Satz mit dem Golfplatz ist nicht gut angekommen bei jenen, die mal zum Kern der Merz-Unterstützer gehörten. Ein Satz, der mehr ist als eine flapsige Bemerkung über vermeintlich müßiggehende Firmeninhaber. Ein Satz, der einen Bruch markiert zwischen dem einstigen Stammlager der Union und ihrem Kanzler.
Ins Aus geschossen
Am Freitag ist der Merz-Satz in den Pausen-Gesprächen noch immer Thema. „Wenn Sie hier durch die Reihen gehen“, sagt ein Bauunternehmer als Hessen, „dann werden Sie Leute treffen, die ihre Sonntage in der Firma verbringen und nicht auf dem Golfplatz“. Mit keinem Satz hat sich Merz so ins Aus geschossen, wie mit diesem. Dass die Reform einer Wohlstandsgesellschaft schwerer sei als der Wiederaufbau nach dem Krieg, ist auch nicht gut angekommen. Was waren die Entbehrungen der Nachkriegszeit gegen die Größe meiner Mission, ist bei den Leuten im Saal angekommen. Nicht gut.
Am zweiten Tag der Familienunternehmer-Konferenz ist Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) zu Gast und spricht darüber, dass in der Bundesregierung Begriffe wie „Betriebsvermögen“ noch immer für einige ein Lernwort seien. Da müssten einige vielleicht doch noch mal nachlesen, sagt sie. Da johlt der Saal, und jeder weiß, welcher Koalitionspartner in der Bundesregierung gemeint ist. Eine Erbschaftssteuer, die am Betriebsvermögen rüttelt, werde es mit ihr jedenfalls nicht geben, so Reiche. Sätze, die ein wenig wieder versöhnen, was Merz eingerissen hat.
Auch Digitalisierungs- und Modernisierungsminister Karsten Wildberger (CDU) trifft den Ton besser, wenn er über seinen Frust in der Bundesregierung spricht. „Jeder ist gefühlt zuständig, aber keiner ist greifbar“, sagt er und wird – wie Reiche – mit kräftigem Beifall verabschiedet. Der Text von NIUS über den Kanzler-Auftritt hat in der Nacht schon die Runde gemacht. Überhaupt ist NIUS für viele Wirtschaftsleute zur täglichen Nachrichtenquelle geworden. „Ich höre Sie immer im Auto. Ist fest programmiert“, sagt ein Mann aus Bayern.

Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung Karsten Wildberger (CDU)
Ein Unternehmer, der große Industriehallen kauft und rund um Stuttgart vermarktet, berichtet mir, wie die Preise verfallen sind, weil sich reihenweise große Zulieferfirmen von ihren Immobilien trennen. Ein Unternehmen etwa, das Spielzeugmodelle für Mercedes herstellte, sei insolvent gegangen. Der neue Investor lässt jetzt in China fertigen, beschäftigt nur noch zwanzig statt einhundert Mitarbeiter für die Montage und Verpackung seiner Waren. Die Produktionshallen braucht er nicht mehr.
Blaue Ausflüge und wenig Hoffnung
Der Chef des Parlamentskreises Mittelstand (PKM), Christian von Stetten (CDU), ist stets von einer dichten Traube gleichgesinnter Geschäftsleute umringt. Einige erzählen offen, dass sie AfD wählen. Von Stetten schüttelt den Kopf. Sagt nichts. Er hatte lange auf Merz gesetzt, hofft wohl ein wenig noch immer, dass der einstige Hoffnungsträger Merz irgendwo wieder zum Vorschein kommt. Aber nach dem Kanzler-Auftritt am Vortag sagt von Stetten lieber nichts zu den blauen Ausflügen seiner Unternehmer-Kollegen. „Mein Vater“, sagt einer, „hat die Russland-Nähe von AfD-Chef Tino Chrupalla immer heftig abgelehnt“. Nach einem Auftritt Chrupallas und einem längeren Gespräch sei von der Aversion nicht mehr viel übrig geblieben, erzählt er in der Kaffeepause am Vormittag. Nicht alle gehen so weit. Aber am zustimmenden Nicken wird klar: Die Brandmauer zur AfD existiert hier im Adlon-Saal der rund vierhundertfünfzig Familienunternehmer nicht mehr. Wenn es sie denn je gab.

Der Chef des Parlamentskreises Mittelstand (PKM), Christian von Stetten (CDU)
Dass viele der hier versammelten Unternehmer längst nicht mehr in Deutschland investieren, das Geschäft verlagern und zurückfahren, erzählen sie freimütig. Wie lange der Abschwung dauert, wird diskutiert. „Wir werden das über mindestens zehn Jahre wieder aufbauen müssen, was jetzt kaputtgeht“, sagt ein Maschinenbauer aus Baden-Württemberg. Wenigstens so viel Hoffnung ist dann noch da.
„Alles, was wir jetzt noch an Wachstum sehen“, sagt die Wirtschaftsweise Prof. Veronika Grimm in ihrem Vortrag, „ist getrieben vom Staatskonsum. Nicht von Investitionen, sondern vom Konsum.“ Staatliches Geld in Verwaltung, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen, das von den Menschen ausgegeben wird, aber nicht aus neuer Wertschöpfung stammt. „Am stärksten wächst die öffentliche Verwaltung“, sagt Grimm. Ein verächtliches Lachen und Raunen geht durch den Saal. Manche lassen hörbar die Luft durch den Mund entweichen.
„Natürlich wollen wir auch eine andere Verteilung“
Später kommt SPD-Chefin und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas auf die Bühne und erntet Raunen und Gelächter, als sie im Gespräch mit Dagmar Rosenfeld erklärt, sie wolle den Bestand der Firmen erhalten, aber „natürlich wollen wir auch eine andere Verteilung“.

SPD-Chefin und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas
War es vor wenigen Wochen PKM-Chef von Stetten, der dieser Bundesregierung nur noch eine begrenzte Haltbarkeit prophezeite, so ist es diesmal die SPD-Chefin, die offen darüber spricht, dass ein Koalitionsbruch nicht ausgeschlossen sei. Die Bürger haben genauso wie die Unternehmer Zukunftsängste. „Gibt es mich eigentlich morgen noch? Muss ich in die Insolvenz? Das treibt uns doch alle um“, sagt Bas. Jetzt könne man sich als Parteien „noch auseinandertreiben“ oder man blicke sich in die Augen. „Kriegen wir das jetzt hier noch hin in dieser Legislatur, oder bricht das hier auseinander?“
In der Fragerunde meldet sich die Unternehmerin Isabel Knauf zu Wort und fragt: „Was hat der Staat davon, dass meine Kinder enteignet werden?“ Dann schiebt sie nach: „Sie zwingen mich jetzt dazu, meinem elfjährigen Kind meine Anteile zu übertragen. Ich bereite gerade alles vor. Wenn Sie so weitermachen, wie Sie es jetzt machen, kriegen Sie von mir Null. Dann werde ich meinem 11-Jährigen mein Vermögen jetzt geben.“ Applaus brandet auf. Da ist ein Nerv getroffen. Das Lebensgefühl einer Unternehmergeneration, deren Lebenswerk in diesen Tagen im Feuer steht. Sie werden kämpfen, schwingt in diesem Applaus mit.
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