Sturmhöhe Weimer: Er will doch nur mit den Linken gegen die „rechten Brüder“ kämpfen, aber nun canceln sie ihn
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Wolfram Weimer versuchte stets, den Linken zu gefallen. Immer beteuerte er, er führe gar keinen Kulturkampf gegen sie. Die Linken glaubten ihm nie, finden ihn erst schrecklich, dann streckenweise ganz okay. Nun wollen sie ihn gänzlich verstoßen und ziehen ihr schärfstes Schwert. Von einer Liebe, die nie sein sollte.
Schon bei der Leipziger Buchmesse buhten die Linken Kulturstaatsminister Weimer aus, der viele der dort ausstellenden Verlage eigentlich finanziert und fördert. Seinen Rundgang sagte Weimer aus Angst vor ihnen ab. Nun fordern zwei antifaschistische Lagerverbände, dass er wegen des Ausschlusses von Linksextremisten beim Buchhandlungspreis auch nicht beim Buchenwald-Gedenken teilnehmen soll. Und vergleichen ihn mit der Gestapo.
Es ist die vorzeitige Eskalation einer Beziehung, die nie einfach war. Im Grunde wollte sie die eine Seite nie, das Geld des Anderen fanden sie aber immer schon ganz okay. Der Staatsminister wiederum suchte stets die Nähe zu den Künstlern und wollte nur ihr Bestes. Die wiederum verstanden das nie.
Die Geschichte einer unmöglichen Liebe
Das Verhältnis zwischen Weimer und den Linken ist geprägt von Unverständnis. Als Friedrich Merz den Ex-Welt-Chefredakteur im Mai 2025 zum Kulturstaatsminister ernannte, explodierten die linken Feuilletonisten direkt vor Zorn. „Und das soll bürgerlich sein?“, fragte man in der taz. Es ging sofort um – Zivilisation ja oder nein?
Einzelne, eigentlich deskriptive Passagen seines im Grunde antinationlistischen und opportunistischen „Konservativen Manifests“ legte die Faz ihm als „Sorge um die Fortdauer des eigenen Bluts“ aus. Er hatte früher eben etwas locker formuliert. Es folgte die erste Petition gegen ihn. Als er linke Sprachregelungen in seiner Behörde verbietet, kommt die zweite. Schon damals sprach man von „Kulturkampf“.
Es blätschert eine Weile vor sich hin. Weimer kündigt Ende Juli an, die Filmförderung zu verdoppeln. Von 125 auf 250 Millionen jährlich. „Diese Reform ist der Soundtrack zum Aufbruch“, so Weimer. Man hatte seinen Kumpel Merz im Ohr, der vor der Wahl über die Roten sagte: „Und was meinen Sie, wie flexibel und freundlich die werden, wenn wir denen die Schlüssel vorhalten für ihre Autos?“ Wollte auch Weimer die Liebe der Linken kaufen?

„Diese Reform ist der Soundtrack zum Aufbruch“, erklärte Weimer über die Erhöhung der Filmförderung.
Eine erste Krise
Ende September 2025 folgt die erste richtig große Krise. Weimer spricht sich dagegen aus, dass am Jahrestag des Massakers der Hamas ein Künstler im von ihm finanzierten „Haus der Kulturen der Welt“ auftritt, der mit Landkarten ohne Israel posiert. Sein Vorstoß erfolgte augerechnet auf Berichterstattung von NIUS. Veranstalter des Ganzen: der linke Komiker Jan Böhmermann.
Böhmermann sagt erst noch, es gelte, „die Korridore des Sagbaren, Erkundbaren und Darstellbaren zu weiten, anstatt sie zu verengen.“ Kurz darauf „knickt er ein“ (Zeit). Die postkoloniale Linke tobt gegen Böhmi. Die schwarze Rapperin Nuru fragt, gerichtet an ihn: „Warum kommt ihr nicht auf mich zu und sagt mir das ins Gesicht?“. Der Ex-Journalist Malcolm Ohanwe erklärt: „I stand ten toes with my Sister Nura“. Weimer hatte ins postkoloniale, vermeintlich antirassistische Wespennest gestochen. Die taz erklärt, das wäre „provinziell“.
