Erdoğans Sohn besucht Wiener Ramadan-Veranstaltung: Hamas-Freund Bilal Erdoğan möchte Europas Jugend für den politischen Islam gewinnen
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Emanuela SutterAm südlichen Rand von Wien, mitten in einem etwas abgelegenen Industriegebiet, befindet sich die „Royal Eventhalle“. Laut Website kann man die Räumlichkeiten für Hochzeiten, Verlobungen, Hennaabende oder Beschneidungsfeiern mieten. Am Montagabend fand in der Eventlocation jedoch ein ganz anderes Fest statt: Mehrere hundert Wiener Türken beziehungsweise Österreicher mit türkischem Migrationshintergrund kamen zusammen, um Iftar, das muslimische Fastenbrechen im Fastenmonat Ramadan, zu begehen.
An runden Tischen mit Platz für jeweils bis zu sieben Personen wurden Feigen, Fladenbrot, Salat, Linsensuppe und Rindfleisch serviert; zum Abschluss gab es Baklava. Im Hintergrund spielte typisch orientalische Livemusik. Die meisten Männer sind etwas formeller angezogen und tragen schwarze Anzüge. Frauen sind etwas weniger vertreten als Männer. Manche tragen Hijab, wieder andere sind sehr westlich gekleidet – ohne Kopftuch und mit Hosen. Jüngere Menschen sind wenig vertreten. Der Großteil scheint älter als 40 zu sein.
Ehrengast: Necmeddin Bilal Erdoğan
Ein ganz normales abendliches Fastenbrechen? Nicht ganz. Denn die Veranstaltung ist politisch. Der Ehrengast des Iftars ist Necmeddin Bilal Erdoğan, der Sohn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Der 44-Jährige kam auf Einladung des Veranstalters, der sogenannten Union Internationaler Demokraten (UID). Die UID ist eine in ganz Europa agierende Vorfeldorganisation der türkischen konservativ-islamischen Regierungspartei AKP („Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“), die sich seit 2002 unter der Führung Erdoğans an der Macht hält. Der Hauptsitz der UID liegt in Köln. In Deutschland wird der Verein seit 2017 vom Verfassungsschutz beobachtet. Bevor der Erdoğan-Spross Halt in Österreich machte, besuchte er den deutschen Ableger.

Mit diesem Flyer lud die Union Internationaler Demokraten (UID) zum Fastenbrechen ein. Die Ankündigung, wie auch die gesamte Veranstaltung, war auf Türkisch.
In seiner Rede, die den Höhepunkt des politischen Teils des Abends darstellt, sparte der Erdoğan-Spross nicht mit Lob für seinen Vater. „Heute hat die Türkische Republik (…) auf der ganzen Welt, (…) in allen muslimischen Gemeinschaften und in allen Völkern, Position eingenommen. Wie ist das möglich geworden?“, fragt Bilal Erdoğan – und gibt selbst die Antwort: „Selbstverständlich durch den Herrn Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.“
Wichtig für Erdoğan-Junior: die Einheit unter den Diaspora-Türken
Ein weiterer wichtiger Punkt in seiner Ansprache: Bildung. Nachdem Bilal Erdoğan betont hatte, wie wichtig die Einheit unter den Türken sei, sprach er davon, dass man sich auf das Thema Bildung konzentrieren müsse.

Necmeddin Bilal Erdoğan lobte in seiner Rede die Politik seines Vaters und betonte die Wichtigkeit von Bildung für die türkische Jugend im Ausland.
Werbung für türkische, AKP-nahe Kinder- und Jugendvereine
NIUS sprach vor Ort mit einigen Besuchern aus der türkischen Wiener Community, die eher liberal eingestellt und Erdoğan-kritisch sind. Um ihre Identität zu schützen, werden ihre Namen in diesem Artikel nicht genannt. Sie erzählten, dass Bilal Erdoğan die Anwesenden in seiner auf Türkisch gehaltenen Rede ermutigte, ihre Kinder in Bildungsstätten türkischer NGOs zu geben. Dabei sei ein Name besonders häufig gefallen: eine türkische Stiftung namens „Maarif“, die international operiert. In einigen Ländern betreibt „Maarif“-Schulen. In Deutschland und Österreich bietet die Stiftung bisher lediglich außerschulische Bildungsprogramme an. In Wien-Ottakring etwa bietet die Stiftung Musikunterricht auf traditionell türkischen Instrumenten oder Nachhilfe an, wie auf ihrer Instagramseite zu sehen ist. Am Standort Köln ist das Angebot ähnlich. Hier wird auch eine „Erstinformation zu Rechten bei Diskriminierung im Schulalltag“ angeboten.
Es ginge um den „Kampf um die Jugend“
Weitere prominente Polit-Ehrengäste auf dem Iftar in Wien waren Zafer Sirakaya, der stellvertretende Vorsitzende der Regierungspartei AKP, und Kenan Aslan, der Präsident der UID. Auch Aslan sprach in seiner Rede über die Bedeutung der Bildung der Jugend. Es gehe darum, „das Volk von Âsım“ zu erziehen. „Diese Generation“ müsse „ihre Identität, ihre Geschichte und ihre Kultur kennenlernen“, so der UID-Präsident. Mit „Âsım“ ist vermutlich die gleichnamige literarische Figur des türkischen Dichters Mehmet Âkif Ersoy gemeint, der 1921 auch den Text der türkischen Nationalhymne verfasste. In seinem Werk „Asims Generation“ zeichnet der Schriftsteller das Idealbild einer starken, gebildeten und gläubigen Jugend.

