Kai Wegners Blackout
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Es gibt viele originelle Wege, sein Leben zu ruinieren. Da gab es mal einen Maler, der sich ein Ohr abgeschnitten hat, es gibt Menschen, die kleben sich auf der Fahrbahn fest oder stören den Flugverkehr in Deutschland, und gelegentlich überschütten sich tibetanische Mönche mit Benzin und zünden sich an. Kai Wegner geht Tennis spielen.
Selten hat sich jemand so ernsthaft, konsequent und willensstark um den ersten Platz im politischen Darwin-Award beworben wie Berlins Noch-Regierender Bürgermeister Kai Wegner. Er schafft es sogar, Kulturkungel-Staatsminister Wolfram Weimer weit hinter sich zu lassen. Berlin war in Sachen Fremdscham immer ein verlässlicher Nährboden. Kai Wegner macht es zum Zentrum der Fremdscham in Deutschland. Deshalb darf es uns nicht wundern, dass es keinen gemeinsamen Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz und Wegner gibt. Wegner ist politisch höchst toxisch geworden. Ein Kanzler-Selfie mit Wegner? Besser nicht. Der Kanzler macht alleine ja schon keine gute oder stabile Figur. „Aber wir schreiben uns“, betont Wegner vor Journalisten.
Politik besteht im Wesentlichen aus drei Faktoren: emotionalem Instinkt, Entscheidungsfreude sowie Kommunikation. Wegner kann nichts davon. Zunächst erzählt er der Presse, dass er sich zu Hause im Büro eingeschlossen habe, um alles zu koordinieren. In Dunkelkalt-Berlin hätte er nicht telefonieren können. Damit sei den Menschen nicht geholfen gewesen, wiederholt er immer und immer wieder in seinen Interviews. Natürlich wäre das Licht nicht wie von Zauberhand durch das Erscheinen des Irrlichtes Kai Wegner wieder angesprungen. Aber die Menschen erwarten von ihren Volksvertretern, dass sie dem Volk in der Not auch persönlich zur Verfügung stehen. Das weiß man in Deutschland spätestens seit 1962 und Helmut Schmidts Auftritten in der Hamburger Sturmflut. Oderhochwasser? Schröder und Platzek mit Gummistiefeln bei den Sandsack-Freiwilligen. Alle drei SPD. Und die CDU? Die hatte Armin Laschet im Ahrtal.
Zurück nach Berlin.

Bundeskanzler, Friedrich Merz (CDU) und Berlins Bürgermeister, Kai Wegner (CDU)
Krise ist Wahlkampf
Genüsslich hatte Franziska Giffey, Energiesenatorin der Stadt, gegenüber der Presse betont, dass man sie um 6 Uhr nicht aus dem Bett holen musste. Zu der Zeit habe sie bereits erste Termine wahrgenommen. Und der Noch-Regierende? Der lag noch schlafend im Bett oder tat andere Dinge, die man im Bett macht und bei denen man nicht so gerne gestört werden möchte.
Werfen wir einen Blick auf die Parteibücher: Energiesenatorin Giffey: SPD. Innensenatorin Spranger: SPD. Ein Schelm, wer hier nicht 1 und 1 zusammenzählt: Durch die Abwesenheit von CDU-Wegner erhält SPD-Giffey wichtigen Vorsprung im Krisenmanagement und kann sich positionieren. Hatte SPD-Spranger wirklich alles versucht, um den CDU-Wegner aus dem Bett zu bekommen? Es ist absolut üblich, in solchen Fällen eine Polizeistreife zum Haus eines Politikers zu schicken. Wir können davon ausgehen, dass „Hausbesuch-Service 110“ schon seinen Job gemacht hätte. Die Berliner Polizei ist auch sonst nicht so zimperlich.
Oder war SPD-Innensenatorin Iris Spranger ganz froh, dass CDU-Wegner hier ins Hintertreffen geriet? Krise ist Wahlkampf-Auftakt. Wollte sie Wegner ans Messer liefern?
Das braucht niemand zu tun. Wegner hält zielsicher nach jedem Dolch in seiner Umgebung Ausschau und stürzt sich mit Wonne rein. Selbst bei dem zurzeit noch ungeklärten Todesfall einer Seniorin, sagt Wegner allen Ernstes: „Wir werden die Dame obduzieren und dann werden wir schauen.“ Niemand auf der Welt – außer Kai Wegner – kommt auf die Idee, in einer solchen Situation als Politiker zu sagen: „Wir“. Eine Seniorin, gestorben – vielleicht an der Kälte, vielleicht auch nicht – „lassen wir unverzüglich obduzieren“ oder: „Die Behörden haben eine Obduktion angeordnet“. Niemand mit politischem Feingefühl bringt sich mit einem „Wir“ sprachlich an den Obduktionstisch.
Wegner ließ sich Samstag im Homeoffice informieren und blieb den Krisenstäben bis Sonntag erst einmal fern. Selbst die Mitglieder des Remo-Clans haben mit dem Versuch, während des Stromausfalls einen Geldautomaten aufzubrechen, mehr Aktivität in der Krise entfaltet als Kai Wegner.