Weimer fühlte sich missverstanden. Als Kampfansage an die linksradikale Kulturszene war seine Kritik nämlich gar nicht gemeint. Er fasst den Plan, sich mit Böhmermann auf offener Bühne auszusprechen. Und versichert ihm dort im linken Museum, das schon mal Weiße wegen ihrer Hautfarbe bei Preisen nicht bedenkt: „Ich will ja eigentlich mit Ihnen gegen die rechten Brüder kämpfen.“ Böhmermann: „Ich habe das Gefühl, dass es Ihnen nicht primär darum geht, zusammenzuleben oder Gemeinsamkeiten zu finden.“

Weimer bot Böhmermann den „gemeinsamen Kampf gegen die rechten Brüder“ an.
Er hatte es doch gar nicht so gemeint
Wie konnten ihm die Linken nicht glauben? In der Zeit verneint er im November die Frage, ob er ein „Kulturkämpfer“ sei. „Ja, ich bin ein Kämpfer“, so Weimer, „für die Kultur, für deren Stärkung, für die Freiheit der Künste, auch für das Geld.“ Und fügt hinzu: „Ich habe für die Kultur so viel Geld im Bundeshaushalt herausgekämpft wie noch nie, neben Verteidigung der größte Zuwachs aller Etats, ziemlich bemerkenswert.“
Zumindest für Weimer endete die Treue nicht beim Geld. Im Gespräch mit ntv erklärt er im September im Hinblick auf die AfD, „dass wir schon auch diese Kulturkämpfe führen müssen“. Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober verrät er: „Ich führe gerade einen kleinen Kulturkampf gegen rechts.“ Über Thomas Mann sagt er: „Ab 1922 hat er die Brandmauer der Weimarer Republik definiert und auch deswegen ist er für uns eine gute Figur.“

„Thomas Mann hat ab 1922 die Brandmauer der Weimarer Republik definiert.“
Was sollte er noch tun, dass sie ihm glaubten? Der Verlagspreis auf der Frankfurter Buchmesse am 15. Oktober 2025 gab Anlass zur Versöhnung. Schon wieder berichtete NIUS über die Vorgänge. Weimer hatte vor, im Rahmen des Preises zahlreiche linksradikale und sogar linksextreme Verlage mit hundertausenden Euro Steuergeldern zu fördern. Ein Antifa-Verlag, der Schülern „Tipps“ für den Häuser- und Straßenkampf und zum Verfassen von Bekennerschreiben gibt, andere Szeneverlage und solche, die Bücher von anonymen Beobachtungsobjekten des Verfassungsschutzes verlegen, standen auf seiner Liste.
Diesmal wusste Weimer, was er zu tun hatte. Er wollte sich nicht schon wieder anhören müssen, „dass NIUS, dieses rechte Hetzportal“, ihm „die Feder geführt hat“. Weimer zog durch. Trotz einer Förderung allein der Münsteraner Antifa in Höhe von 68.000 Euro blieb er standhaft.
Der Tagesspiegel freute sich: Trotz einer „Kampagne“ des „rechten Portals NIUS“, das „den Deutschen Verlagspreis und vermeintlich ‚radikal linke Buchlage‘ im Visier hat“, sieht Kulturstaatsminister Weimer „zum Glück keinen Handlungsbedarf“. Aber nicht nur ließ Weimer die Preisträger unangetastet. Er ließ auch zu, dass die Jury den Verlag, der die Antifa-Terroranleitungen herausgibt, mit dem Hauptpreis in Höhe von 50.000 Euro bedachte. Als das ein NIUS-Reporter kurz vor Verkündung des Hauptgewinners in Frankfurt nicht glauben kann und Weimer fragt, ob er sich doch noch eines Besseren besann und den Verlag kurzerhand womöglich ganz ausgeschlossen habe, flüstert sein Pressesprecher Hero Warrings ihm ins Ohr: „Warten Sie doch mal ab, was noch geschieht.“

Weimer prämiert den „Unrast Verlag“ mit dem Hauptpreis des Deutschen Verlagspreises.
War er zu weit gegangen? Oder fremdgegangen?
