Islamisierung: Wie die Muslimbruderschaft unsere Gesellschaft unterwandert
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Die Muslimbruderschaft ist der Kernakteur des politischen Islam, mit Millionen Anhängern rund um den Globus. Ihr Ziel: ein weltweites Kalifat. Eine neue Studie beschreibt Agenda und Strategien der Islamisten – und warum der Westen die von ihnen ausgehende Gefahr – zunächst durch schleichende Unterwanderung – erkennen muss.
Obwohl die Muslimbruderschaft (im Folgenden MB) 1928 gegründet wurde und damit fast ein Jahrhundert vergangen ist, ist den meisten Menschen in Europa und Nordamerika nicht klar, wie gefährlich sie für unsere freien Gesellschaften ist. Das erklärte Fernziel der MB ist die Errichtung eines Kalifats als weltumspannende islamische Ordnung. Die Islamisten denken nicht in Legislaturperioden, es handelt sich um ein langfristiges Projekt über Generationen: Demokratische Staaten und Gesellschaften sollen politisch, ideologisch, kulturell und religiös umgestaltet werden, die Islamisierung ist ein Prozess über viele Jahrzehnte, der aber gerade an Dynamik gewinnt.
Wie im Kommunismus geht es nicht primär um offen militärisch ausgetragene Konfrontationen, schreiben die Macher der Studie, der Historiker Heiko Heinisch, die Politikwissenschaftlerin Nina H. Scholz und der Militär- und Sicherheitsexperte Gustav E. Gustenau. Sondern um die grundlegende Transformation der gesellschaftlichen, politischen und normativen Ordnung des Gegenübers. In der arabischen Welt hat die MB ihre Unterstützer, aber auch Feinde. So ist sie etwa in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten (wo sie kurz herrschte, bis ein Militärputsch sie von der Macht vertrieb) und Jordanien verboten.

Kurz geherrscht, jetzt unter Druck: Muslimbrüder in Ägypten vor Gericht.
Extreme Flexibilität und Geduld
Da ihr Anspruch global ist, hat die MB – die nahezu alle islamistischen Organisationen, seien es legalistisch oder gewalttätig operierende, weltweit beeinflusst – längst auch im Westen Fuß gefasst, obwohl sie mit ihren Überzeugungen im diametralen Gegensatz zu unseren Werten steht: Einteilung der Welt in „Gläubige“ und „Ungläubige“, in Muslime und Nicht-Muslime; islamischer Suprematismus; Ablehnung von liberaler Demokratie, allgemeinen Menschenrechten sowie der Trennung von Religion und Staat; Unterordnung der Frau und die Delegitimierung Israels als „Unrechtsstaat“ auf „islamischem Boden“.
In ihrer Studie mit dem Titel „Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der ‚Civilization Jihad‘ der Muslimbruderschaft“ beschreiben die Autoren, wie es den Muslimbrüdern trotzdem gelingen konnte, demokratische Gesellschaften zu unterwandern, nämlich mit einer Agenda, die jeweils an die Umstände angepasst wird. Zunächst werden erste „zivilgesellschaftliche“, karitative und mediale Strukturen geschaffen, gefolgt von schrittweiser gesellschaftlicher Einflussnahme und institutioneller Positionierung.
Die extreme Flexibilität der MB, gepaart mit großer Geduld, erlaubt es ihnen, auch in veränderten Situationen zu reagieren und operative Mittel neu zu kombinieren. Sie nutzen die Mittel, die ihnen freie Gesellschaften bieten: Einfluss- und Desinformationskampagnen, Cyberoperationen, institutionelle und rechtliche Instrumentalisierung („Lawfare“), wirtschaftlichen Druck, zivilgesellschaftliche Strukturen.
Kooperation und Infiltration von einflussreichen Institutionen
Die Autoren beschreiben fünf Phasen, mit denen die MB ihre Ziele erlangen will. In Europa, wohin sich zunächst verfolgte Muslimbrüder aus dem Nahen Osten retteten, bauten sie nach und nach Strukturen auf, die mit wachsender Einwanderung von Muslimen stetig wuchsen. Seit den 70er Jahren betrachten die MB, aber etwa auch die türkische Milli Görüş, Europa als ein Gebiet der Dawa (Missionierung). In den 90er-Jahren wurden immer mehr islamische Vereine und Organisationen gegründet.
