„Der Özdemir kann scheinbar übers Wasser gehen“: Die BaWü-CDU steckt nach einem Pannen-Wahlkampf in tiefer Depression
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Ralf SchulerWie eng das Rennen ist, beweisen sie beim offiziellen Wahlkampf-Abschluss am Freitagabend in der Oberschwabenhalle von Ravensburg gleich zweimal.
Erst ruft CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann die rund 2000 Anhänger dazu auf, noch einmal mit mindestens drei Freunden, Bekannten und Verwandten darüber zu sprechen, dass diesmal die CDU jede Stimme brauche. Dann lacht der Saal wenig später, als CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel zur gleichen Aufforderung ansetzt. In der Parteispitze ahnen sie längst, dass dieses Rennen eng wird. Wenn es nicht schon verloren ist.
„Der Özdemir geht übers Wasser, und uns fällt alles auf die Füße, was wir machen“, sagt einer aus der Stuttgarter Spitzencrew zu NIUS. Die Resignation ist nicht zu überhören. Wenn man mental in diesem Stadium angekommen ist, hofft man nur noch auf Wunder. Der Rest ist Verzweiflung.
CDU-Spitzenkandidat liegt gleichauf bei 28 Prozent
Als einen Tag vorher, am Donnerstagabend um 21:59 Uhr, die Agenturmeldung vom ZDF-Politbarometer in Umlauf kommt, kennt das Wahlkampfteam von Manuel Hagel die Zahlen längst. Baden-Württembergs CDU-Landeschef und -Spitzenkandidat liegt in der Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen gleichauf bei 28 Prozent. Seit Oktober 2025 sind die Werte der Union im langjährigen Stammland von 34 Prozent um sechs Punkte abgesackt, die der Grünen um zehn Punkte gestiegen. Einen solchen Vorsprung zu vergeigen, das muss man erstmal hinkriegen!
Seit gut zwei Wochen herrscht nun in der Stuttgarter Parteispitze eine Stimmung zwischen Depression, Hilflosigkeit und Entsetzen. Intern werden Nachrichten verschickt, die panischen Hilferufen gleichen, und Hinweise auf den „unseriösen Wahlkampf“ des Grünen-Herausforderers Cem Özdemir. Der nennt seinen CDU-Kontrahenten konsequent den „Herausforderer“ und lässt es klingen, als kratze Hagel an einer Tür, die für ihn zu groß und schwer ist. Er blieb deutlich unter den Bekanntheitswerten Özdemirs und wurde auch mit gesteigerter Bekanntheit nicht beliebter.

Wahlplakat von Manuel Hagel in Karlsruhe
Ende 2025 sonnten sich Hagel und seine Leute noch in der Gewissheit, sozusagen im Schlafwagen an die Macht zu rollen. Man verschonte Özdemir mit allzu heftigen Attacken. Die Bürger hatten die Wahl, den Kampf wollte man anderen überlassen, um hernach eine generöse Regierungsbildung von oben herab mit der seit 2011 regierenden Öko-Partei hinzulegen. Die Vorzeichen haben sich geändert.
Hagel selbst gab die Marschroute aus, nur keine harten Konfrontationen. Er ließ vor dem CDU-Bundesparteitag einen Antrag der CDU-Mittelstandsvereinigung zur Aufweichung der Klimaziele bis zur Unkenntlichkeit entschärfen und setzte auf Rückenwind vom Bundesparteitag seiner Partei in Stuttgart, wo Parteichef Friedrich Merz gut zehn Minuten lang Applaus im Stehen erhielt. Auch der Auftritt von Hagel selbst wurde hinter den Kulissen von Generalsekretär Tobias Vogt per WhatsApp kräftig angepustet und nährte die Illusion, dass jubelnde Parteisoldaten irgendetwas mit dem Wahlausgang zu tun hätten. Anstatt sich als klare Alternative zu Özdemir und den Grünen zu profilieren, erschien Hagel vielen lediglich als eine bürgerliche Variante von Grün, lehnte die AfD-Forderung nach Wiedereinstieg in die Kernkraft vehement ab, obwohl das in der Union ebenfalls Konsens ist. Hagel war erst gegen Social-Media-Verbote für Kinder, dann plötzlich dafür, nachdem die Umfragen eine entsprechende Mehrheit erkennen ließen. Am Ende des Wahlkampfes musste auch dem Letzten klar sein, dass zwischen Grün-Schwarz und einem möglichen Schwarz-Grün nach der Wahl kein Unterschied bestehe. Warum also etwas verändern?
Völlig weltfremde Strategie des einstigen CDU-Hoffnungsträgers
Eine Szene aus den letzten Metern des Wahlkampfs steht symbolisch für das Kernproblem der völlig weltfremden Strategie des einstigen CDU-Hoffnungsträgers: Hagel absolvierte einen Termin in einer Schule und wurde von der Lehrerin aufgefordert, die Erderwärmung an einer Schautafel zu erklären. Mehr schlecht als recht, wie ein ertappter Schüler stolperte sich der Spitzenkandidat vor der Klasse durch seinen Auftritt, erzählte etwas von der Atmosphäre, dass die Sonne heißer werde und pampte schließlich auch noch die Lehrerin an, die sagen sollte, dass es so richtig sei.
Eine Szene, die deshalb bezeichnend ist, weil sie zeigt, dass weder die CDU noch der Spitzenkandidat auf die Idee kamen, sich gegen einen Termin zu verwahren, bei dem Hagel wie ein Grundschüler examiniert wird. Hagel selbst stellte weder die Aufgabe in Frage noch das Setting insgesamt. Die ganze Kampagne der CDU Baden-Württemberg steht für eine Union, die sich von links treiben lässt, die stromlinienförmig gefallen und die Wünsche des Publikums erfüllen will. Ein souveräner Kandidat hätte sich auf das Klima-Spielchen gar nicht erst eingelassen.

