Neuer Kampfbegriff verhöhnt arbeitende Bevölkerung: Der Teilzeit-Verstand der Lifestyle-CDU
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Jetzt also das: Der Wirtschaftsflügel der CDU entdeckt die „Lifestyle-Teilzeit“. Es mag noch so berechtigt sein, einen Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken und den Unternehmen im Markt wieder mehr unternehmerischen Gestaltungsspielraum zu geben – geschenkt. Aber der Kampfbegriff der Lifestyle-Teilzeit begründet nicht – er spaltet. Lernt da gerade jemand von der AfD?
Bereits beim ersten Hören, klingelt es uns in den Ohren. Der Spin ist heftig – wie auch klar: kein neutrales Wort, keine nüchterne Analyse – sondern ein Kampfbegriff. Einer, der sagt: Da draußen gibt es Menschen, die könnten mehr arbeiten, wollen aber nicht. Und das ist verdächtig. Fast schon unanständig. Sie entziehen uns in der Gesellschaft unseren Anspruch auf die andere Hälfte ihrer Arbeitsleistung? Vorsicht, Vorsicht vor solchen Gedanken.
Die CDU hat dem Beschluss nach all dem Medien-Getöse zwar nicht zugestimmt, aber ein Lerneffekt ist es nicht. Sie beruft sich nun darauf, dass man das unter dieser Überschrift („Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“) nicht könne. Nun weiß jeder Redaktionspraktikant, dass man die Überschrift erst zuletzt formuliert. Gewissermaßen als aufmerksamkeitsförderndes Fazit des geschriebenen Textes. Und wer den Text dann noch fein in den Farben Schwarz, Rot und Gold formatiert – den kann man nicht der Unachtsamkeit oder des Zufalls beschuldigen. Der Begriff ist in der Welt – und damit in der Spin-DNA der CDU.

Lifestyle-Teilzeit – mit diesem Begriff dürften die allermeisten Teilzeitkräfte in Deutschland nichts anfangen können.
Wie aus einem Stasi-Verhör der neuen Arbeitswelt
Lifestyle-Teilzeit klingt wie ein sozialistischer Kampfbegriff und ist doch genau das Gegenteil davon. Der Kampfbegriff und seine Begründung lesen sich wie ein Stasi-Verhör aus der schönen neuen Arbeitswelt: Warum arbeitest du nur 30 Stunden? Hast du wirklich einen Grund? Sei nicht faul. Denk an den Staat.
Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Natürlich sind die Universitäten voll von Sören-Hendriks, Merles und Tristans, die beim 10-Wochenstunden-Aushilfsjob im Büro bereits an Überlastung zusammenbrechen und ein echter Grund sind, schnell noch ein paar ETF-Sparpläne abzuschießen – denn von denen ist für unsere Rente nichts mehr zu erwarten. Die müssen wir aufgeben.
Die CDU hat inhaltlich einen echten Punkt – aber sie versemmelt es mal wieder, die Menschen hinter sich zu bringen. „Lifestyle-Teilzeit“ ist ein sprachlich brutaler Spin und politisch billig. Er wertet ehrliche Arbeit ab. Lifestyle klingt nach Hängematte, Fernreise, Achtsamkeits-App, Wokeness-Seminar und Diversity-Betriebsvereinbarung. Nach Leuten, die morgens überlegen, ob sie heute produktiv sind – oder lieber nicht. Die Botschaft ist klar: Wer nicht Vollzeit arbeitet, entzieht sich der Gemeinschaft. Wer Teilzeit arbeitet, lebt auf Kosten der anderen. Es klingt nach Maybe-Tagen („Vielleicht komme ich da nicht, weil sich heute Arbeit irgendwie nicht gut anfühlt“) und bedingungslosem Grundeinkommen.

Die CDU ist nicht sicher, ob die Deutschen wirklich hart genug arbeiten. Da geht doch sicher noch ein bisschen mehr, oder?
Eine Mutter in Teilzeit hat trotzdem einen Vollzeitjob
Nur dumm, dass die Realität diese Erzählung seit Jahren sabotiert. Denn die große Masse der Teilzeitbeschäftigten sitzt nicht auf bunten Sitz-Säcken im Co-Working-Space mit Hafermilch-Cappuccino, sondern an Supermarktkassen, in Pflegeheimen, Kitas, Arztpraxen und Callcentern mit Zeit- und Umsatzvorgaben. Teilzeit ist überwiegend keine Lifestyle-Entscheidung, sondern oft die einzige Möglichkeit, Arbeit und Leben irgendwie zusammenzuhalten. Dort, wo Vollzeit schlicht nicht angeboten wird – oder nur zu Bedingungen, die man mit Familie, Gesundheit oder schlicht gesundem Menschenverstand nicht vereinbaren kann.
Wenn eine Mutter Teilzeit arbeitet, dann hat sie dennoch einen Vollzeitjob. Fragen wir doch Frauenversteher Söder mit seiner Mütterrente. Kein Wunder, dass Söder vom Begriff der „Lifestyle-Teilzeit“ nichts hält.
Aber genau diese Menschen, die sich nicht nach Work-Life-Balance sehnen, sondern mit einer Work-Work-Balance schon zufrieden wären, damit sie aus prekären Lebensmodellen herauskommen, verschwinden im CDU-Narrativ. Sie stören. Sie passen nicht ins sozialistische Bild vom bequemen Teilzeit-Bürger, der dem Standort Deutschland faul auf der Tasche liegt.