„So entstand ein Netzwerk aus Jugend-, Frauen-, Pfadfinderorganisationen, Moscheevereinen, Bildungsinstitutionen, Vereinen gegen Rassismus und ‚Islamophobie‘, Hilfs- und Spendenorganisationen etc., das wiederum mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, politischen Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und staatlichen Institutionen zusammenarbeitet“ – und mit eigenen Mitgliedern infiltriert.
Von außen unterstützt von Staaten wie der Türkei, Katar, Kuwait und dem Iran, arbeitet die MB auch mit politischen Parteien aus dem linken Spektrum zusammen, aber auch mit NGOs und den Amtskirchen (bei denen das gemeinsame Anliegen dann die Bedeutung der Religion ist). Die Gewalt dschihadistischer Gruppen in Europa könnte ihr Image beschädigen, daher begnügen sie sich damit, diese kleinzureden oder als (verständliche) Reaktion zu erklären. Als vermeintlich moderate Muslime gerieren sie sich als Verbündete im Kampf gegen den islamistischen Terror. Das Doppelspiel wird von den Mehrheitsgesellschaften nicht durchschaut, weil diese das Bedürfnis haben, sich selbst mit der These zu beruhigen, bei den Radikalen handle es sich um eine verschwindend kleine Minderheit.
Schleichende Islamisierung im Alltag
Die MB gaukelt den Europäern vor, der Islam sei historisch und gegenwärtig ein integraler Bestandteil Europas, Muslime seien integrationswillig und keine Bedrohung, sondern selbst Opfer von Rassismus und „Islamophobie“. Gleichzeitig macht sich ihr Einfluss immer stärker bemerkbar, insbesondere seit ab 2015 Millionen nach Europa einwanderten. In Stadtvierteln, in denen bereits zuvor parallelgesellschaftliche Strukturen existierten, stellen Muslime nicht selten schon den größten Anteil, und die MB prägt zunehmend das öffentliche Leben und setzt islamische Verhaltensnormen durch, von Bekleidungsvorschriften bis zu Speisegeboten und -verboten. Das greift über in den bisher westlich geprägten Raum, denn der Anteil der Muslime an der Gesamtgesellschaft wächst stetig.

Wohltätigkeitsorganisation mit Verbindungen zur MB: Islamic Relief.
Die Studie stellt Intoleranz gegenüber nicht-halal-konformem Essen in Großküchen, Sonderregelungen für Fastenzeiten und Gebete, Durchsetzung von Kleidervorschriften oder Geschlechtertrennung fest. Aber auch „Forderungen nach Gebetsräumen in Schulen und Universitäten, nach Rücksichtnahme auf Gebetszeiten und den Fastenmonat Ramadan, Ablehnung von Unterrichtseinheiten an Schulen, versuchte Einflussnahme auf Forschung und Lehre und Verweigerung von Schwimm- und Sportunterricht durch muslimische Schülerinnen.“
Selbst Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum ist kein Tabu mehr, wie Beispiele aus Universitäten, bei Demonstrationen, aber auch öffentlichen Bädern zeigen, wo Schwimmzeiten nur für muslimische Frauen reserviert werden. Massengebete im öffentlichen Raum, aber auch die Erlaubnis für Moscheen, den Muezzin zum Gebet rufen zu lassen, zeigen das Bestreben der MB, den Islam in den öffentlichen Raum zu tragen.
Masseneinwanderung islamistisch sozialisierter Menschen
Die massive Einwanderungsbewegung seit 2015, konstatieren die Autoren der Studie, veränderte die Situation grundlegend: „Mit ihr gelangte eine erhebliche Zahl von Menschen nach Europa, die in ihren Herkunftsgesellschaften in konservativ‑fundamentalistischen religiösen Milieus sozialisiert worden waren und entsprechende Wertvorstellungen mitbrachten. Dazu zählen unter anderem die Abwertung von Nicht‑Muslimen, stark patriarchale Geschlechterrollen, ausgeprägte Judenfeindschaft sowie feindliche Haltungen gegenüber Homosexuellen.“

Aggressive Anti-Israel-Demonstration in Berlin
Die wachsende Zahl muslimischer Schüler hat auch Einfluss auf die Bildungsinhalte. Das betrifft, so die Autoren, „etwa den Geschichtsunterricht, zum Beispiel den osmanischen Imperialismus und die Belagerung Wiens, den Nationalsozialismus und den Holocaust, den Biologie- und Sexualkundeunterricht, Kunst- und Musikunterricht sowie den Sport- und Schwimmunterricht, aber auch schulbezogene Veranstaltungen wie Wandertage, Museums- und Theaterbesuche und Schulreisen.“
Der katarische Sender Al-Jazeera ist ein Beispiel dafür, wie geschickt Islamisten den Westen zu täuschen verstehen. In seinen in arabischer Sprache ausgestrahlten Programmen wird etwa der dschihadistische Terror der Hamas glorifiziert, während man sich in den auf Englisch ausgestrahlten Berichten progressiv‑liberaler Sprache bedient, um das Narrativ vom Opfer im Nahostkonflikt zu transportieren.