Stellt Manuel Hagel in den Schatten: der grüne Spitzenkandidat Cem Özdemir.
Ausstieg aus der CO2-Bepreisung? Nicht mit Hagel. Klare Ansage zum Streichen des Verbrenner-Verbots als Booster für die Automobil-Industrie? Kurioserweise wirkte der Grüne Özdemir selbst in diesem Punkt couragierter. Migrationspolitik? Özdemir punktete mit der Personalie des bei den Grünen verfemten Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer und sprach sich kernig für Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung aus. Klassischer Themen-Klau nach Merkel-Muster.
Hagel war mit dem Slogan „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft“ in den Wahlkampf gegangen und wollte Baden-Württemberg „wieder an die Spitze“ führen. Blickt man heute auf die Sprüche und Plakate zurück, dann bleibt die Kampagne insgesamt völlig blass, harm- und konturlos. In der BaWü-CDU machen viele auch die „Boy Group“, mit der sich Hagel im Wahlkampf umgeben hatte, für die Schmalspur-Kampagne verantwortlich. Kampferprobte Erfahrung von außen habe oft gefehlt, heißt es. Als wirklich authentischer Hoffnungsträger sei Hagel nie rübergekommen, sagen viele hinter vorgehaltener Hand, weil bis zur Schließung der Wahllokale Geschlossenheit und demonstrative Zuversicht oberste Parteisoldatenpflicht ist. Am Montag im Landesvorstand könnte es damit vorbei sein, hört man.
„Rehbraune Augen“ im Wahlkampf-Giftschrank
Als dann rund zwei Wochen vor der Wahl die Grünen auch noch ein acht Jahre altes Video von Hagel aus dem Wahlkampf-Giftschrank holten, in dem dieser von den „rehbraunen Augen“ einer 16-jährigen Schülerin schwärmte, traf das den soften, kantenlosen Hagel doppelt, weil er keine Statur, keine Persönlichkeit dagegensetzen konnte, die diesen Tiefschlag als Ausweis von Hilflosigkeit der Grünen hätte retournieren können.

Die Spitzenkandidaten der Baden-Württemberg-Wahl beim Triell: Cem Özdemir (Grüne), Manuel Hagel (CDU) und Markus Frohnmaier (AfD) (von links nach rechts).
Am Ende bemühten sich Hagel und seine Wahlkämpfer nur noch, Özdemir und die Grünen als unfair, bösartig und schlimm vorzuführen, weil sie auf einen wirklichen Wahlkampf, auf harte Bandagen und offensive Attacken überhaupt nicht eingestellt waren. Die CDU Baden-Württemberg ist hier repräsentativ für eine Union auf Bundesebene, deren Inhalte und Auftreten sich selbst und dem Selbstverständnis der eigenen Funktionäre genügen. Alte Schlachtrösser und Haudegen gibt es nicht mehr. So skrupellos und beinhart, wie Özdemir und die Grünen die alte Ländle-Union plattgemacht haben, wären zu Zeiten von Helmut Kohl, Günther Oettinger oder Roland Koch die Schwarzen unterwegs gewesen.
Wer zu vielen gefallen will, gefällt am Ende zu wenigen. Hagel hat mit seiner verzagten Kampagne die Auftaktwahl 2026 schon vor dem Ergebnis verloren. Selbst wenn er mit knappem Vorsprung als Sieger aus dem Kopf-an-Kopf-Rennen hervorgehen sollte, sind die Grünen jetzt so stark und selbstbewusst, dass sie auf Augenhöhe ins Kabinett einziehen und die weitere Politik bestimmen werden. Wie das geht, führt die Union auf Bundesebene täglich vor, wenn sie sich von einer mehr als zehn Punkte schwächeren SPD in Berlin durch die politische Manege ziehen lässt.
Für Kanzler Friedrich Merz und die Union insgesamt wäre eine knappe Niederlage in Baden-Württemberg aber auch als Ganzes ein heftiger Tiefschlag. Merz hatte noch zu Jahresbeginn darüber gesprochen, dass man zum Jahresende zwei weitere Ministerpräsidenten haben werde. Merz setzt von Anfang an auf eine neue Stimmung, die Wirtschaft und die Umfragen seiner Partei nach oben ziehen soll. Derzeit sieht es nicht danach aus, dass dieser Plan aufgeht.
Mehr NIUS: Die drei Gründe, warum plötzlich Gleichstand zwischen CDU und Grünen herrscht
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