Danach wirft Weimer Tech-Konzernen wegen des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz „geistigen Vampirismus“ und „digitalen Kolonialismus“ vor, und NIUS berichtet. Danach wird bekannt, dass Weimer mit seinem Medienunternehmen The European jahrelang Texte von Autoren wie von Alice Weidel oder Alexander Dobrindt ohne deren Einwilligung veröffentlicht hatte. NIUS berichtet. Die taz fragt: „Warum“ berichtet NIUS „gerade jetzt?“
Man stellt fest: „Rechte Kräfte bekamen von Weimer eigentlich alles, was sie sich von einem Kulturstaatsminister und einer Regierung ohne AfD-Beteiligung erhoffen konnten.“ Man zählt „Genderverbote“, das „öffentliche Sinnieren über die Hufeisentheorie“, „die Bezeichnung der GEZ-Gebühren als Zwangsabgabe“ und die „Absage eines Konzerts des Rappers Chefket aufgrund eines konstruierten Antisemitismusvorwurfs“ auf, „den das Medienportal NIUS erhob“.
Und erklärt dann: ausgerechnet beim Verlagspreis habe Weimer den Rechten nicht nachgegeben. „Wie konnte das sein? Wunderlampe Weimer verwehrte doch sonst keinen Wunsch. Gut möglich, dass er also in diesem Moment beim sogenannten rechten Vorfeld in Ungnade gefallen ist.“ War Weimer zu weit gegangen? Oder bloß fremdgegangen?
Weimer hatte damals wohl nicht so viel Zeit, sich hierüber Gedanken zu machen. Auf seine Affäre um die unerlaubte Aneignung geistigen Eigentums – ausgerechnet kurz, nachdem er Selbiges den Tech-Konzernen vorgehalten hatte – folgten Unterlassungserklärungen, wie gegen Weidel. Aber auch die Korruptionsaffäre um sein Unternehmen „Weimer Media Group“ hielt ihn beschäftigt.
Wolfram Weimer sieht Drohnen bei ttt
Die Linken hatten bei all diesen Geschichten ein Problem: Rechte Medien, wie Alexander Wallasch, Apollo News und NIUS, hatten sie aufgedeckt, oder hierzu berichtet. Man wollte nicht so richtig, aber musste irgendwie schon darüber berichten. Zumal das Angebot von Weimers Unternehmen, „Einfluss auf politische Entscheidungsträger“ und seine eigenen Kabinettskollegen zu kaufen, etwas zu groß war, um es zu ignorieren.
Wolfram Weimer musste sich bei Titel Thesen Temperamente stellen. Es dürfte eine Einladung ganz nach seinem Geschmack gewesen sein. ttt startete so etwas wie eine Talk-Reihe, dazu gleich mit ihm als Gast, und dann solche brisanten Vorwürfe. Er fühlte sich ja ohnehin sicher und hatte nichts falsch gemacht.
Die deutsch-marrokanische Moderatorin Siham el-Maimouni aber war alles andere als sanft mit ihm. Ob er keine Aufarbeitung der Korruptions-Affäre wünsche? „Nein.“ Ob er nicht denke, dass er Fehler gemacht habe? „Nein“. Ob er bestätigen könne, dass sein Unternehmen Weimer Media Group, an dem er über eine Treuhand fünfzig Prozent der Anteile hält, in seinen Verkaufsunterlagen „schwarz auf weiß“ anbiete, „Zugang zu politischen Entscheidungsträgern“ zu verkaufen? „Ich weiß nicht, worauf Sie sich beziehen.“
Es sind Szenen eines Verhörs. „Sie sind streng“, sagt Weimer irgendwann. Und lässt sich trotzdem quälen. Immerhin ist er im Bauhaus Museum in Dessau mit der schönen el-Maimouni, und Weimer „liebt das Bauhaus“. Und ein bisschen konnte er ja ohnehin nicht glauben, dass die linke ARD-Moderatorin nun wirklich so richtig richtig „streng“ mit ihm war. Es muss in Anbetracht der Faktenlage so etwas wie ein Spiel gewesen sein. Wollte man ihn bloß necken?
Wieder einmal erzählt er seine Geschichte, die er seit Wochen erzählte, nämlich dass er Opfer einer „Kampagne aus dem Umfeld der AfD“ sei. El-Maimouni antwortet, dass auch die FAZ, taz, Süddeutsche Zeitung oder ZEIT Online über die Affäre berichten würden. Weimer aber lässt sich nicht für blöld verkaufen. Es ginge der AfD „um den Kulturbegriff“, so der Kulturminister, „sie wollen die Deutungshoheit über die Kultur.“ Außerdem sei er ein „Quereinsteiger“. Das alles wäre eine klassische „Quereinsteiger-Thematik“.