Ähnlich geht der MB vor, wenn er an die identitätspolitische, postkoloniale Linke andockt und ihre Erzählungen von „Islamophobie“ oder „antimuslimischem Rassismus“ bedient. Gemeinsam behauptet man, Migration sei durchweg positiv, Muslime seien Opfer von Rassismus, und die Befreiung Palästinas sei die Voraussetzung für eine gerechte Welt. Mithilfe der Israel-Boykott-Bewegung BDS und zahlreicher NGOs übt man erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung des Nahostkonflikts aus.

Verdacht auf verstärkte Aktivitäten der Muslimbruderschaft: Die Bonner Al-Muhajirin-Moschee geriet ins Visier der Sicherheitsbehörden.
Ausbau und Verdichtung der Netzwerke
Die Islamisten machen es sich auch zunutze, dass immer mehr Muslime eingebürgert werden. Aus der Studie erfahren wir, dass 2025 der kuwaitische Führer der MB, Tareq Al-Suwaidan, junge Muslime im Westen dazu aufrief, ihre Staatsbürgerschaft zu nutzen, um „die islamische Nation“ voranzubringen und Druck auf Politiker ihrer Staaten auszuüben. Ob das der Politik bewusst ist, die bereits einige hunderttausend Syrer eingebürgert hat?
Die Studie geht zum Schluss auf die sicherheitspolitische Relevanz des Themas ein. Es ist davon auszugehen, dass der Einfluss der MB nicht schwindet, sondern – schon wegen der demografischen Entwicklung – eher zunimmt. So ergab eine Motra-Studie zum Radikalisierungsgeschehen in Deutschland, dass in Deutschland immer mehr vor allem junge Muslime die westliche Lebensweise ablehnen und anfällig für die islamistische Ideologie sind.
Die Autoren befürchten, dass an die Stelle der bislang „stillen“ institutionellen Infiltration im Sinne eines schrittweisen Marschs durch die Institutionen eine „deutlich polarisierendere und konfrontativere Vorgehensweise“ treten könnte. Es drohe der „Ausbau und die Verdichtung ihrer Netzwerke sowie die stärkere Verankerung in staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen“. Festgestellt wird: „Der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Europa wächst; zugleich ist ihr Durchschnittsalter deutlich niedriger, der Anteil säkular orientierter Personen erheblich geringer und kollektivistische Einstellungen sind deutlich verbreiteter als in der übrigen Bevölkerung.“
Die Absicht ist klar – das Potenzial die entscheidende Variable
Entscheidend ist die Risikobewertung durch eine Kombination von Absicht und Potenzial. Die Agenda ist seit Gründung der MB vor fast hundert Jahren ganz offen sichtbar, und seither arbeitet man an ihrer Verwirklichung. Die Frage ist also nicht, was die Muslimbrüder wollen, sondern ob sie es können. Zum Potenzial der Islamisten zählen die steigende Zahl der Muslime in Europa, der wachsende Einfluss der MB in ihren Gemeinschaften und die Spielräume, die ihnen in den liberalen Demokratien gelassen werden.
Solange ihr nicht effektiv entgegengewirkt wird, kommt die MB als religiös fundierte Ideologie mit Machtanspruch ihrem Ziel näher. Sie nutzt die Möglichkeiten und Mittel der Demokratie, um diese mit dem Ziel zu bekämpfen, sie am Ende abzuschaffen – so wie Präsident Recep Tayyip Erdoğan 1998 aus einem Gedicht eines türkischen Politikers zitierte: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind.“
Angesichts der Bedrohung der freien Gesellschaften durch den Islamismus mahnen die Autoren der Studie „ein grundlegendes Umdenken und eine umfassende Gegenstrategie“ an. Fragt sich nur, ob die Analyse der aktuellen Lage nicht zeigt, dass es dafür schon zu spät sein könnte.
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Claudio Casula
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