Franziska Giffey, Kai Wegner und Iris Spranger beim Pressebriefing zum Anschlag auf das Berliner Stromnetz
Muße muss sein
Während Zehntausenden Berlinern zu Hause die Zehen steif werden, spielte der Noch-Regierende in aller Ruhe erst einmal eine Stunde Tennis mit seiner Lebensgefährtin, Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch.
Unterstehen der Bildungssenatorin nicht auch die Schulen in den betroffenen Gebieten? Gab es nichts zu tun, weil samstags keine Schule ist?
Wieso haben zwei Regierungsmitglieder nach einem linksextremistischen Terroranschlag die Muße, sich gegenseitig gelbe Filzbällchen über ein Netz zu schlagen, während die Einsatzkräfte ihre Kräfte im Einsatz einsetzen?
Wegners Aussage, er habe das Handy aber auf laut gelassen und sei jederzeit erreichbar gewesen, ist ein Doppelfehler: Er bestätigt, dass er es bisher leise hatte – und jemand von seinem Stab war ca. 7 Stunden nach der Erstinformation von Giffey nicht in der Nähe, der das Diensthandy Wegners hätte temporär übernehmen können? Wie isoliert muss er gewesen sein? Nicht einmal den einfachsten Spin bekommt er hin.
„Ich habe mich weder gelangweilt noch die Füße hochgelegt, sondern ich war den ganzen Tag am Telefon und habe versucht, zu koordinieren und mich bestmöglich zu informieren.“ So Wegner. Dass er sich beim Tennis mit seiner Lebensgefährtin nicht langweilt – davon ist auszugehen. Zumindest hier hat Kai-Pinoccio-Münchhausen-Wegner mal die Wahrheit gesagt. Und die betroffenen Berliner? Die haben sich auch nicht gelangweilt, waren, so lange es ging, den ganzen Tag am Telefon und haben versucht, sich zu koordinieren und sich bestmöglich zu informieren. Das macht Wegner jedoch nicht zu einem von ihnen.

Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch und Bürgermeister Wegner
Abstand vom Anstand
Selten hat ein Politiker den Abstand zwischen politischer Kaste und Volk so schnell vergrößert. Er habe beim Tennis mal „den Kopf freibekommen müssen.“ Da frage ich mich: Wovon? Was war denn da drin im Kopf von Kai Wegner zu dieser Zeit? War überhaupt etwas drin?
Wenn Wegner sagt, er habe von 13 bis 14 Uhr Tennis gespielt, dann können wir hier von einer Netto-Spielzeit ausgehen. Plus An- und Abfahrt, umziehen, duschen (dort war es ja warm) – 60 Minuten dürften dafür nicht ausgereicht haben.
In der Stromversorgung gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied zwischen einem Blackout und einem Lastabwurf. Für Stromkunden läuft es aufs Selbe hinaus: Es ist kalt und dunkel zu Hause. Konkret: Ein Blackout ist ein unvorhergesehener, unkontrollierter Netz-Zusammenbruch. Ein Lastabwurf ist die kontrollierte Abschaltung in bestimmten Bereichen, um einen Blackout zu verhindern.
Demnach stünde nach dem Blackout Wegners der CDU in Berlin ein Lastabwurf Wegners gut zu Gesicht. Den Berlinern dürfte es zumindest das Herz wärmen.
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