Es lief gut, die Witze purzelten vor der strengen el-Maimouni nur so aus ihm heraus. Er erzählte, dass „AfD-Kreise“ Drohnen „über seinem Haus“ fliegen lassen würden. Nun konnte er es ja sagen. Hiernach hätten sie „Video-Schnipsel“ an seine Familie und ehemalige Mitarbeiter gesendet. NIUS fragte beim Staatsminister, LKA und bei der Polizei nach Beweisen. Niemand konnte etwas berichten. Aber darum ging es wohl ohnehin nicht.

Weimer sitzt bei ttt auf stromlinienförmigen Konferenzstühlen aus Chrom und Leder – er liebt Bauhaus.
Schon wieder eine Affäre
Der Kalender wechselte das Jahresblatt. Und mit der Berlinale stand das nächste Drama vor der Tür. Wieder einmal betrieben die Gäste des von Weimer mit über zwölf Millionen Euro Steuergeldern geförderten Festivals antiisraelische Propaganda. Ein syrischer Flüchtling, den Deutschland aufnahm und den das Festival für sein Spielfilmdebüt mit 50.000 Euro auszeichnete, spricht auf der Bühne Drohungen gegenüber Deutschen aus. Die Chefin der Berlinale, Tricia Tuttle, posiert mit dem Künstler und Palästina-Fahne auf dem roten Teppich.
Umweltminister Carsten Schneider (SPD) – ein Kabinettskollege Weimers – verlässt während der Rede aus Protest den Saal. Weimer selbst wird sagen: „Die Pali-Aktivistenszene hat auf der Berlinale mit Israel-Hass, Aggressivität und Bekenntnisnötigungen ihre hässliche Fratze gezeigt.“ Das ist bemerkenswert, weil es eine „Fratze“ ist, die er selbst ermöglicht hatte. Und Weimer gegenüber Böhmermann erklärte, dass ihn das Thema Antisemitismus „bedrückt“.
Weimer handelt. Oder es scheint so. Die Bild-Zeitung berichtet, er lasse „die US-Amerikanerin Tuttle ablösen“. Und schon wieder sind alle am Toben. Die SPD erklärt: „Solidarität mit Tricia Tuttle“. Knapp 700 Filmschaffende erklären, sie verfolgen „die diskutierte Abberufung mit großer Sorge“. Die Berlinale wäre „immer politisch“ gewesen, „nicht parteipolitisch, sondern gesellschaftspolitisch.“

Berlinale-Chefin Tricia Tuttle posiert auf ihrem Festival mit Linksradikalen.
Hatte sich Weimer – wieder einmal – verpokert? War er wieder einmal zu weit gegangen? Ausgerechnet sein Freund Merz, der Bundeskanzler, lässt von China aus ausrichten, dass er „von den Parteien [Weimer und Tuttle, Anm. d. R.] einen respektvollen Umgang miteinander und eine schnelle Klärung der Sachverhalte“ erwarte. Es ist eine ungewöhnliche Einmischung.
Weimer dementierte die Bild-Meldung: „Nicht alles, was aktuell zu lesen ist, entspricht der Wahrheit.“ Aber woher hatte die Zeitung die Nachricht, wenn nicht von ihm? Schließlich zieht Weimer ganz zurück. Der Spiegel kommentiert: Der Kulturstaatsminister „scheiterte wohl kläglich“.
Selbst in der Union soll Weimers Hin- und Her diesmal für Unmut sorgen. Erst hätte er Abgeordnete aufgefordert, die Entlassung von Tuttle „medial zu begleiten“, berichtet die Faz. Dann hätten die entsprechenden Personen aus der Bild erfahren, dass Weimer an ihr festhalte. Hatte ihm sein Freund Merz, der von Kultur noch weniger Ahnung zu haben scheint als von Politik, hängen lassen?
Eskalation beim Buch
Mitten ins Tuttle-Chaos dann der nächste Skandal. Weimer hatte drei linksextreme Geschäfte von der Jury-Liste des Buchhandlungspreises gestrichen. Auch hier prämiert er weitaus mehr linksradikale Institutionen, über zehn von etwa 100 Preisträgern. Zumindest bei dreien ziert er sich diesmal. Es ist der Start für die vorerst größte Eskalation im Drama um den Staatsminister.