Kenan Aslan, der Präsident der UID, während seiner Rede. Vor ihm sitzen der türkische Botschafter in Österreich, Gürsel Dönmez, der stellvertretende Vorsitzende der türkischen AKP, Zafer Sirakaya, und Necmeddin Bilal Erdoğan (v. l. n. r.).
Aber auch die Bedeutung der Familie stellte Aslan in seiner Rede in den Fokus und beklagte zugleich, wie schwer es in Europa geworden sei, diese zu schützen. Der „Kampf um die Jugend“, so der UID-Präsident, sei jedoch keiner, den man allein führen könne.
Who’s who der türkischen Szene in Wien
Bei dem politischen Fastenbrechen kam das Who’s who der türkischen Szene in Wien zusammen. Darunter etwa der türkische Botschafter Gürsel Dönmez, der türkischstämmige Unternehmer Mehmet Özay, der für die rechte FPÖ Wahlkampf bei der Wiener Bürgermeisterwahl 2025 machte, die SPÖ-Bezirksrätin Seyhan Cakmakci aus Wien-Simmering oder Feridun Sinirlioğlu, Generalsekretär der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).
Auch der kürzlich von der Stadt Wien ausgezeichnete Modedesigner Atil Kutoğlu war vor Ort und begrüßte die Prominenz aus der Türkei. Katharina Nehammer, die Frau des ehemaligen Bundeskanzlers Karl Nehammer (ÖVP), trug auf dem Wiener Philharmonikerball eine Robe des aus der Türkei stammenden Designers. Das Ehepaar ist mit Kutoğlu seit einigen Jahren befreundet.

Der türkischstämmige Designer Atil Kutoğlu posiert mit Katharina und Karl Nehammer auf einem Ball. Karl Nehammer (ÖVP) war österreichischer Bundeskanzler.
Warum kommt der Erdoğan-Spross zu einem Iftar nach Wien? Die liberal eingestellten, türkischstämmigen Wiener, mit denen NIUS sprach, vermuten, dass sein Vater Recep Tayyip Erdoğan ihn als seinen Nachfolger aufbaut und bereits Wahlkampf betreibt. Bilal Erdoğan bekleidet bisher kein politisches Amt, er ist lediglich Chef der AKP-nahen Ilim-Yayma-Bildungsstiftung (deutsch: „Stiftung zur Verbreitung von Wissenschaft“). Die Stiftung verteilt unter anderem Stipendien und betreibt Studentenheime.
2016 traf Bilal Erdoğan den damaligen Hamas-Führer
Bevor Bilal Erdoğan in den 1990er Jahren für sein Studium in die USA kam, besuchte er, wie schon sein Vater, eine Imam-Hatip-Schule, an der neben den üblichen Schulfächern auch Arabisch sowie Unterricht in Islam und Koran auf dem Lehrplan standen. 2014 versuchte die Islamische Föderation Wien, der österreichische Ableger der Milli-Görüş-Bewegung, eine solche Imam-Hatip-Schule auch in Wien zu gründen. Doch der Plan wurde öffentlich bekannt und die Gründung kam nicht zustande – wegen Protesten aus der Bevölkerung und der Politik.
Selbst mit der islamistisch-terroristischen Hamas scheint Erdoğan Junior keine Berührungsängste zu haben: 2016 traf er den damaligen Hamas-Führer Ismail Haniyya in dessen Büro in Doha, Katar. Bei einer pro-palästinensischen Demonstration in Istanbul warf er Israel vor, einen „Genozid“ an den Palästinensern im Gazastreifen zu verüben, wie der Deutschlandfunk berichtete. Nach seinen Worten habe am 7. Oktober 2023 „der israelische Nazismus“ eines der blutigsten Massaker der Geschichte gestartet. Muslimen in der Türkei dürfe dies nicht gleichgültig sein – Jerusalem sei ihre erste Gebetsrichtung, die Al-Aqsa-Moschee ihr heiliges Gotteshaus.
Kurzum: Das sehr professionell durchgeführte Fastenbrechen in der Wiener „Royal Eventhalle“ wurde für politische Botschaften und türkischen Wahlkampf missbraucht. Bilal Erdoğan nutzt den Ramadan, um die in Deutschland und Österreich lebenden Türken für die AKP, seinen Vater und sich selbst zu gewinnen. Die Reden des Erdoğan-Sohnes und des Präsidenten der UID, Kenan Aslan, zeigen: Mithilfe von AKP-nahen Vereinen, die sich einen modernen Anstrich geben, soll die türkische Jugend in der westlichen Diaspora im Sinne türkischen Nationalismus und Islamismus – also einer Vermischung von Glaube und Politik – geprägt werden.
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