Kind betreuen und parallel arbeiten – Realität für viele Mütter. Lifestyle-Teilzeit klingt auch für sie wie der blanke Hohn.
Erst mal bessere Bedingungen schaffen
Besonders pikant: Dieselbe Politik, die jetzt mehr Arbeit fordert, hat jahrzehntelang einen Arbeitsmarkt mitgebaut, der Flexibilität predigt und Unsicherheit liefert. Befristungen. Minijobs. Teilzeitstellen mit Vollzeit-Erwartung. Arbeitgeber, die unbezahlte Überstunden lieben, aber unbefristete Vollzeitstellen hassen. Und nun plötzlich die große Empörung: Die Leute arbeiten zu wenig.
Das ist ungefähr so, als würde man ein Haus ohne Dach bauen und sich dann über Taubenscheiße auf den Möbeln beschweren. Wer ernsthaft will, dass Menschen mehr arbeiten, müsste zuerst die Bedingungen ändern. Verlässliche Kinderbetreuung. Pflege, die nicht auf Selbstausbeutung basiert. Arbeitszeiten, die planbar sind. Und Löhne, bei denen sich Mehrarbeit überhaupt lohnt. All das kostet Geld, Mühe und politischen Mut. Und vor allem muss die CDU von ihrem 1960er-Jahre-Weltbild weg, das vor allem Frauen die Care-Tätigkeiten in der Familie aufdrückt. Wer pflegt denn nicht nur die eigenen Eltern, sondern die vom Hauptverdiener des Haushalts gleich mit? Eben. Mit Vollzeitjob für Frauen nicht zu stemmen.
Moralische Belehrung von oben
Lifestyle-Teilzeit. Ein Wort wie ein Schlagstock im Gesicht all derer, die sich nur mit Teilzeit über Wasser halten können. Sie müssen sich jetzt gegen ihre Abwertung rechtfertigen, weil eine Handvoll gelangweilter Zahnarzt-Gattinnen mittwochs und freitags – aber nur vormittags in den geraden Kalenderwochen in ungeraden Monaten – in einer Innenstadt-Boutique im Verkauf jobbt?
Besonders absurd wird es, wenn man bedenkt, wen diese Debatte tatsächlich trifft. Es sind vor allem Frauen, die kaum eine andere Wahl haben. Es sind Alleinerziehende. Es sind Menschen in Berufen, die ohnehin schlecht bezahlt und chronisch überlastet sind. Ihnen jetzt zu erklären, sie müssten sich mehr anstrengen, ist keine Wirtschaftspolitik. Das ist moralische Belehrung von oben, wo man von den Erträgen der eigenen BlackRock-Fonds leben könnte.
Mit Lifestyle-Teilzeit wird es nicht getan sein, denn darin schwingt eine unausgesprochene Drohung mit: Heute nennen wir es Lifestyle. Morgen ist es ein Pranger. Wer nicht genug arbeitet, hat sich zu rechtfertigen. Vor dem Staat. Vor der Gesellschaft. Vor einer Politik, die Leistung predigt, aber Lebensrealität ignoriert.

Bundeskanzler Friedrich Merz äußerte kürzlich wieder, die Deutschen würden nicht genug arbeiten. Die Frage ist: Arbeitet er überhaupt Vollzeit?
Arbeitet Merz überhaupt Vollzeit?
Die CDU will Leistung? Gut. Dann sollte sie aufhören, Teilzeit zu diffamieren, und anfangen, Arbeit wieder attraktiv zu machen. Alles andere ist Symbolpolitik mit Schuldzuweisung. Laut, bequem – und erstaunlich arbeitsarm gedacht. Gewissermaßen Denken in Teilzeit.
Und schauen wir doch mal, ob der Kanzler überhaupt Vollzeit in und für Deutschland arbeitet. Ziehen wir ihm die Zeit, wo er in Indien Drachen steigen lässt, doch mal vom Arbeitskonto ab. Kommen wir noch auf einen Vollzeit-Kanzler? Oder haben wir bereits längt den Lifestyle-Kanzler?
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