Auch hier agiert Weimer wieder halbherzig. Nicht nur prämiert er noch immer über zehn linksradikale Läden mit Hundertausend Euro Steuergeldern. Auch bei den Vorwürfen selbst traut er sich nicht, sich zu bekennen. Konkrete Gründe für den Ausschluss will er in Rückgriff auf das Haber-Verfahren und „Erkenntnisse“ des Verfassungsschutzes nicht nennen. Das hat wohl seinerseits Gründe: Würde er die Ursachen nennen, müsste er konsequenterweise auch weitere Geschäfte ausschließen.
Also doch wieder eine versteckte Liebeserklärung an die Linken? Die zumindest liefern nun eine nie gesehene Breitseite. Die Grünen ziehen die Eignung für sein Amt in Zweifel. Sie werfen ihm, „Autoritarismus“ und „Zensur“ vor. Von Faz, Süddeutsche bis Junge Welt, aber auch ARD und ZDF kommentieren und berichten alle täglich oder senden zu bester Sendezeit. Etwas lustig: die Grünen erklären das von Weimer angewandte Haber-Verfahren und seine Zuhilfenahme des Verfassungsschutzes für „absolut willkürlich, intransparent und unfair“. Schließlich kommt heraus: Weimers grüne Vorgängerin hatte es selbst genutzt.

Die von Weimer ausgeschlossene Buchhandlung „Schwankende Weltkugel“ versteckt ihren Linksradikalismus nicht.
Weimer scheint sich wieder mal zu schämen. Wieder einmal tut er in der Zeit Buße. Wieder einmal erklärt er, der Ausschluss wäre „überhaupt nicht als Kulturkampf gedacht“ gewesen. Gerade den Erfolg der Grünen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg erklärt er als ein Zeichen dafür, dass „die Mitte zusehends die Diskurshoheit zurückgewinnt“. Dabei waren es die Grünen, die ihm „Autoritarismus“ und „Zensur“ vorhielten und die von ihm ausgeschlossenen Linksextremisten zuvor wiederholt gefördert hatten.
Der linksradikale Kulturbetrieb läuft nun so sehr Sturm und macht Weimer so sehr Angst, dass er die für die Leipziger Buchmesse angesetzte Preisverleihung kurzerhand absagt. Auch seinen geplanten Rundgang lässt er platzen. Während seiner Rede beim Festakt buhen die Gäste der Messe ihn aus und halten ihm „Rote Karte für Gesinnungsschnüffelei“-Karten entgegen. Die hatte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels angefertigt – mit der Frankfurter Messe der Organisator der größten deutschen Büchermesse.
Der finale Schlag
Bei den Linken holt Weimer mit seiner Vorsicht schon wieder keine Punkte. Stattdessen fahren sie nun eines ihrer größten Geschütze gegen ihn auf. Gegen den, der das alles eigentlich „überhaupt nicht als Kulturkampf gedacht“ hatte. Ausgerechnet zwei antifaschistische Lagerverbände aus dem Konzentrationslager Buchenwald-Dora melden sich nun zu Wort.
Die „Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora“ erklärt: „Unsere Angehörigen hätten auch zum Kundenkreis der drei Buchläden gehören können. Bei Verhaftungen durch die Gestapo wurde bei ihnen nachweislich linke Literatur beschlagnahmt.“ Und stellen Weimer wegen seiner Streichung von Steuermitteln für Linksextremisten in eine Tradition mit einer Geheimpolizei.
Das „Internationale Komitee Buchenwald Dora“ erklärt, die ausbleibende Förderung „erinnert an Traditionen von Ausgrenzung und kultureller Kontrolle, deren Folgen verheerend waren und nie vergessen werden dürfen“. Auch dieser rote Verband zieht den NS-Vergleich wegen ausbleibenden Steuergelden. Beide Vereine sind Teil der antifaschistischen VVN-BdA.
Die „Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora“ fordert, dass Weimer seinen Auftritt beim diesjährigen Gedenken zur Befreiung Buchenwalds absagt. Nach dem Selbst-Cancelling soll nun das linke Cancelling folgen. Der Zentralrat der Juden, die israelische Botschaft und der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald halten zwar dagegen. Aber die Botschaft ist klar: Weimer ist bei Linken von nun an persona non grata. Jeder, der sich mit ihm einlässt, steht nun gegen die Lagerverbände, die in Weimer mit all ihrer vermeintlichen historischen Autorität die neue Gestapo sehen.

Ein Antifaschistischer Buchenwald-Verband vergleicht Weimer mit der Gestapo.
