Ich will das alte Deutschland zurück
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Deutschland hat seine innere Einheit verloren. Vor dem Tag der Deutschen Einheit schulden wir uns einen ungeschönten Blick. Die Feierlichkeiten in Saarbrücken stehen unter dem Motto „Zukunft durch Wandel“. Das mag auf das Saarland zutreffen. Wo früher Kohle abgebaut wurde, stehen die Zeichen auf Veränderung. Die deutsche Politik aber hat es in den letzten Jahren übertrieben mit ihrem Transformationsgerede, mit dem Umbau von Stadt und Land, von Gesellschaft und Nation. Wir sehen einen rasenden, stellenweise destruktiven Wandel. Deshalb habe ich vor diesem Feiertag einen Wunsch: Ich will das alte Deutschland zurück.
Die aktuelle Folge „Kissler Kompakt“ sehen Sie hier:
Schon Schüler neigen zur Gewalt
Das neue Deutschland tritt mir entgegen beim Gang durch die Innenstädte, beim Blick auf Marktplätze, in Schulen und in Unternehmensbilanzen. Die Initiativen zur Besserung der Lage zeigen, wie schlecht die Lage ist.
Der nordrhein-westfälische Innenminister stellte nun stolz ein „neues Präventionskonzept gegen Gewalt an Schulen“ vor. Das Konzept trägt den Namen „miteinander.stark.sicher – gemeinsam für eine gewaltfreie Schule“. Schön, dass es so etwas gibt. Traurig, dass es so etwas geben muss.
Friedlicher, weil es weniger bunt war
Innenminister Herbert Reul erklärt: „Immer mehr junge Menschen neigen zu Gewalt. Die Polizei auf Schulhöfen und im Unterricht soll mehr Sensibilität für das Thema schaffen. Wir müssen frühzeitig ansetzen, um Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie sie Konflikte gewaltfrei lösen können.“
Im alten Deutschland brauchte es solche Konzepte nicht. Die Schule war kein Paradies, aber kein Raum der Gewalt. Flächendeckende De-Eskalationstrainings für Minderjährige wären niemandem eingefallen. Es gab keinen Bedarf. Die Gesellschaft war weniger bunt, aber friedlicher. Die Gesellschaft war friedlicher, WEIL sie weniger bunt war.
Neue Messerverbotszonen
Im alten Deutschland wäre es keine Jubelmeldung gewesen, dass die Bundespolizei das Messerverbot nun besonders streng überwacht. An 16 Bahnhöfen in Berlin und Brandenburg greift vom heutigen ersten Oktober an eine verschärfte Kontrolle. Täglich von 14 Uhr bis 4 Uhr morgens dürfen an 16 Bahnhöfen keine Messer und keine Schlagstöcke mitgeführt werden. Auch Reizgas ist verboten. Begründung: Die Gewalt ist in den letzten Jahren eskaliert.
Im alten Deutschland war es selbstverständlich, dass die Schüler die deutsche Sprache beherrschen, bevor die Schulzeit beginnt. Heute berichten Lehrer, sie seien froh, wenn sie Erst- und Zweitklässlern mitteleuropäische Umgangsformen vermitteln können. Das gesellschaftliche Klima sei rauer geworden.
Ohne Leitkultur geht es nicht
Ich meine: Der Abschied von der Bildungsnation hängt mit dem Verzicht auf eine Leitkultur zusammen. Rauer wird ein soziales Klima, wenn raue Gesellen den Ton angeben. Wer wollte bestreiten, dass zu viele Menschen ins Land geströmt sind und weiterhin strömen, die schlechte Manieren und eine hohe Gewaltbereitschaft im Gepäck führen?
Wenn ich vom alten Deutschland rede, meine ich nicht die Zeit des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg. Die 90er und die nuller Jahre genügen. Es waren Jahre, in denen man sich verstand, weil kein Kauderwelsch die Norm setzte. Es waren Jahre, in denen Weihnachtsmärkte keine Poller brauchten. Jahre, in denen Syrer nicht vor aller Augen auf Afghanen losgingen.
Ist das noch unser Land?
Es waren Jahre, in denen es unter Männergruppen seltener zur Eskalation kam, weil es weniger eskalationsbereite Männergruppen gab. Und Jahre, in denen die Republik sich nicht aufrieb an der Frage, ob das noch unser aller Land sei.
Früher war nicht alles besser. Ja. Manches aber doch. Und darum wünsche ich mir das alte Deutschland zurück. Und Sie?
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Alexander Kissler
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