Die Krause-Sause: Münchner Wokies feiern den Grünen-Bürgermeister wie einen Messias
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Er pflanzt Bäume, er baut Radwege, er macht den Nahverkehr besser, er schafft Wohnraum, er kämpft für Minderheiten, er setzt auf Bildung, er sieht gut aus, er kann, ach, einfach alles!
Die Rede ist vom neugewählten Münchner Oberbürgermeister Dominik Krause, dem sich die Münchner und ihre Medien an den Hals werfen wie einem Messias. Krause wird gefeiert, bevor er geliefert hat.

Hurra, ein GRÜNER! Bei der Münchner Lastenrad-Bohème knallen die Schampuskorken.
Wer heute die Süddeutsche Zeitung liest, sieht zuerst ein riesiges Foto: Neben der Münchner Frauenkirche prangt groß die Partei-Sonnenblume der Grünen. Davor strahlt der neue Heilsbringer des Chiasamen-Clubs: Dominik Krause.
Seit der 35-Jährige am Sonntag in der Stichwahl gegen den vormaligen SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter mit großem Abstand davonzog (verzückte Reaktion einer Reporterin: „Ich hab‘ nicht dran geglaubt, aber ich hab’s gehofft!“), bekomme ich täglich mehrere Anrufe: von meinen schwulen Freunden, die jauchzen, jetzt brächen bessere Zeiten für sie an. So wie ich das seit fast drei Jahrzehnten erlebe, kann man im bunten München mit dem fantastischen Ausgehviertel am Gärtnerplatz und immer mehr queeren Veranstaltungen auf dem Oktoberfest auch als Nicht-Hetero eine ausgesprochen gute Zeit haben. Aber das mag nur die eine Seite der Medaille sein. Von Übergriffen auf meine Freunde habe ich in all den Jahren nichts gehört.
München war auch vor Krause schön
Meine Kinder und ihre Freunde jubilieren: Kultur-Krause tut was fürs Nachtleben! Was das genau sein soll, weiß niemand. Aber am Horizont schimmern endlose Nächte (okay, die Biergärten schließen um 23 Uhr) und hippe Bars, von Konzerten ganz zu schweigen. Mein Einwand, auch so habe Adele hier eine Konzertreihe abhalten können, habe Taylor Swift den voll besetzten Olympiahügel gepostet (auf dem ich saß), geschenkt. Die Schanigärten, in Coronazeiten etabliert, sorgen ohnehin für Partystimmung auf den Straßen, teils so heftig, dass die Anwohner Sturm laufen.
München war schon immer eine Stadt der prallen Lebenslust. Ich sage meinen Kindern, dass ich keinen grünen Bürgermeister brauche, um mit einem Weißbier und einer Brezel meine Nase in die Sonne überm Biergarten zu halten, um an einen der Seen zu radeln. Das war schon immer so, das wird immer so bleiben.
Alle feiern den grünen Erlöser
Aber alle Skepsis verpufft. Zu groß ist die Euphorie, besonders in den Innenstadtbezirken, wo Menschen kein Auto brauchen und noch nie um ihre Sicherheit bangen mussten. Die Nymphenburger Altbau-Bewohner und Berufs-Erben, die BMW-Abteilungsleiter und Allianz-Accountants, die Reformer-Pilates-Mamas und die Trauma-Coaches aus dem Bullerbü-Stadtteil Haidhausen – sie alle feiern den neuen München-Messias. Vergessen die Rolle der Münchner Grünen in der Coronazeit, als die Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, Katharina Schulze, Schulschließungen und Kinderimpfungen befürwortete. Ich hab’s nicht vergessen. Meine Kinder, die Hauptleidtragenden, schon.

Dominik Krause löst nach 12 Jahren den Amtsinhaber Reiter ab.
Wie sag’ ich’s den Fans um mich herum?
Krause ist ein Grüner, er macht grüne Politik, er arbeitet mit der Rosa Liste zusammen, er macht Wahlkampf mit Robert Habeck. Klar, der Kerl macht einen netten Eindruck, liebt seinen Verlobten seit der Schulzeit, Physikstudium, alles solide. Er setzt sich für Obdachlosen-Unterkünfte, Baumschulen und die Olympia-Bewerbung ein. Er beherrscht Social Media und nimmt seine 169.000 Follower wie ein Profi mit. In einem emotionalen Video nach dem Wahlsieg spricht er von Aufbruchsstimmung und sagt immerhin ehrlich, er könne nicht alle Probleme lösen, die wir in München haben.
Wer dieser Tage eine städtische Schule betritt oder am Hauptbahnhof (wird 2038 fertig, kein Witz) ankommt und sich durch die verwahrlosten Straßen bis zum leider ziemlich heruntergekommenen Stachus bewegt, weiß: Hier liegen ein paar Probleme, die mit Baumpflanzen und Tempolimit nicht zu bewältigen sind. Mehr als 11.000 Wohnsitzlose, mehr als 10.000 Geflüchtete, der letzte Armutsbericht des Sozialreferats entfiel, weil nicht genug Personal da war, um ihn zu verfassen. Auch in München sammeln Rentner Pfandflaschen. Auch in München fragen sich Menschen, die sich von Behörden mit Formularanfragen gängeln lassen müssen, wo eigentlich das Sondervermögen geblieben ist. Auch in München können sich junge Partygänger nicht in jeder Straße sicher fühlen.
Aber das tut der Krause-Sause keinen Abbruch. Um mich herum sind nur noch Fanboys und Fangirls, die ihr neues Stadtoberhaupt einfach auf Instagram anschreiben (zugegeben: gut!). Wenn ich mahne, man möge doch erstmal abwarten, ob der neue OB das Antifa-Netzwerk (NIUS berichtete) auflöst, ob er dafür sorgt, dass ich weiterhin keine Haustür und kein Fahrrad abschließen muss, ob er sich mit Verboten zurückhält, dann gelte ich als Hater.
Für die Jungen, die Grünen, die Queeren ist Dominik Krause jetzt schon ein Held. Ein Held, der sich jetzt mit dem übergroßen Ministerpräsidenten über Themen wie die IAA fetzen kann. Die Wokies feiern, ich warte ab.
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Melanie Grün
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