Nun geht es um Heine
Genau in dieser Phase geht es nun zum ersten Mal um Kunst. Die „Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora“ zeigt sich brüskiert über Weimers Verwendung eines Heines-Zitats. Weimer hatte den Dichter mit den Worten zitiert: „Der Taufzettel ist die Eintrittskarte zur europäischen Kultur.“ Der Verband kritisiert, damit würde Weimer behaupten, „dass wir aus [seiner] Sicht nicht zum Bereich der europäischen Kultur gehören“.
Wer einen Text für den Schweizer Monat liest, in dem Weimer das Zitat 2013 (!) mal verwendet, merkt: Weimer benutzt es selbst ironisch – wenn auch unpassend – als Verweis darauf, dass Europa im Kern christlich ist. Das ist in Rekurs auf die Heine-Sentenz zynisch. Aber es ist genauso wenig diskriminierend, wie zu sagen, dass Saudi-Arabien im Kern muslimisch oder Israel im Kern jüdisch ist.

Nun steht Heinrich Heine im Mittelpunkt des Kulturkampfes.
Der Heine-Aufstand der Lagerverbände ist auch deshalb so interessiert, weil ein vermeintliches Heine-Zitat schon Aufreger in der ohnehin verrückten Debatte zum Buchhandlungspreis gewesen war. Weil Weimer nicht öffentlich machte, was ihn an den ausgeschlossenen Geschäften störte, sondern sich bloß auf „Erkenntnisse“ des Verfassungsschutzes berief, waren das große Thema der Debatte nicht die eigentlichen Kontakte der Läden in die linksextreme Szene, sondern ein Spruch an der Fassade des ausgeschlossenen Ladens „Golden Shop“.
Auf dessen Fassade steht „Deutschland verrecke bitte“. Die Linken werten den Satz als ein Zitat der linksradikalen Punk-Band Slime. Die sang 1981 „Deutschland verrecke, damit wir leben können“. Weil es zu diesem Satz sogar ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts gibt, entdecken Linke nun nicht nur vermeintlich die Meinungsfreiheit wieder, sondern auch Heine.
Das Gericht erklärte 2000 die Aussage für zulässig und verwies auf Heines „Schlesische Weber“ (1844) als vermeintliches „literarisches Vorbild“. In Heines Gedicht heißt es: „Deutschland, wir weben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch – wir weben, wir weben!“. Das Verfassungsgericht erklärte dies zu einer „kaum weniger radikalen und bitteren Kritik an den Zeitumständen“ als die, die Slime tätigte.
Weimers Feigheit
Die Eskalation ist vorerst auf dem Höhepunkt angelangt. Auf Gestapo kann, zumindest verbal, aber auch nicht mehr viel folgen. Weimer wird trotzdem weiter versuchen, gerade bei solchen Verrückten zu punkten. Die Winde wehen steil in diesen Höhen und zerstörerisch, und irgendwie hängen sie dann ja doch alle aneinander. Manche möchten Geld, der andere Gesellschaft.
Die Verachtung und die Ausgrenzung, die Weimer von den Linken erfährt, haben ihren Motor dabei auch in der mangelnden Konsequenz und Weimers Feigheit selbst, die diese Verachtung antreibt und die Weimer wiederum dazu treibt, immer noch feiger zu werden – würde nicht NIUS ab und an mal berichten. Wer stolz ist, reagiert auf Ausgrenzung eben nicht mit Anbiederung. Und erst recht nicht mit Steuergeld.
Am Ende ist die Tragik Weimers banal: Es ist die Tragik eines „Mannes der Mitte“, der nichts als diese „Mitte“ und nichts Eigenes verteidigt. Die Tragik eines Mannes, der meint, seine Zeit so gut zu verstehen, dass er am Ende nicht mehr weiß, wo er in dieser Zeit eigentlich selbst steht.

Wolfram Weimer ist banal.
Auf Weimer trifft das zu, was Ernst Bloch einst so ähnlich über den Soziologen Karl Mannheim formulierte, einem der Erfinder der „wehrhaften Demokratie“. Oder, wie Weimer über ihn sagen würde: „Ab 1922 hat er die Brandmauer der Weimarer Republik definiert und auch deswegen ist er für uns eine gute Figur.“
Mehr NIUS: Wie NIUS Wolfram Weimer zwang, sich mit dem linksradikalen Kulturbetrieb anzulegen
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Jens Winter
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